Warum gibt es Weihnachten?

Christoph Müller-Stoffels

fudder-Weihnachtsgeschichte: Warum gibt es Weihnachten? Und wie kann man die traurige Wahrheit, dass es sich bei dem Fest um eine Erfindung der Spielzeugindustrie handelt, in eine schöne Geschichte verwandeln? In der fudder-Weihnachtsgeschichte hat sich unser Autor Christoph Müller-Stoffels mit diesen und anderen Fragen beschäftigt.



Warum es Weihnachten gibt

"Warum gibt es Weihnachten?" Zwei große runde Kinderaugen sahen mich fragend an. Genau genommen waren es blaue Kinderaugen, die in Knopfgröße aus einem ebenso runden Gesicht guckten. Ich meine hier nicht diese kleinen Knöpfe, wie sie an Oberhemden zu finden sind und die man nach dem Kauf erst einmal abreißen und wieder annähen muss, damit sie ihren Zweck erfüllen. Nein, es waren richtig große Holzknöpfe, wie man sie an eine urgemütliche Strickjacke näht. Eine Strickjacke aus Wolle, und zwar in dem Ton, den man gemeinhin naturfarben nennt, vielleicht auch ein bisschen ins Grau übergehend. Umrahmt wurde das Gesicht von einem blonden Haarschopf, der, etwas wirr, die Neugier zu bestätigen schien, die aus den Augen funkelte.

"Warum gibt es Weihnachten?" Wieder die Frage, in einem ruhigen Ton gestellt, so, als sollte ich gut überlegen, bevor ich antwortete. Eigentlich, so dachte ich, habe ich jetzt Besseres zu tun, als irgendeinem Stöpsel, dessen Geschlecht für mich auf den ersten Blick nicht zu ergründen war, etwas über Weihnachten zu erzählen. Aber wie sollte ich mich hier wieder herauswinden?

"Was ist ein Kindergarten?"

"Hast du die Geschichte nicht schon im Kindergarten gehört?" Natürlich hatte er? sie? es! schon im Kindergarten davon gehört. Jeder erfährt im Kindergarten davon, wenn nicht sogar schon viel früher. Und wenn es schon davon gehört hatte, war ich meiner Pflicht enthoben und hatte meine Ruhe.

"Was ist ein Kindergarten?" Nun war es an mir, fragend, nein, wohl eher irritiert zu schauen.

"Du weißt nicht, was ein Kindergarten ist? Jeder weiß, was ein Kindergarten ist, und in jedem Kindergarten wird einem erzählt, warum es Weihnachten gibt!"

"Aber ich weiß nun einmal nicht, was ein Kindergarten ist, und bitte dich deshalb mir zu erzählen, warum es Weihnachten gibt." Wieder dieser ruhige Tonfall, dazu ein bittender Blick aus den Holzknopfaugen, in denen ich nun auch einen leichten Grünstich erkennen konnte. Aber das Blau überwog bei weitem. Nun blieb mir wohl keine andere Wahl, als dem androgynen Knirps die Weihnachtsgeschichte zu referieren. Obwohl ich mich dazu alles andere als in der Lage sah. Außerdem war ich überzeugt, nicht der Richtige dafür zu sein, war ich doch vor fünfzehn Jahren aus der Kirche ausgetreten und glaubte eher an den Mann im Mond als an den Weihnachtsmann oder das Christkind. Nur war ich auch der Ansicht, dass ich meinem Zuhörer nicht die Wahrheit erzählen konnte, nämlich, dass Weihnachten nur eine Erfindung der Spielzeugindustrie war, die damit ihren Umsatz steigern wollte, und das, nebenbei gesagt, auch sehr erfolgreich tat.

