Warum ist die Dreisam weiblich?

Hermann Horn

Woher wissen wir eigentlich, dass es "die" Dreisam ist? Warum ist der Neumagen maskulin? Wer hat das bestimmt und nach welchen Regeln? Einfache Fragen mit etwas komplizierteren Antworten. Gegeben hat sie uns Rudolf Post, der das Badische Wörterbuch herausgibt.



Gewässernamen sind, ebenso wie Ortsnamen, in weiten Teilen Europas die ersten Zeugnisse menschlicher Existenz. Unsere heutigen Flussnamen stammen häufig direkt aus dem Indogermanischen, dem (Vor-)Keltischen und dem Germanischen.


Urkunden dokumentierten über Jahrhunderte hinweg die Flussnamen. Das waren Urkunden wie Grenzbeschreibungen, Geländeverkäufe oder auch Ortsnennungen. "Dies kann man vor allem vom achten bis zum zehnten Jahrhundert zurückverfolgen", sagt Doktor Rudolf Post. Er ist Professor am Deutschen Seminar an der Freiburger Uni und Herausgeber des Badischen Wörterbuchs.

Auch Griechen oder Römer, so Post, seien an der Namensgebung unserer Flüsse beteiligt gewesen - allerdings weniger intensiv, da sie schon die vorhandenen Namen übernahmen.



Doch hatten früher die Menschen einen Leitgedanken, mit dem sie Gewässer benannten? Es kommt bei dieser Frage stets auf den Einzelfall an. Heutige Flussnamen haben, wie Ortsbezeichnungen, verschiedene Sprachgeschichten, die deren Bildung ausschlaggebend beeinflussen.

Eines haben die Flussnamen aber in jeder Sprache gemein: sie entsprechen  fast immer der damaligen Bezeichnung für Begriffe wie „fließen, strömen, stürzen, Wasser, Bach…“. "Außerdem gibt es noch so genannte Farbwörter, die sich auf das äußere Erscheinungsbild des Gewässers beziehen", sagt Post. So wurde die norddeutsche Elbe nach ihrem hellen und die Schwarzach (ein Zufluss zur Donau bei Riedlingen) nach ihrem damals eher dunkleren Wasser benannt.



Hat man also die älteste Form des Namens zurückverfolgen können, so wird bei der Untersuchung zwischen dem grammatischen und dem natürlichen Geschlecht unterschieden.

Unter den Begriff des natürlichen Geschlechts fallen – selbsterklärend – die Artikel von Lebewesen, deren Geschlecht vordefiniert ist (DER Mann, DIE Frau). Das grammatische, sachliche Geschlecht – das Genus – lässt sich oft durch Ableitungen variieren.

Zum Beispiel: der Mann, das Männlein
die Frau, das Fräulein
die Binde, der Bund, die Bindung



Bestimmt wird das Genus von der Zusammensetzung im Namen. Ein Beispiel hierfür wäre die Regel, dass alle auf ‚–bach’ endenden Wasserläufe auch entsprechend maskulin bezeichnet werden (der Hölderlebach).

Entsprechend gibt es auch Endungen, die ein weibliches Genus kennzeichnen, wie zum Beispiel ‚-ach’ beziehungsweise ‚-ache’ (die Schwarzach, die Wutach). So ist der Name ‚Schwarzach’ (fem.) ganz einfach ein Gefüge aus dem Farbwort „Schwarz“ und der alten Endung „-ach“.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass die simple Behauptung, von den Kelten benannte Gewässer seien männlich, jeder ältere Wasserlauf weiblich, so nicht zutrifft. Im Gegenteil: Die keltische Mundart kannte feminine (die Kinzig, die Murg, die Dreisam) wie, wenn auch in klarer Unterzahl, maskuline Flussnamen (der Neumagen).



Namensursprünge regionaler Flüsse

  • Neumagen: keltisch (noviomagus = neues Feld, maskulin)
  • Kinzig: keltisch (etwa „Einschnitt, Schlucht“, feminin)
  • Dreisam: keltisch (dragus = „schnell laufend/fließend“; in Kombination mit einem Superlativ (–sama) enstand der Name dragisama, der der heutigen Bezeichnung Dreisam sehr nahe kommt, feminin)
  • Elz: vorkeltisch (der ursprüngliche Stamm war warscheinlich ‚altia’, der durch Lautveränderungen in Kombination mit den Wortteilen „el-/ol-“ (fließen, strömen) zur heutigen Elz wurde, feminin)
  • Neckar: vorkeltisch (wahrscheinlich nach seinem stürmischen Lauf benannt, da ‚nik’ soviel wie ‚losstürmen’ bedeutet. Hinzu kommt die vorchristliche Endung ‚-ros’, so dass aus „Nikros“ „Nicarus“ wurde, davon abgeleitet dann „Neccarus“ und endlich „Necker“ beziehungsweise „Neckar“, maskulin)
  • Rhein: geht aufs Indogermanische zurück, woraus sich auch das altgriechische Wort für „fließen“ (rhëin) bildet (von den Kelten wurde der Rhein ‚rhenos’, von den Römern ‚rhenus’ genannt. Hinzu kommt noch das altgermanische Wort ‚reinos’ für „großer Fluss / großes Gewässer“, maskulin). Beachtlich ist, dass der Rhein schon bei den Autoren des alten Griechenland als einer der bedeutendsten Flüsse Erwähnung fand.
  • Donau: indogermanisch (ist sprachlich verwandt mit dem russischen Wort „Don“ und bedeutet „fließendes Gewässer“ = danu. Die Donau war bei den Römern zwar noch männlich („danuvius“), bei Germanen jedoch wurde sie durch die Verschmelzung mit -owe, -ouwe (Aue, Fluss) ein Femininum)
  • Wiese: alteuropäisch (die Wurzel bilden entweder ‚wiss’ oder ‚weis’ aus dem Vorlateinischen, das steht für „fließen“. Mit der Endung ‚–a’ wurde der feminine Flussname ‚wisia’ gebildet, der so viel wie „die Fließende“ bedeutet, feminin)
  • Kander: indogermanisch (ebenso wie die Acher feminin)
  • Murg : keltisch (Grenzfluss, urverwandt mit dem Begriff ‚mark’ = „die Grenze“, feminin)
  • Möhlin: keltisch (zum ersten Mal schriftlich festgehalten um 868 n. Chr. als ‚melia’ (feminin, da Endung –a). Ist zurückzuführen auf die keltische Bezeichnung für „die Flut“ (‚malina’). Im Mittelalter sagte man „melin“, umgangsprachlich „d’melin“. Die Lautveränderung machte aus dem ‚e’ ein ‚ö’ und so enstand der heutige Name „Möhlin“, feminin)
  • Schutter: germanisch (beinhaltet „scutto“ für „schießen“, feminin)



Mehr dazu:

Web: Badisches Wörterbuch
fudder.de: Wo endet die Dreisam?