fudder-Interview

Warum eine Oma diesem Freiburger Künstler beim illegalen Besprayen eines Stromkasten half

Felix Klingel

Insgesamt 23 graue Stromkästen hat der Freiburger Künstler Lemon "Jo" mit seinen Schablonenbildern bisher besprüht. fudder hat mit ihm über die Aussagen seiner Bilder gesprochen – und warum sich eine ältere Dame besonders über ein Bild freute.

Warum hast du dir gerade Stromkästen für deine Kunst ausgesucht?

Bei mir war einer um die Ecke, der war ziemlich hässlich zugesprüht. Also nichts gegen ein gutes Tag, das feiere ich. Aber das war einfach nur zugeschmiert über die Jahre. Und dann hab ich noch eine Schablone gehabt und gedacht: Komm, ich probier’s aus. Da hab ich die Freiburger Posaunenengel vom Münster drauf gemacht.

Dann kam die alte Dame von gegenüber mit zittriger Stimme auf mich zu: Haben Sie diesen Engel gemalt? Und ich so: Öhm ja. Dann hat sie gesagt: Vielen, vielen Dank. Ihre Wohnung liegt wohl genau gegenüber von dem Kasten und sie musste das zugeschmierte Ding jahrelang anschauen. Sie hat sich so gefreut, dass sie mir sogar noch geholfen hat, die Schablone zu halten. So ging das los.

Sie hat dir sogar geholfen? Das Besprühen dürfte ja nicht legal sein.

Es ist nicht erlaubt, ja. Also ich hab's versucht auf dem offiziellen Weg, bin aber nicht weiter gekommen. Sogar der Lokalverein hat schon einmal die Post angeschrieben, weil sie so einen hässlichen Kasten bemalen wollten. Da hat wohl niemand reagiert.

Trotzdem machst du das tagsüber?

Ja, da ich das mit Schablonen mache, brauche ich Licht. Und nachts hat es gleich diesen illegalen Touch. Wenn nachts einer sprüht, das fällt sofort auf. Ich hab tagsüber zwei so orangene Pylonen, die stell ich dann links und rechts daneben.

Und da ist noch nie die Polizei gekommen?

Doch, bei Kasten Nummer 17. Ich wollte da nur kurz den Hintergrund draufhauen und den Rest wann anders machen. Da kam aber ein Mann und fragte, ob ich dafür eine Erlaubnis habe. Hab ich natürlich nicht. Er wollte dann, dass ich den Kasten in den Ursprungszustand zurücksetze. Ich habe ihm dann gesagt, dass ich wieder "Fick dich" draufschreiben müsste, denn das stand da vorher. Das war ihm dann auch nicht recht. Ich bin dann gegangen – habe später aber erfahren, dass die Polizei wohl kurz da war.

Gerade Street-Art wird ja von einem größeren Teil der Gesellschaft akzeptiert – im Gegensatz zu Graffiti. Kannst du das verstehen?

Ja! Mit einem Graffiti können viele Leute einfach nichts anfangen. Sie kennen die Kultur nicht und haben keinen Bezug dazu. Wenn ich älteren Leuten erzähle, was ich so mache, kommt sofort: "Ja, mit Sprühdose?!" Da geht denen schon die Stimme hoch. Dass die Sprühdose auch etwas Schönes erwirken kann, ist da einfach noch nicht so angekommen. Das ist sofort: Graffiti, Schmiererei, Vandalismus.

Würdest du dich dann eher als Street-Art Künstler sehen – oder machst du Graffiti?

Ich würde sagen, ich mache Schablonen-Graffiti.

Was willst du mit deinen Bildern ausdrücken?

Es muss einfach schön sein. Ich habe nicht den Anspruch, politisch zu sein, oder aktuell Themen aufzugreifen. Die Motive sind für ein breites Publikum gefächert, daran stören sich die wenigsten, denn das will ich auf keinen Fall.

Gehört der Reiz des Verbotenen für dich zu deiner Kunst trotzdem dazu?

Jein. Ich mal genauso gerne auf legalen Wänden oder Leinwänden. Das Verbotene, das hetzt und stresst mich eher. Auf der anderen Seite ist das Verbotene mein Freund. Denn auf legales Graffiti wird gerne draufgetagt und rumgeschmiert.
Lemon "Jo" ist 39 Jahre alt und hat in der Gartenstadt in Haslach bisher 23 Stromkästen mit Schablonenbildern besprüht. Das "Jo" in seinem Namen wird nicht wie ein englisches "Yo" ausgesprochen, sondern ist albanisch und steht für "nein" oder "keine". Also in etwa: Keine Zitrone.