Warum Dorfpartys im Schwarzwald mit Garantie eskalieren

Marius Buhl

Dorfpartys sind lauter, schriller und schmutziger als die in der Stadt. Das liegt an der Seltenheit der Events, der genauen Planung der DJs - und den Go-Go-Girls. Zu Besuch in St.Märgen, wo Vodka Bull 2,50 Euro kostet:



Punkt null Uhr stürmen sie die Bühne, auf die sie eigentlich nicht dürfen. Sie strecken ihre Hände in die Luft, trampeln mit den Füßen auf den Boden, drängen die drei Go-Go-Girls ab und schreien dieses Lied, das sie auswendig kennen, ins Publikum. "Du bist der geilste Ort der Welt, bist unser Leben, bist alles, was zählt, hier an der Playa sind wir nie allein, Mallorca da bin ich daheim!" Nur ein Wort dieses Songtextes tauschen die Bühnenstürmer aus. Statt Mallorca singen sie: "St. Märgen."


Daniel Zähringer, den hier alle Zähri nennen, wusste, dass das passieren wird. Er hat es geplant. Zähri hat eine Diskothek, die er im Auto transportiert, nennt sie "Mobile Disco Nightflyer" – "weil man mit uns durch die Nacht fliegt", sagt er. Mit seiner Disco fährt er über die Dörfer, die Party im Gepäck: Buchenbach, Elzach, Schluchsee – St. Märgen.

Bevor er seine Disco an diesem Samstagabend in das hochgelegene Schwarzwald-Dorf gefahren hat, hatte er zwei Monate lang Werbung gemacht. Er beackerte Facebook, postete Videos, verteilte Flyer, klebte Plakate, wartete die riesige Lichtanlage und arbeitete einen Schlachtplan aus. Der lautet zusammengefasst so: Die Partygäste mit Charts und House anfixen, langsam den Bass aufdrehen, gegen Mitternacht umsteigen auf Oldies, warten bis der Pegel stimmt – und dann die Ballermann-Hymnen aufdrehen. "Wenn man es so plant, dann eskaliert die Party eh", sagt Zähri.

Welche Party ist besser: Berghain oder Dorf?

Um Punkt null Uhr, als sie in St. Märgen die Bühne stürmen, öffnet das Berghain in Berlin gerade erst die Tür. Davor warten in Hundertmeterschlangen Italiener, Spanier, Amerikaner und Russen. Einige werden danach sagen, dass es die Nacht ihres Lebens war. Im besten Club der Welt.

Das Berghain im Berliner Osten und die Schwarzwaldhalle in St. Märgen trennen 791 Kilometer. Dort der Hexenkessel der Popkultur in der erregtesten Stadt der Welt, hier eine Mehrzweckhalle in einem 1800-Seelen-Bergdorf im Schwarzwald; dort die besten House- und Techno-DJs der Welt, hier der Mallorca-Song; dort zerrissene Skinny-Jeans und Long-Ts, hier Engelbert-Strauß-Arbeitsjacken und Freiwild-Shirts. Natürlich ist eine Berghain-Party cooler als eine auf dem Dorf. Aber ist sie besser?



Zähri war noch nie im Berghain. Er würde mal hin, wenn es sich ergibt. Er sagt aber auch: "In Clubs wie dem Berghain ist jeder Abend wie der letzte. Bleibst du vier Wochen daheim, hast du nichts verpasst. Wir Dorfkinder warten dagegen wochenlang auf die Feste, hoffen, dass wir nicht krank werden." Dorfkinder gehen nicht nach St. Märgen, weil Wochenende ist. Sie gehen dorthin, weil sie auf diese eine Party wollen. Und darum eskaliert’s.

Draußen 2 Grad, drinnen Vodka Bull für 2,50 Euro

Samstagabend, 21 Uhr. Auf dem Parkplatz vor der Schwarzwaldhalle mischt sich Altschnee mit Matsch, Hunderte Autos rollen durch, immer mit vier oder fünf Jugendlichen besetzt. Jeweils einer von ihnen ist zum Fahrer bestimmt. Er bleibt heute nüchtern, vielleicht. Sie kommen aus Buchenbach, Wagensteig, Villingen oder Breitnau. Ihre Jacken haben sie bereits in der Hand, obwohl es zwei Grad kalt ist und die Schlange vor der Halle 60 Meter misst.

Drinnen ist der Teufel los. Eine gigantische Lichtanlage schleudert gelbe und rote Blitze durch den Raum, der Bass ballert in Salven aus der Anlage, es riecht nach Glühwein und Erbrochenem. Zwei Freundinnen fallen sich so heftig in den Arm, dass sie umfallen. Am Boden liegend umarmen sie sich erneut. Lange nicht gesehen. An den Holzbuden im hinteren Teil der Halle kostet fast alles 2,50 Euro: Vodka Bull für die Jungs, Malibu Maracuja für die Mädels, Schinkenweckle für die Besoffenen. Vorne kreischen sie schon.



Zähri steht auf der Bühne und leitet den Abend wie ein Zeremonienmeister. David Guetta, Nicki Minaj, Jay-Z, dann die Beatles. "Jetzt alle mitsingen!", ruft Zähri bei Hey Jude, dann der erste Malle-Song. "Habt ihr Bock auf Ballermann?" Es folgt Hans Entertainment. Um 23.30 Uhr wird der erste Partybesucher im Auto abtransportiert. Er kann nicht mehr stehen, so besoffen ist er. Um halb eins tropft Schweiß von der Decke, die Füße kleben am Boden fest. Timo Fix ist extra aus Oberried gekommen. "Wenn de Zähri auflegt, ist das ein Pflichttermin!", sagt er. Neben Timo tanzt Hannah W. Sie ist 17, müsste eigentlich um 24 Uhr gehen. Sie hat aber ein 18er-Bändel ergattert, jetzt kann sie länger bleiben. "Es ist eine Hammer-Party", sagt sie.

Mit ihren Freundinnen tanzt sie bis halb zwei, dann holt der Papa sie ab. Als Hannah geht, stehen vor der Halle immer noch Jugendliche, die noch nicht reingekommen sind, weil zu viel los war. Im Berghain ist das genauso: Da gehen um diese Uhrzeit die Touristen und die Berliner Raver kommen. Die letzten verlassen dort die Party am Montagmorgen. Dorfkinder müssen da längst wieder arbeiten.

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