Warum ein Freiburger Student in der Uni zählt, wie oft sich Männer und Frauen melden

Maryline Boudot

Während alle anderen aufpassen, zählt Felix in einigen seiner Vorlesungen und Seminaren, wie oft sich Männer und Frauen zu Wort melden. Er will damit die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern an der Uni erforschen.

Felix sitzt in einem Ethnologie-Seminar. Während alle anderen fleißig mitschreiben, führt Felix gleichzeitig eine Strichliste. Er* zählt, wie oft seine Kommilitonen und Kommilitoninnen etwas zum Inhalt beitragen. Dabei gliedert er sie bewusst in in zwei Kategorien: weiblich und männlich.


Felix ist 22 Jahre alt und studiert Ethnologie und Soziologie an der Albert-Ludwig Universität in Freiburg. Neben seinem Studium setzt er sich mit dem Thema Hierarchie an der Universität auseinander. In Vorlesungen und Seminaren macht er Studien, um den Redeanteil der Geschlechter zu ermitteln.

Felix zählt, wie oft sich Frauen und Männer melden

"Ich interessiere mich für feministische Themen und was Männlichkeit überhaupt bedeutet", sagt Felix. Deshalb hat er vor eineinhalb Jahren das erste Mal während einer Vorlesung eine Studie gestartet."Ich habe nachgezählt, wie viele weibliche und männliche Personen im Raum sitzen und ihren Redeanteil in Geschlechter geteilt."

Am Ende hat Felix alle Redeanteile der Sitzungen in einer Tabelle zusammengetragen und das Ergebnis berechnet."Dabei hat sich ergeben, dass sich am Anfang des Semesters prozentual mehr Männer melden und etwas zum Vorlesungs- oder Seminarstoff beitragen. Je vertrauter die Gruppe im Laufe des Semesters wird, desto mehr beteiligen sich auch die weiblichen Teilnehmerinnen am Geschehen", sagt Felix weiter.

Natürlich kann das Ergebnis nicht verallgemeinert werden, denn Felix führt diese Studie nur in seinem Studienfach durch. Aber bei all seinen Studien hat er so gut wie immer die gleichen Beobachtungen gemacht. Frauen scheinen sich tendenziell in den Vorlesungen anfangs eher zurückzuhalten.

Hierarchieverhältnisse an der Uni

Für Felix sind Universitäten und allgemein wissenschaftliche Institutionen Männerdomänen. Das wird seiner Meinung nach zu wenig thematisiert. Deshalb hat er sich im Hinblick auf die Grundlagen der Gender Theorie mit der Machtfrage beschäftigt. Auch in Universitäten herrschen Hierarchien. Nicht nur das Verhältnis zwischen Dozierenden und Studierenden, sondern auch Ungleichheiten zwischen den Studierenden sind zu erkennen.

Auch Studien zeigen, dass Universitäten Männerdomänen sind. Der Frauenanteil der Studierenden an deutschen Hochschulen lag beispielsweise im Jahr 2016 bei 48 Prozent und der Frauenanteil in der Professorenschaft im selben Jahr nur bei 23 Prozent.



Felix ist der Meinung, dass die räumliche Gestaltung dabei eine entscheidende Rolle spielt. Wer sieht wen? Also wer sitzt ganz hinten und hat dabei alle anderen im Blick oder wer sitzt vorne und weiß nicht, wer alles hinter ihm/ihr sitzt und was dort alles vor sich geht, während er/sie etwas zum Inhalt beitragen will.

"Ich trage in Vorlesungen und Seminaren eigentlich immer gerne was zum Thema bei. Aber seit meiner Studie frage ich mich jetzt, ob das was ich zu sagen habe, sehr wichtig ist und die Vorlesung enorm voranbringt, oder ob ich das Wort erst anderen überlassen soll, die mit ihrer Antwort noch etwas zögern", sagt Felix. "Denn ich finde es schade, so wenig von anderen mitzubekommen, da mich die verschiedenen Sichtweisen sehr interessieren."
Felix sagt, dass er es wichtig findet sein eigenes Handeln zu reflektieren und sich auch mal zurückzustellen, um anderen den Vorrang zu lassen.
*Felix findet sich nicht im zweiteiligen Geschlechtssystem wieder. "Das Sternchen ist etwas worüber man stolpert und es löst einen Irritationsmoment aus. Es soll ausdrücken, dass ich sozial hergestellte Kategorien ablehne", sagt Felix. Aus Gründen der Lesbarkeit des Textes hat fudder das Sternchen nur beim ersten (männlichen) Personalpronomen verwendet.

Mehr zum Thema: