Warum dieser Automat mitten in Freiburg Spritzbesteck für Süchtige verkauft

Johanna Wagner

Einer am Faulerbad, der andere beim Café Extrablatt: Mitten in Freiburg stehen seit 15 Jahren zwei Kästen, die wie verwitterte Zigarettenautomaten aussehen. Statt Zigaretten können Freiburger dort aber sauberes Spritzbesteck kaufen. Warum das so ist hat uns die Drogenhilfe erklärt:



Die Dreisam rauscht, die Vögel zwitschern, sanft wiegen Blätter im Wind. Direkt neben der Schreiberstraße, beim Café Extrablatt, ist ein Fleck mitten in Freiburg, der das Prädikat "beschaulich" verdient. Nur ein brauner Kasten stört die Idylle ein bisschen. Vom Regen ausgebleicht, von Sprayern beschmiert, steht er da und sieht aus wie ein kaputter Zigarettenautomat.

Ein näherer Blick auf die Dinge, die der Kasten anbietet, verwundert: "2x2 ml Spritze, 2x18er Nadeln, 1xBeutel Asco, 2x sterile Tupfer, 2x Zigarettenfilter, 2xWasser, 1xPfännle." Das Päckchen gibt es für einen Euro. Hier kauft man keine Kippen, hier kauft man Spritzbesteck.

Frische Spritzen - ohne Scham und Stress

Seit inzwischen rund 15 Jahren betreibt die Drogenhilfe Freiburg den Automaten an der Stelle, ein weirterer steht in der Faulerstraße. Die Idee: Süchtige kaufen sich steriles Spritzbesteck, um Krankheiten vorzubeugen.

Durch benutzte Spritzen übertragen sich Krankheiten wie Hepatitis und HIV besonders leicht von Fixer zu Fixer. Und auch wenn dieselbe Person eine Spritze wiederholt benutzt, ist das gefährlich: Geronnenes Blut, das noch an der Spritze kleben kann, ist anfällig für Keime, die sich der Süchtige beim nächsten Schuss wieder selbst injiziert.

Frisches Spritzbesteck ist zwar auch im Kontaktladen der Drogenhilfe in der Rosastraße erhältlich, der Automat bietet aber Vorteile: "Die Konsumenten haben oft Schwierigkeiten, ihren Tag an Strukturen anzupassen. Durch die Automaten können sie auch außerhalb der Öffnungszeiten an sauberes Besteck kommen", sagt Benedikt Vogt, stellvertretender Leiter der Drogenhilfe.

Noch könne man das Zubehör am Automat ohne zwischenmenschlichen Kontakt kriegen. "So müssen sich die Leute nicht schämen. Gerade diejenigen, die den Automaten nutzen, halten Ihre Sucht im Verborgenen", sagt Vogt. Pro Woche verkaufen die zwei Freiburger Automaten zwischen 130 und 180 Päckchen. "Die wenigsten nutzen die Spritzen aber direkt am Automaten".

Die Päckchen, die der Automat enthält, werden von Ex-Konsumenten gepackt, die sich in Substitutionstherapie befinden. Diese räumen auch den Müll rund um die Automaten weg. Im Jahr 2011 fiel das Personal durch eine Gesetzesänderung weg – die Beschwerden der Anwohner über herumliegende Spritzen häuften sich. Mittlerweile räumt die Drogenhilfe wieder auf.

Welche Drogen konsumieren Süchtige in Freiburg?

Vogt schätzt die Zahl der Stammkunden der Automaten auf rund 40 Leute. Die melden sich auch, wenn der Automat gewartet werden muss: "Sie kommen dann meist Montag sehr früh in den Laden und sagen Bescheid", sagt er.

Die Größe der verkauften Nadeln variiert. Manche Konsumenten haben keine Venen mehr, sie brauchen längere Nadeln", sagt Vogt. Dazu braucht man für unterschiedliche Drogen unterschiedlich breite Nadeln. "Bei Stoffen, von denen man mehr braucht, sitzt man sonst ewig dran".

Von seiner Arbeit in der Drogenhilfe kann Vogt auch Rückschlüsse auf die in Freiburg konsumierten Drogen ziehen. Beliebt sind Medikamentencocktails, zum Beispiel aus Ritalin, Lyrica und Benzodiazepin. Die letzten beiden wirken beruhigend und werden bei Angstzuständen verschrieben. Ritalin wirkt anregend: Es vertreibt Müdigkeit und steigert die Aufmerksamkeit.

Das Gros der Konsumenten sei zwischen 30 und 39 Jahre alt, schätzt Vogt. Laut den Jahresberichten der Drogenhilfe Freiburg konsumieren viele auch Methadon, Polamidon und Subutex. Diese Mittel werden zur Substitution verschrieben – sie wirken sind Ersatzmittel für härtere Stoffe.

Heroin und Crystal Meth werden kaum konsumiert

Heroin konsumieren Freiburger derzeit hingegen kaum: "Das hat momentan so eine miese Qualität, dass der Heroinkonsum rückläufig geworden ist!", sagt Vogt. "Der Reinheitsgrad liegt unter 10%". Letztes Jahr habe es zwar einen kurzen Anstieg gegeben, das sei aber wieder vorbei. Wenn das Heroin wieder besser wäre, würde auch wieder mehr konsumiert, schätzt er.

Und Crystal Meth? Auf die Nachfrage kann Vogt sich ein Lachen nicht verkneifen. "Das werde ich oft gefragt, das kommt wohl von Breaking Bad." Die Droge würde in Freiburg aber kaum konsumiert.

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