Warum es uns so schwer fällt, Kommas richtig zu setzen

Marissa Müller

Einige setzen Kommas nach Gefühl, andere kennen vielleicht ein paar Grundregeln. Aber warum fällt uns das mit den Kommas eigentlich so schwer? Wir haben mit der Freiburger Sprachlehrerin Astrid Nothen darüber gesprochen.

Frau Nothen, Kommas sind lästig und auf WhatsApp, Facebook und Co. nutzt sie sowieso keiner mehr. Wieso lassen wir sie nicht einfach weg?

Nun ja, in manchen Fällen kann man einen Satz komplett anders verstehen, je nachdem, an welcher Stelle das Komma steht. Es macht also teilweise einen Bedeutungsunterschied aus. Nachrichten in Chats sind immer kürzere Nachrichten. Man schreibt zum Beispiel "Kommst du um fünf?" - "Nein ich kann erst später" - "Ich bring Kuchen mit." - "Dann bring ich die Sahne mit." Dafür braucht man natürlich keine Kommas.

Aber wenn man kompliziertere Sachverhalte ausdrücken möchte, benötigt man Kommas. Sobald ich einen Artikel, einen Sachtext, einen wissenschaftlichen oder einen literarischen Text schreibe, fange ich an, mit Haupt-und Nebensätzen zu arbeiten. Das sind dann kompliziertere Satzstrukturen und da kann und sollte man nicht auf Kommas verzichten. Sonst wären sie ja auch nicht erfunden worden. Vielleicht gibt es ein paar Kommaregeln, die man vereinfachen oder abschaffen könnte, aber gleich das ganze Komma abschaffen – das geht nicht.

Wieso fällt es uns überhaupt so schwer, Kommas zu setzen?

Das Komma ist ein grammatikalisches Strukturzeichen. Wenn wir Rechtschreibung und Kommasetzung lernen – also in der Grundschule – können wir abstrakte Strukturen noch nicht erfassen. Deshalb müssen sich die Grundschullehrenden behelfen und die Regeln kindgerecht erklären. Sie nutzen dann Vereinfachungen wie Tuwörter für Verben oder Namenwörter für Substantive.
So ist es dann auch bei der Kommasetzung: Die Lehrer und Lehrerinnen erklären den Kindern, dass man das Komma da setzt, wo die Stimme hochgeht. Und das steckt dann in uns allen drin.

In Wirklichkeit ist das Komma aber kein Melodiezeichen, sondern ein Satzzeichen, mit dem man Haupt-und Nebensatz voneinander trennt, Aufzählungen oder Beziehungen im Satz darstellt. Das ist übrigens nicht nur im Deutschen so, weil wir oft dazu neigen alles in der Sprache als deutsches Problem zu sehen. In anderen Sprachen haben die Leute genauso Schwierigkeiten mit der Kommasetzung.

Sind die Kommaprobleme in den letzten Jahren gestiegen?

Das würde ich jetzt so nicht sagen. Generell habe ich aber von vielen Lehrenden oder Ausbildern und Ausbilderinnen gehört, dass sie den Eindruck hätten, die Schreibfähigkeiten und Rechtschreibkenntnisse würden abnehmen bei den jungen Leuten. Dazu gibt es auch viele verschiedene Meinungen. Die einen sagen, das liegt an E-Mail, SMS und WhatsApp, weil man da nicht mehr so sehr auf die Schreibung achtet und beim Tippen viele Abkürzungen verwendet.

Andere sagen, das liegt an der Entwicklung an den Grundschulen. In vielen Schulen ist es ja mittlerweile so, dass die Schüler und Schülerinnen in den ersten beiden Klassen nach Gefühl schreiben dürfen und es erst einmal nicht gleich falsch ist. Viele Leute machen diese neuere pädagogische Maßnahme dafür verantwortlich. Ich zweifele das aber an. Da müssten zuerst Untersuchungen her, ob das wirklich damit zusammenhängt.

Welche Kommaregel wird am häufigsten missachtet?

