Interview

Warum ein Brite Freiburgs Nachhaltigkeit erforscht

Frank Zimmermann

Im Masterstudiengang "Sustainable Cities" am King’s College in London wird die Nachhaltigkeit von Städten erforscht. Der Brite Luke Gledhill hat sich Freiburg gewidmet.

Der 23 Jahre alte Brite Luke Gledhill hat sich am King’s College London, einer der angesehensten Hochschuleinrichtungen Europas, mehrere Monate lang intensiv mit Freiburg befasst – und seine Untersuchungen in einer 60-seitigen Master-of-Sciene-Abschlussarbeit festgehalten. Wie sieht ein Engländer durch die Brille des Wissenschaftlers die Green City?


BZ: Mr. Gledhill, wie kommt ein Student des renommierten King’s College in London dazu, seine Abschlussarbeit ausgerechnet über Freiburg zu schreiben?
Gledhill: Im Bereich Nachhaltigkeit ist Freiburg durch zahlreiche Studien sehr bekannt. Es gilt in diesem Bereich als Hochburg, Menschen aus der ganzen Welt kommen deshalb nach Freiburg. So bin ich auf die Stadt aufmerksam geworden, habe zahlreiche Aufsätze und Artikel darüber gelesen. Ich wollte herausfinden und darstellen, wie die Politik in dieser Stadt funktioniert und welche Auswirkungen die Migration, besonders die Flüchtlingswelle der vergangenen beiden Jahre, auf die Stadt hat. Und ich wollte in diesem Kontext auch das Thema Sicherheit in der Stadt beleuchten und wie sich das alles auf die soziale Nachhaltigkeit auswirkt.

"An Bürgerbeteiligung scheint es mir ein bisschen gemangelt zu haben, bevor die Stadtteile Vauban und Rieselfeld entstanden sind."

BZ: Wie sind Sie vorgegangen?
Gledhill: Ich hatte Interviews mit Organisationen, Gruppen und einzelnen Personen. Und ich habe eine repräsentative Umfrage anhand standardisierter, persönlich ausgefüllter und online verschickter Fragebögen erhoben. Darin habe ich deren Haltungen abgefragt, zum Beispiel zum Thema Flüchtlinge. Ich habe außerdem Fotos analysiert, um herauszufinden, welche Sicherheitsmaßnahmen es in der Stadt gibt – wie sie aussehen und sich anfühlen und wie sie auf die Menschen wirken. Außerdem habe ich mich mit der Politik der Stadt befasst und Daten und Fakten analysiert. Zu guter Letzt bin ich im Sommer nach Freiburg gereist, um selbst zu schauen, welche Menschen welche Räume in der Stadt benutzen, wie stark welche öffentlichen Räume frequentiert werden und was die Menschen dort machen.

BZ: Und was waren Ihre Eindrücke, als Sie nach intensiver Literaturlektüre die Stadt persönlich in Augenschein genommen haben?
Gledhill: Bei meinem Besuch hat sich bestätigt: Freiburg ist eine nachhaltige Stadt. Verwaltung und Politik erscheinen mir sehr transparent, nichts kann beschlossen werden, ohne dass vorher darüber debattiert wurde. Und es gibt einen guten Ansatz: Man versucht, ausländische Mitbürger zu beteiligen, zum Beispiel durch den Migrantenbeirat oder den "Wahlkreis 100 Prozent" [eine symbolische Stimmabgabe bei der Kommunalwahl im Mai 2014, bei der all diejenigen gewählt haben, die nicht wählen dürfen, die Redaktion]. Und dann gibt es eine Reihe von guten Public Private Partnerships und Institutionen, zum Beispiel die Energieagentur. Oder den Gestaltungsbeirat.

BZ: Was hat Ihnen weniger zugesagt?
Gledhill: An Bürgerbeteiligung scheint es mir ein bisschen gemangelt zu haben, bevor die Stadtteile Vauban und Rieselfeld entstanden sind. Die Integration scheint mir von Seiten der Verwaltung, der Bürger und der sozialen Organisationen hingegen gut zu funktionieren. Die Öffentlichkeit unterstützt die Hilfe suchenden Menschen. Kleineren Projekten bereitet die Finanzierung Sorge: bestehende haben da kein Problem, wohl aber die kleineren, die sich erst noch etablieren müssen. Ich habe aber auch einige innovative Ansätze gesehen, zum Beispiel eine Finanzierung durch Crowdfunding oder Wettbewerbe.

BZ: Welche Stimmung haben Sie wahrgenommen?

Gledhill: Ja, Freiburg ist sehr relaxed und offen gegenüber Migranten. Das ist sehr förderlich für soziale Nachhaltigkeit. Was die Sicherheit in der Stadt betrifft: Mir scheint, es gibt relativ wenig Videoüberwachung oder Polizeikontrollen, nur in der Innenstadt und beim Bahnhof. Ich hatte das Gefühl, dass jeder willkommen ist. Das ist ganz anders als in London.

BZ: Es überwiegt der positive Eindruck?
Gledhill: Definitiv! In der Literatur wird Freiburg als Modellstadt und Vorbild für Nachhaltigkeit bezeichnet. Das trifft mit Sicherheit zu.

BZ: Haben Sie etwas entdeckt, mit dem Sie nicht gerechnet hatten?
Gledhill: Ja. Ich hatte über die Debatte um Diskoverbote für Flüchtlinge gelesen, aber im Nachhinein muss ich sagen: Das war in den internationalen Medien stark übertrieben. Als ich im Sommer da war, war das gar kein großes Thema. Ich habe nur eine sehr kleine Minderheit mit Vorbehalten gegenüber Flüchtlingen vorgefunden, zum Beispiel bei der örtlichen AfD. Ich habe Freiburg allerdings vor den Terrorangriffen in Deutschland [und auch vor dem Mord an Maria L. und der anschließenden bundesweiten Debatte, die Red.] besucht. Deshalb würde mich interessieren, ob sich die Verhältnisse verändert haben.

BZ: Was können englische Städte von Freiburg lernen?
Gledhill: Nachhaltigkeit. Die Haltung gegenüber dem öffentlichen Nahverkehr. Und die Kultur des Vertrauens, die es hier gibt.



BZ: Was meinen Sie damit?

Gledhill: Ich war überrascht, Fahrräder unabgeschlossen abgestellt zu sehen. Das gäbe es in London nicht.

BZ: Meine Kollegin hat ihr Rad neulich unabgeschlossen vor unserem RedaktionBüro in der Innenstadt abgestellt, und es war nach Wochen noch da.
Gledhill: In London wäre es innerhalb einer Stunde weg gewesen.
Zur Person

Luke Gledhill ist 23 Jahre alt und kommt aus Bedforshire nahe Cambridge in England. Er hat einen Bachelor an der University of Holloway gemacht und am King’s College London, dem ältesten College der University of London, den Studiengang Sustainable Cities (nachhaltige Städte), den einzigen dieser Art in Großbritannien, mit dem Master of Science abgeschlossen. Sein Berufswunsch ist es, für eine Stadtverwaltung zu arbeiten.