Warum haben wir eigentlich Frühlingsgefühle?

Claudia Füßler

Du hast auf dem Heimweg spontan Lust zu singen? Oder lächelst– das ist sonst gar nicht Deine Art – dem Typen oder Mädchen am Cafétisch gegenüber verwegen zu? Und irgendwie steigt die Laune mit jedem Zentimeter Haut, der endlich Frischluft schnuppert? Herzlichen Glückwunsch, Du bist stolze(r) Besitzer(in) von Frühlingsgefühlen. Wobei es die aus rein wissenschaftlicher Sicht überhaupt nicht gibt.



Doch mal ehrlich: Eigentlich ist es völlig schnuppe, ob die Wissenschaft die Existenz dieser kribbelflatterigen Gutelaunegefühle belegen kann, die uns im Lenz raus aus der Wohnung und rein in  die Arme einer neuen Liebe oder wenigstens eines prickelnden Flirts treiben. Dann ist es eben wunderbare Einbildung, Doping fürs Gemüt.


Wir pellen uns aus Rollkragenpullovern und Daunenmänteln, putzen die Wohnung, schmieden Pläne und sind wieder sowas von gesellig. „Es ist, als ob wir plötzlich Luft unter die Flügel kriegen“, sagt Michael Wirsching, der an der Uniklinik Freiburg die Abteilung Psychosomatische Medizin leitet. „Das verstärkt sich dann noch einmal, wenn wir wie dieses Jahr sehr lange auf den Frühling warten mussten.“ Die Empfänglichkeit für den ersten warmen Hauch wird dadurch größer. „Das ist wie beim ersten Schnee – Sie wissen, dass es irgendwann kommen muss, sehnen es herbei. Und wenn es dann eintritt, sind Sie völlig aufgekratzt.“

Mehr noch als die Wärme wirkt sich Licht, also Sonne, darauf aus, dass wir emotional ein bisschen übersteuern und den Blick länger auf fremden Schenkeln ruhen lassen. Licht gelangt durch die Netzhaut der Augen in die Zirbeldrüse, wo das Schlafhormon Melatonin produziert wird. Die Regel ist einfach: Je mehr Licht, desto weniger Melatonin. Wir sind dann aktiver, die sexuelle Erregbarkeit steigt.

„Die atmosphärischen Änderungen im Frühling werden von vielen Menschen so bewusst wahrgenommen, dass dadurch auch der Spiegel der Glückshormone Serotonin, Dopamin und Oxytocin steigt“, erklärt Wirsching. Wer selbst glücklich ist, tritt anders auf, erhält positive Rückmeldungen aus dem Umfeld und fühlt sich deshalb wiederum noch besser – eine einfache Frühjahrsglücksspirale.

Doch auch hier verweist die Wissenschaft penibel auf die nicht vorhandenen Daten und merkt an, dass die Zivilisation die Lenzlust kastriert hat, indem sie  Lampen für die dunkle Jahreszeit und die Pille für die Frau erfunden hat. Die gestiegene Kopulationsfreude im Frühjahr ist demnach ein Relikt vergangener Zeiten, es werden in den Vorsommermonaten – und das ist endlich mal belegbar –  nicht mehr Kinder gezeugt als im Rest des Jahres.

Wer sich dennoch von Frühlingshauch und Co. inspiriert fühlt – nur zu. „Diese eigentümliche, fast schon archaische Aufbruchstimmung rührt auch daher, dass wir wissen, dass diese Phase endlich ist. Das Beschwingte, Leichte wird bald dem schweren, heißen Sommer weichen, also versuchen wir, die Zeit ganz intensiv zu nutzen“, sagt der Psychotherapeut Wirsching.  Und: „Das ist durchaus auch erotisch konnotiert.“ Na bitte.

Leider gibt es auch hier eine Kehrseite der Medaille, es gibt nämlich auch Menschen, denen es schlechter geht, wenn die Tage länger werden. Die sogenannte Frühjahrsdepression gründet  darin, dass die eigene schwierige Situation oder der mangelnde Kontakt zu anderen Menschen dann besonders deutlich werden, wenn die ganze Welt in den Händen von Fröhlichen und Verliebten zu sein scheint.

Betroffene fühlen sich unter Druck gesetzt von der omnipräsenten Heiterkeit, sie werden noch antriebsloser. „Wenn es sich nicht um eine ernste Erkrankung handelt, kann man da durchaus was tun, um die Frühlingsgefühle quasi ein wenig herbeizuführen: Fenster auf, so oft wie möglich raus an die frische Luft und diese Momente als einzigartig genießen“, empfiehlt Michael Wirsching.

Frei nach dem Motto: Wir machen uns jetzt einen prächtigen Frühling.

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[Foto: Bamberger; Dieser Text ist heute ebenfalls auf der 'Frisch gepresst'-Seite der Lokalausgabe Freiburg der Badischen Zeitung erschienen.]