Safe Abortion Day

Warum Frauen in Freiburg für sichere Schwangerschaftsabbrüche auf die Straße gehen

Gina Kutkat

Weltweit demonstrieren am Samstag Menschen für die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen – auch in Freiburg. Katharina Rühlmann erklärt, worum es beim Safe Abortion Day geht.

In Freiburg ruft das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung am internationalen Tag zur Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen zu einer Kundgebung auf. Mit dabei ist auch die Freiburger Ärztin Katharina Rühlmann. Sie findet, dass ungewollt Schwangere in ihren Rechten begrenzt werden.

Frau Rühlmann, Sie fordern, Schwangerschaftsabbrüche zu entkriminalisieren. Was genau meinen Sie damit?

Wir kämpfen für die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen. Schwangerschaftsabbrüche sind in Deutschland immer noch nicht problemlos möglich. Durch die Paragrafen 218 und 219a im Strafgesetzbuch werden sie kriminalisiert. Das schafft zusätzlich eine Tabuisierung und Stigmatisierung in der Gesellschaft. Dabei kommen ungewollte Schwangerschaften zu jeder Zeit in allen Gesellschaften und in allen Schichten vor. Im Laufe des Lebens einer Frau ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass es auch mal einen Verhütungsfehler gibt. Jede Frau hat etwa 200 bis 300 Eisprünge im Leben, also viel Potential, Kinder zu kriegen. Der biologische Zufall einer ungewollten Schwangerschaft ist ein gesellschaftliches Problem, das man nicht wegdenken sollte.

"Es sind nicht nur ungewollt Schwangere in ihren Rechten begrenzt, sondern auch Ärztinnen und Ärzte."

Sie fordern, die Paragraphen 218 und 219a abzuschaffen. Was ist daran problematisch?

Der Paragraf 218 hebt die Regelung der Gesundheit der Frau ins Strafgesetzbuch. Er besagt, dass Schwangerschaftsabbrüche nur unter bestimmten Bedingungen straffrei sind: Wenn Frauen sich in den ersten zwölf Wochen bei einer anerkannten Stelle beraten lassen. Die Beratungen sind sicherlich gut, könnten aber auch freiwillig sein. Momentan werden Frauen wahnsinnig bevormundet. Wir trauen ihnen zu, Kinder großzuziehen, aber nicht, dass sie die Entscheidung treffen können, wann sie diese Kinder haben möchten. Keine Frau auf der Welt geht leichtfertig mit so einer Entscheidung um. Der Paragraph 219a steht schon seit mehreren Jahren im Fokus der Öffentlichkeit, weil Ärztinnen und Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten und darüber auf ihrer Website informieren, vor Gericht standen und zu hohen Geldstrafen verurteilt wurden. Im Januar wurde ein Kompromiss von der großen Koalition verabschiedet, der Abhilfe schaffen sollte.

Warum reicht der Kompromiss nicht aus?

Weil immer noch Ärztinnen und Ärzte verklagt werden. Sie dürfen zwar jetzt schreiben, dass sie Abbrüche durchführen, aber nicht auf welche Art – also medikamentös oder operativ. Das ist aber wichtig für die hilfesuchende Person, weil man den medikamentösen Abbruch nur bis zur neunten und den operativen nur bis zur zwölften Schwangerschaftswoche durchführen lassen kann. Es sind also nicht nur ungewollt Schwangere in ihren Rechten begrenzt, sondern auch Ärztinnen und Ärzte. Die Anklagen wirken wie ein Pranger, was auch dazu führt, dass Ärztinnen und Ärzte sich nicht auf die Liste der Bundesärztekammer zu Schwangerschaftsabbrüchen schreiben lassen, auf die ungewollt Schwangere zurückgreifen sollen. Auf der Liste stehen aktuell 87 von 1200 Ärzten – aus Baden-Württemberg niemand.

"Das ist ein Versagen der Universitätsmedizin: Ein Haus der Maximalversorgung führt einen der häufigsten gynäkologischen Eingriffe nicht durch."

Auf was stoßen Frauen im Netz, wenn sie sich über Abbrüche informieren wollen?