Interessanterweise ist es vor allem bei Erwachsenen, die Schwierigkeiten mit Kommaregeln haben, so, dass sie zu viele Kommas setzen. Meistens setzen sie überall da ein Komma, wo die Stimme beim Sprechen hochgeht. Ein schönes Beispiel habe ich erst letztens auf einer Tafel vor einem Friseurgeschäft gesehen: "Beim Kauf eines Shampoos, schenken wir ihnen eine Haarspülung." Zack - war da, wo die Stimme beim Sprechen hochgeht, ein Komma. Dabei ist "Beim Kauf eines Shampoos" gar kein Nebensatz. Hier gibt es kein Prädikat und deshalb hat das Komma hier nichts verloren. Richtig heißt es "Beim Kauf eines Shampoos schenken wir ihnen eine Haarspülung". Viele Leute sind sich unsicher und setzen dann lieber mehr Kommas als zu wenig.

Hat das auch etwas mit der Rechtschreibreform von 2006 zu tun?

Die Neuregelung der Rechtschreibung hat generell zu einer Verunsicherung geführt, dabei wurde gar nicht so viel geändert. Man hat vor allem Unklarheiten und Ausnahmen beseitigt, um die Schreibung zu vereinfachen und den Schreibenden entgegenzukommen. Die Regelung lässt bei der Kommasetzung zum ersten Mal Wahlmöglichkeiten – an manchen Stellen darf jetzt ein Komma gesetzt werden, muss aber nicht.

Viele Leute blockieren da aber und haben Angst, etwas falsch zu machen. Das hat sich mit Sicherheit auch auf die Kommasetzung ausgewirkt. Einige haben sich gedacht "Huch, deutsche Rechtschreibung, da war ich vorher schon unsicher und jetzt wurde sie auch noch neu geregelt. Um Gottes Willen!". Dabei unterschätzt man sich häufig – viele sind darin gar nicht so schlecht, wie sie meinen.

Manche sagen, dass sie das Komma im Gefühl haben. Geht das?

Ich würde schon sagen, dass das geht. Man hat dann wahrscheinlich unbewusst die Struktur
verstanden. Und wenn wir bei jedem Komma erst die Regel dazu nachschauen müssten, dann würde es unheimlich lange dauern, Texte zu schreiben. Manche Leute haben da eine Affinität dazu und andere weniger. Dafür können andere vielleicht besser rechnen. Ich bin zum Beispiel in der Kommasetzung gut und bei Zahlen weniger – da brauche ich dann einen Taschenrechner.

Kann ich Kommasetzung immer lernen oder ist das zu spät, wenn ich es als Kind nicht verstanden habe?

Natürlich ist es gerade in der Rechtschreibung und bei der Kommasetzung hilfreich, früh anzufangen. Wenn wir als Kind etwas lernen, dann saugen wir das unbewusst auf, aber ohne, dass wir die Grammatikregeln kennen. Es geht einfach ins Gefühl über. Aber als Erwachsener hat man die Möglichkeit, struktureller zu denken – wir verstehen erst dann die ganzen Regeln richtig.

Es ist aber nie zu spät etwas zu lernen – das wurde auch in der Gehirnforschung bewiesen. Unser Gehirn entwickelt sich bis zum Tod weiter. Es besteht aus Nervenverbindungen und nicht aus lauter kleinen Schubladen und deshalb kann man immer lernen. Das, was wir als Kind gelernt haben, sitzt zwar ganz tief in uns drinnen, aber als Erwachsener kann man auf das zurückgreifen, was man im Leben gelernt hat. Meiner Meinung nach ist es ein Vorurteil, dass Kinder besser lernen können als Erwachsene. Kinder lernen nicht besser, sie lernen anders.
Zur Person
Astrid Nothen ist Fachbereichsleiterin am Sprachlehrinstitut der Uni Freiburg. Sie hat Deutsch und Französisch für das Lehramt an Gymnasien studiert und hat danach für kurze Zeit am Gymnasium unterrichtet. Danach ist sie in die Erwachsenenbildung gegangen und arbeitet jetzt bereits seit über 20 Jahren in dem Bereich. Sie gibt unter anderem Seminare zur Rechtschreibung an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie in Freiburg.

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