Geburten in der Dritten Welt

"Und bitte erzähl mir nur die Wahrheit, wenn es eine schöne Geschichte ist. Ich mag schöne Geschichten." Toll, dachte ich, der Knirps kann also meine Gedanken lesen. Das fängt ja gut an. Aber was sollte ich ihm erzählen? Ist die Weihnachtsgeschichte, wie sie in der Bibel überliefert ist, eine schöne Geschichte? Sie erinnerte doch eher an eine Reportage über Geburten in der dritten Welt. Oder sollte ich über den Weihnachtsmann, einen alten Kerl mit dickem Bauch und fettigem Bart erzählen, der sich durch Schornsteine zwängt, gelegentlich dabei stecken bleibt und deswegen ziemlich frustriert ist? Zum einen wäre das keine schöne Geschichte, und zum anderen würde auch die Erklärung für das Weihnachtsfest fehlen. Schließlich musste der alte Mann irgendwann mit dem Unsinn angefangen haben. Wahrscheinlich hatte er eine ABM-Stelle der Spielzeugindustrie angenommen, als er noch jünger war. Mit Sicherheit hatte er nach dem Hauptschulabschluss keine anderen Perspektiven gehabt, als sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser zu halten. Hier und da mal die schnelle Mark gemacht, die dann auch schnell wieder weg war, und dann hatte er die Chance gesehen, bei einem großen Unternehmen wie Lego© oder Mattel© anzuheuern. Eigentlich gut so. Besser, die Menschheit bekommt durch eine ABM-Maßnahme einen Weihnachtsmann, als dass ein weiterer versoffener Arbeitsloser im sozialen Netz hängt. Aber das konnte ich dem Kind wirklich nicht erzählen, denn eine schöne Geschichte war das nicht, und vielleicht war das nicht einmal die Wahrheit. Es war einfach die geballte Kraft nahe liegender Vermutungen.

Irgendetwas zog an meinem Ärmel. Als ich hinuntersah, bemerkte ich den Knirps, der mir zu verstehen geben wollte, dass er auch noch da war. Ich war in Bedrängnis.

Sterben lassen? Zu brutal!

"Also", sagte ich und räusperte mich, "vor langer, langer Zeit", denn so fangen viele gute Geschichten an, "in einem weit entfernten Land", je größer die Entfernung zum Handlungsraum ist, zeitlich wie geografisch, desto spektakulärer kann die Geschichte werden, "da lebte einmal ein kleines Kind." Warum lebte dort ein kleines Kind? Hatte ich noch alle Sinne beieinander? Was hatte ein kleines Kind in meiner Weihnachtsbegründung für Kinder zu suchen? Na ja, jetzt war es zu spät. Ein Rückzieher würde meine Glaubwürdigkeit in Frage stellen. Vielleicht könnte ich es im Laufe der Geschichte sterben lassen? Nein, zu brutal! Aber es könnte eventuell einfach verschwinden, Urlaub bei den Großeltern oder so.

"Ich glaube, ich mag deine Geschichte." ‚Lieb’ wäre die richtige Beschreibung für den Gesichtsausdruck. "Wie geht sie weiter?" Der Tonfall war überhaupt nicht ungeduldig, eher aufmunternd. Das Problem war, dass ich mir gerade die gleiche Frage gestellt hatte.

"In dem Land, damals, dort, wo das kleine Kind lebte … Also, nur damit du mich nicht falsch verstehst, das Kind war kein Baby, sondern ungefähr so alt wie du." Wie alt war mein Gegenüber eigentlich? "Jedenfalls war es in dem Land schrecklich dunkel. Das hing mit der Lage des Landes zusammen und der Zeit, in der die Geschichte spielte. Denn damals war durch einen Meteoriteneinschlag eine riesige Staubwolke aufgewirbelt worden, die die Sonne verdeckte und ihr Licht nicht mehr bis zur Erde vordringen ließ." Keine schöne Vorstellung, aber irgendwie erinnerte mich das an eine deutsche Großstadt im November. Eine Großstadt mit Flughafen und viel Straßenverkehr.

"Weil die Sonne nur noch als etwas hellerer grauer Fleck am grauen Himmel zu erkennen war, blieb auch ihre Wärme aus. Die vorher farbenprächtigen Pflanzen ließen nach und nach ihre Köpfe hängen, verloren ihre Blätter und hörten auf zu blühen. Schließlich standen nur noch die Stämme der Bäume und die Äste der Sträucher traurig da und reckten verzweifelt ihre kahlen Zweige dem Himmel entgegen, als wollten sie die Sonne zur Rückkehr überreden. Aber die kam nicht."

Die Sonne zur Rückkehr überreden

Mein Zuhörer blickte mich traurig an und schien eine Träne unterdrücken zu müssen. Auch ich bemerkte bei mir den Anflug eines Kloßes im Hals. Schnell erzählte ich weiter.

