Warum ein Freiburger den Weg einer Hängematte bis nach Indien verfolgt hat

Paul Stümke

Eigentlich wollte Nikolai Sameith nur eine eigene Hängematte herstellen. Am Ende buchte er einen Flug nach Indien, um dort eine Dokumentation über die Herstellung und die Arbeiter vor Ort zu drehen. fudder hat er erzählt, was er dabei erlebt hat.

Wie macht man eigentlich eine Hängematte? Und woher kommen die Modelle, die man hier in Freiburg im Laden kaufen kann? Genau das fragte sich der Freiburger Nikolai Sameith Anfang Februar dieses Jahres, als er gerade dabei war, eine eigene Hängematte zu konzipieren. Ohne großes Zögern kontaktierte er den Freiburger Laden Hängemattenglück, dessen Besitzerin er letztes Jahr im Urlaub kennen gelernt hatte, um etwas über die Produktion der Matten zu erfahren.


Für seinen Heimwerker-Youtube-Kanal nahm er seine Kamera mit, um das Gespräch zu dokumentieren. Schnell stellte sich heraus, dass die Hängematten nicht hier in Deutschland, sondern in Indien produziert werden – mit Bio-Baumwolle und unter dem Global Organic Textile Standard (GOTS), welcher hohe umwelttechnische Anforderungen sowie eine soziale Produktion erfordert.

Die Faszination einer anderen Welt

Fasziniert von der Aussicht auf eine komplett andere Welt, fasste Niko spontan den Entschluss nach Indien zu fliegen und dort die Produktionsstätten zu besuchen. Nicht nur er war von der Idee begeistert, sondern auch Steff, die Besitzerin des Hängemattenglücks.

Video: Beleza – Die Geschichte einer Hängematte



Knapp sechs Wochen später saßen die Beiden auch schon gemeinsam im Flieger nach Indien, im Handgepäck ein paar Wechselklamotten, ein gerade noch rechtzeitig ausgestelltes Visum und das Wichtigste: die Kamera.

Niko betreibt einen kleinen Heimwerker-Kanal auf Youtube

Filme hatte Niko bisher zwar noch nicht gedreht, nur kleine Heimwerker-Videos auf Youtube. In der kurzen Vorbereitungszeit informierte er sich aber über Einstellungen, Kamerawinkel, Lichtsetzung und andere technische Aspekte, um zumindest nachvollziehen zu können, wie man eine Dokumentation dreht.

"Ich hatte keine Vorbereitungszeit und auch kein richtiges Konzept, aber das war auch das Besondere daran. Alles kam einfach aus einer sehr spontanen Idee heraus und hat sich dann so entwickelt," erzählt Niko im Gespräch. Der einzige richtige rote Faden war im Prinzip die namengebende rote Hängematte Beleza, die Niko zurück nach Freiburg brachte – und ihre Geschichte.

Emotionale Begegnungen

Wenn Nikolais über die Reise redet, kommt er ins Schwärmen. Die intensiven neun Tage haben ihm nicht nur einen Einblick in die Herstellung der Bio Hängematten gegeben, sondern auch einen Austausch mit den Menschen hinter der Produktion ermöglicht, der teilweise sehr emotional war. Besonders stark ist die Erinnerung an einen Tag, den Niko bei der Arbeiterin Priyanka und ihrer Familie verbrachte.

"Das war eine der wenigen Anfangsideen, auch mal einen Tag bei den Arbeitern zu sein, was natürlich schwierig ist, weil Steff ja dabei war, die praktisch die Chefin dort ist. Dadurch entsteht natürlich eine Art Machtgefälle und ein größerer Abstand zwischen uns und den Leuten dort", sagt Niko. Er sei dann aber einfach hingegangen und habe aufgehört, wertend darüber nachzudenken.

"Man hat dann ja auch eine sehr verurteilende Sichtweise, die einen daran hindert sich auf die neuen Eindrücke einzulassen" Niko


"Man hat dann ja auch eine sehr verurteilende Sichtweise, die einen daran hindert sich auf die neuen Eindrücke einzulassen", so Niko. "Da war natürlich der Besuch bei Priyanka toll. Sie war mir davor gar nicht aufgefallen, aber nach dem Tag mit ihr war sie das Zentrum meiner Aufmerksamkeit."

Priyanka lebt mit ihrer Familie im Prinzip auf dem Boden, in Hütten im Dschungel von Auroville. "Aber alle haben gestrahlt und ihr Bruder hat mir vollen Ernstes gesagt, dass sie doch das schönste Zuhause hätten", sagt Niko. Und das habe irgendwie auch gestimmt, meint Niko, einfach von der Zufriedenheit der Menschen. "Das hat mich emotional mehr erfüllt als irgend etwas anderes. Da habe ich dann auch wirklich ohne Wertung darauf gucken können und alles auf mich wirken lassen."

Ob Niko nochmal nach Indien will, weiß er nicht

Kontakt hat Niko nur noch mit dem Chef der Firma, die meisten Arbeiter können zudem kein oder nur gebrochenes Englisch sprechen. Trotzdem wird er seinen Film jetzt noch einmal auf Englisch vertonen und auch an die Leute in Indien schicken. Am liebsten wäre er selbst dabei, um zu sehen, wie sie auf die Aufnahmen reagieren.

Ob er allerdings noch einmal nach Indien gehen würde, weiß Niko noch nicht. "Das ist irgendwie sehr zweischneidig, weil ich zum ersten Mal nach einer Reise das Gefühl hatte, etwas dort gelassen zu haben, also einen Teil von mir. Das war natürlich kein typischer Indien Urlaub, sondern wirklich ein Leben unter den Leuten und ein Einblick in das Leben der Menschen. Ich hätte Angst, mir etwas kaputt zu machen, wenn ich noch einmal dort hinginge. Manchmal muss man so etwas einfach als abgeschlossen dastehen lassen und neue Projekte anfangen."

Über seine Ziele mit dem Film redet Niko noch mit Vorsicht. "Natürlich ist es schwierig mit einer so langen Dokumentation, gerade auf Youtube, Aufmerksamkeit zu erregen." Ein paar andere Angebote gebe es aber trotzdem schon – ähnliche Arten von Reiseberichten, in anderen Teilen der Welt.

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