Das ist das große Problem. Den Abtreibungsgegnern sind überhaupt keine Grenzen gesetzt. Da gibt es beispielsweise Seiten, auf denen Schwangerschaftsabbrüche mit dem Holocaust verglichen werden. Es werden Bilder verwendet, die Lügen verbreiten, indem sie Spätschwangerschaftsabbrüche zeigen, die nichts mit den Frühschwangerschaftsabbrüchen zu tun haben. Das Netz ist voller Falschmeldungen, Polemik und Hetze. Das führt dazu, dass eine Frau in einer Notsituation auf obszöne Bilder stößt, während die sachliche und fachliche Informationen der Ärztinnen und Ärzte gesetzlich im Strafgesetzbuch unterbunden werden.

Welche Schritte muss eine Frau in Freiburg gehen, wenn sie einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen will?

Frauen werden sehr viele Steine in den Weg gelegt, wenn sie sich für einen Abbruch entscheiden. Zunächst muss man sich beraten lassen. Was die Beratungsstellen angeht, ist Freiburg sehr gut aufgestellt. Man bekommt einen Schein ausgehändigt; zwischen dem Ausstellen des Scheins und dem Abbruch müssen drei Tage liegen, damit jede Frau Bedenkzeit hat. Als würde eine Frau nicht sowieso schon die ganze Zeit darüber nachdenken – wieder eine krasse Bevormundung. In Freiburg ist die Versorgung momentan noch gut durch ambulante Praxen, aber auch hier gehen bald Ärztinnen und Ärzte in Rente und der Nachwuchs fehlt. Außerdem bieten große Kliniken wie das Universitätsklinikum keine Schwangerschaftsabbrüche an. Das ist ein Versagen der Universitätsmedizin: Ein Haus der Maximalversorgung führt einen der häufigsten gynäkologischen Eingriffe nicht durch. Die Versorgungslücke in Baden-Württemberg ist nicht flächendeckend und im Ländervergleich eher schlecht.

"Jährlich sterben weltweit 22.800 Frauen an unsicheren, unprofessionell durchgeführten Schwangerschaftsabbrüchen."

Wie sieht es in anderen Ländern aus?

Deutschland ist im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sehr restriktiv, was Abbrüche angeht. Man sieht, dass in Ländern, in denen es straffrei ist, nicht mehr Abbrüche stattfinden, sondern eher weniger. In Ländern mit sehr restriktiven Gesetzen finden mehr unsichere Abbrüche statt, die zudem viel später stattfinden, weil sich die Frauen nicht trauen, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Jährlich sterben weltweit 22.800 Frauen an unsicheren, unprofessionell durchgeführten Schwangerschaftsabbrüchen.

Welchen Bestandteil hat die Auseinandersetzung mit Schwangerschaftsabbrüchen im Medizinstudium?

An vielen Unikliniken in Deutschland war es bisher kaum Thema. Auch in der Ausbildung in Freiburg wurde der Schwangerschaftsabbruch nach medizinischer Indikation bisher nur theoretisch angerissen. Dabei ging es um Spätschwangerschaftsabbrüche, die durchgeführt werden, weil die Gesundheit der Schwangeren gefährdet ist. Gerade die frühen Abbrüche machen aber 97 Prozent aller Abbrüche aus und wurden so gut wie gar nicht thematisiert. Wer in der Facharztweiterbildung für Gynäkologie ist, lernt nicht verpflichtend, Abbrüche durchzuführen. Aktuell ist allerdings viel Bewegung in dem Ganzen, viele kritische Gruppen – auch in Freiburg – wollen das Thema in die Lehre bringen.
Katharina Rühlmann, 34, arbeitet in Freiburg als Ärztin und ist Mitglied der Kritischen Mediziner*innen Freiburg.

Im Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung Freiburg haben sich verschiedene Gruppen und Einzelpersonen zusammengefunden. Unter anderem die kritischen MedizinerInnen Freiburg, die feministische Linke, der Arbeitskreis feministische Theorien, Pro Familia, die Arbeitsgruppe kritischer Juristinnen und Oktopussia.


  • Was: International Safe Abortion Day - Kundgebung in Freiburg
  • Wann: Samstag, 28. September, 13 bis 15 Uhr
  • Wo: Rathausplatz Freiburg