"Auch die Menschen wurden immer trauriger. Mit hochgezogenen Schultern, den Blick zu Boden gerichtet, liefen sie in den Straßen aneinander vorbei. Früher hatten sie einander glücklich angelächelt, wenn sie sich begegnet waren. Heute wollten sie die anderen gar nicht mehr sehen, wollten lieber allein sein. Die bunte Vergangenheit, die sie miteinander teilten, hatte nichts mehr mit der grauen Gegenwart zu tun. Und Besserung war nicht in Sicht."

Dem Knirps kullerten jetzt wirklich Tränen über die Backen. Das war aber eher auf seine Sensibilität als auf die Kraft meines Erzählstils zurückzuführen. Eigentlich war das noch immer keine schöne Geschichte, eher eine hoffnungslos deprimierende. Und somit war ich gerade dabei, mein Ziel meilenweit zu verfehlen, war ich doch um eine schöne Geschichte gebeten worden. Ich musste mir etwas einfallen lassen, denn zum einen wollte ich nicht für ein frühkindliches Trauma herhalten, zum anderen war ich ja dabei, Weihnachten zu begründen. Und da kam mir der glorreiche Einfall, das zu Anfang erwähnte Kind zu reaktivieren. Es war bislang weder gestorben noch auf unerklärliche Weise in den Irrungen der Staubwolke verloren gegangen. Und selbst wenn es seine Großeltern besucht hatte, was bislang nicht einmal im Ansatz Erwähnung gefunden hatte, so sollte mir das nur recht sein, konnte es sich doch nun umso erholter in die trüben Wirrungen meines Versuches einer semirationalen Begründung eines Ereignisses stürzen, dessen Auswirkungen uns als Kaufrausch und Konsumwut bekannt sind.

"Auch das kleine Kind war traurig. Es war traurig, weil die Sonne nicht mehr schien. Es war traurig, weil die Blumen nicht mehr blühten und die Bäume ihre Blätter verloren. Aber am traurigsten war es, weil die anderen Menschen traurig waren." Es hatte anscheinend ein ausgeprägtes Bedürfnis, die Verantwortung dafür auf seine Schultern zu laden und kräftig mitzuleiden. Und genau das passte mir nicht ins Konzept. Mein Protagonist sollte keine weinerliche und schlimmstenfalls noch selbstmitleidige Werther-Figur sein. Diesem Trend musste ich schleunigst entgegensteuern!

Der grenzdebile Spinner

"Das Kind war wirklich traurig, und es weinte sogar ein bisschen, so wie du gerade weinst." Nur dass "mein" Kind einen sehr viel besseren Grund gehabt hatte, als mein holzknopfäugiges Gegenüber. Immerhin war hier die Welt doch augenscheinlich noch halbwegs in Ordnung. Abgesehen vielleicht von einem grenzdebilen Spinner, der einem kleinen blonden Kind mit blaugrünen Augen in Form und Größe von Holzknöpfen, wie man sie an eine bequeme Strickjacke näht, dessen Geschlecht der Spinner nicht zu ergründen weiß, eine erfundene Begründung für das Weihnachtsfest erzählt. Aber so schlimm war das nun auch nicht und hätte höchstens den einen oder anderen Moralapostel aufmerken lassen. Aber solche Leute wollen wir lieber aus dem Spiel lassen, sonst kann die Geschichte kein gutes Ende nehmen.

"Aber es wusste auch, dass man die Begebenheiten, mit denen man nicht glücklich ist, zu seinem Wohlgefallen" – was für ein furchtbares Wort, aber es passte zu Weihnachten – "verändern muss." Ein Realist würde hier einfügen, dass man nicht alle Begebenheiten verändern kann und deshalb auch einen Unterschied machen sollte zwischen denen, die zu verändern man in der Lage ist, und denen, die zu verändern man nicht in der Lage ist und mit denen man sich deshalb arrangieren muss. Zu unserem Glück haben wir es hier nicht mit Realisten zu tun.

"Es dachte lange nach, was es tun könnte. Es machte das Licht an, um besser nachdenken zu können, und als das nichts half, machte es das Licht aus, damit so vielleicht der zündende Gedanke kommen könnte. Aber dann war es zu dunkel, denn selbst zur Mittagszeit kam nur wenig Sonne durch den Staubwolkenschleier. Da machte das Kind das Licht wieder an, und mit dem Licht kam die Erleuchtung. Denn das Licht war es ja, das fehlte, das Leben spendende, wärmende und erfreuende Licht. Nur konnte das kleine Kind der Dunkelheit nicht so einfach entgegentreten, wie es das vielleicht gern gemacht hätte. Oder wie es vielleicht ein Erwachsener gemacht hätte. Der bemerkt, dass Licht fehlt, folgert daraus, dass Licht benötigt wird, und stellt gleißend helle Halogenstrahler auf. Aber ein Kind wäre dazu gar nicht in der Lage gewesen, schon gar nicht das kleine Kind, von dem ich hier erzähle." Ich gestattete mir eine rhetorische Pause.

"Was hat es denn dann gemacht?" Gespannt sahen mich die hinlänglich erwähnten Sehinstrumente an.

Neues Leben in der Welt

"Nun, es fragte sich, womit man Wärme und Glück sonst noch verbreiten und dabei vielleicht sogar noch ein bisschen Leben spenden kann. Weil es mit viel Liebe von seiner Mutter und seinem Vater erzogen worden war, fielen ihm diese auch sofort ein, denn es dachte, dass es seine Eltern vielleicht um Rat fragen könnte. Und wie es so dachte und der Gedanke noch nicht seinen Weg durch das Gehirn beendet hatte – es war ein sehr alter Gedanke, der immer wieder eine Verschnaufpause einlegen musste – stieg in ihm ein Gefühl der Wärme und des Glücks auf. Und es fragte sich, wen es noch um Rat bitten könnte und dachte dabei an seine Freunde und Bekannten, und das Gefühl der Wärme und des Glücks wurden immer stärker. Eigentlich, so dachte es, könnte ich auch einfach die Menschen auf der Straße fragen. Als die Sonne noch da war, hätte mir jeder Mensch, den ich auf der Straße angesprochen hätte, bereitwillig geholfen. Und wie es so an alle Menschen dachte, die es um Rat bitten könnte, wuchs das Gefühl der Wärme und des Glücks ins Unermessliche. Und da fiel es dem Kind wie Schuppen aus den Haaren. Die Liebe war natürlich die Lösung des Problems." Ich fragte mich, woher die Gedanken kamen, die da zu Worten geformt meinen Mund verließen. Bei den Schuppen war ich mir relativ sicher, aber die übrigen irritierten mich etwas. "Und weil das Kind schon so voller Liebe war, weil es alle Menschen mit seinen liebevollen Gedanken bedacht hatte, fing es plötzlich an zu leuchten. Und obwohl es das Licht im Zimmer wieder ausgemacht hatte, war es taghell. Die Zimmerpflanzen, die bis dahin nur noch kranke Gerippe gewesen waren, begannen plötzlich wieder neue Triebe zu schlagen. Das Kind erzählte sofort allen Menschen, die es traf, von den wundervollen Dingen, die man mit der Kraft der Liebe anstellen konnte. Viele Menschen machten es dem Kind nach. Und deren Beispiel folgten wieder andere. So begann die Welt wieder zum Leben zu erwachen. Um an die Kraft der Liebe zu erinnern und uns ihrer wundervollen Wirkung bewusst zu werden, feiern wir Weihnachten." Ich war wirklich beeindruckt von mir. Zwar wusste ich nicht, wo diese Geschichte herkam, aber ich schien endlich eine auch für mich sinnvolle Erklärung für das Weihnachtsfest gefunden zu haben.

"Das war eine wirklich schöne Geschichte. Ich danke dir dafür!" Das Kind lächelte wieder und seine Augen sprühten nur so vor Liebe. Ich wusste immer noch nicht, welchem Geschlecht mein außergewöhnliches Gegenüber angehörte.

"Darf ich dich was fragen?" Ich war nicht sicher, ob ich die Frage wirklich stellen sollte, aber meine Neugier und mein Wissensdrang überboten die Zweifel mit guten Argumenten.

"Aber sicher!"

"Bist du eigentlich ein Mädchen oder ein Junge?"

"Ist das denn so wichtig?", fragte es, lächelte, breitete seine Flügel aus und flog davon.

Mehr dazu:

Diese Geschichte und sieben weitere ist unter dem Titel "Ein kühner Entschluss" 2005 bei Fischer & Fischer erschienen. Weitere Geschichten von Christoph Müller-Stoffels finden sich hier: vascobohemia.net