Warum die Zuschauer von "Madame Lenin" in Weiß gekleidet ins Südufer kommen sollen

Johanna Hasse

Es gibt einen Dresscode, Musik, eine Choreographie und eine Frau, die gegen ihren Willen in einer Psychiatrie festgehalten wird. Was "Madame Lenin" im Südufer zu einem musiktheatralen Ritual macht, erklärt Clemens K. Thomas im Interview.

Im Rahmen der Russischen Kulturtage Freiburg präsentiert der junge Kulturverein zeug und quer e. V. das musiktheatrale Stück "Madame Lenin", für das drei neue Stücke zu Texten von russischen Autoren komponiert wurden. Der künstlerische Leiter Clemens K. Thomas (25) spricht mit fudder über das Performance-Projekt, das am 11. und 12. November im Südufer Freiburg zu sehen ist.

Inwiefern setzt ihr euch auf und hinter der Bühne mit der russischen Geschichte auseinander?

Clemens K. Thomas: Das Programm der Russischen Kulturtage ist sehr vielfältig. Die meisten Kultureinrichtungen nehmen geschichtsträchtiges Material und zeigen es dem Publikum. So wird Vergangenheit konserviert. Oft wird die Revolution dabei positiv rezipiert als Aufbruch und Fortschritt. In unserem Team sind Menschen aus dem russischen Kulturkreis, die die Revolution nicht nur von außen sehen, sondern von innen – ein paar Generationen später. Für sie ist die Revolution erstmal der Abbruch von allen Traditionslinien. Das ist wichtig zu sagen: Für jeden Neubeginn muss erst einmal das vorher Bestehende zerstört werden. Wir fragen uns, wie es den Leuten geht, die vielleicht nicht mehr Teil des Systems sind. Zudem versuchen wir die Texte von drei russischen Autoren und ihre Ideen weiterzudenken, sie in die heutige Zeit zu übertragen. Wo gibt es Schnittmengen zwischen damals und heute? Wir befragen das historische Material auf seine Aktualität, wir wollen es nicht politisch bewerten.

Welche Motive und Schnittmengen wären das zum Beispiel?

Nehmen wir Madame Lenin, die Protagonistin des Stücks. Sie lebt gegen ihren Willen in einer psychiatrischen Anstalt. Natürlich ist heute die medizinische und therapeutische Versorgung deutlich besser als früher, aber dennoch glaube ich, dass psychische Krankheiten heute gesellschaftlich tabuisiert sind. Jeder kennt jemanden mit zum Beispiel Burnout, Magersucht oder Schlafstörungen, oder ist vielleicht selbst von Psychopharmaka abhängig. Und gleichzeitig wird der Leistungsdruck nicht ausreichend thematisiert. Unser Stück spielt in einer Irrenanstalt, die Protagonistin gilt in den Augen ihres Arztes als Verrückte. Wir fragen uns: Was heißt eigentlich verrückt? Warum ist Madame Lenin verrückt und nicht der Arzt?

"Wir – als Zuschauer– sind innerhalb der Figur: man hört, sieht, tastet, fühlt durch und mit ihr."

Wie lasst ihr Madame Lenin, diese aus dem gesellschaftlichen Rahmen gefallene Figur, zum Publikum sprechen?

Das Spannende in der Textvorlage von Welimir Chlebnikow ist, dass Madame Lenin nicht als handelnde Person auftritt, sondern der Zuschauer nimmt an ihrem Innenleben teil. Man hört nicht sie selbst als sprechende Frau, sondern verschiedene Stimmen ihrer Wahrnehmung und Sinneseindrücke. Es ist eine andere Art der Narration: Es gibt keine Geschichte, in der a, b, c passiert, sondern wir – als Zuschauer– sind innerhalb der Figur: man hört, sieht, tastet, fühlt durch und mit ihr. Das klingt sehr abstrakt, aber ich bin mir sicher, dass das Stück eine unmittelbare Wirkung entfalten kann.

Das heißt, ihr versucht, die vielen inneren Stimmen der Protagonistin künstlerisch zu übersetzen?

Genau. Mit den Mitteln der Choreographie, Musik, dem gesungenen und gesprochenen Text.

"Alle, die möchten, können in Weiß gekleidet zur Vorstellung kommen."

Ihr bezeichnet das Stück auch als "musiktheatrales Ritual"? Das klingt rätselhaft. Was ist damit gemeint?

Ritual einerseits in dem Sinne, dass innerhalb des Stückes bestimmte Dinge immer wiederkehren. Es gibt aber auch bestimmte zeremonielle Aspekte, zum Beispiel einen Dresscode. Alle, die möchten, können in Weiß gekleidet zur Vorstellung kommen. Ob das funktioniert, weiß ich nicht, aber es ist ein Versuch. Die Farbe Weiß symbolisiert Unschuld. Madame Lenin verkörpert die Unschuld. Die Idee ist also: Alle aus dem Publikum sind auch ein Teil von Madame Lenin. Jeder der nicht in Weiß kommt, ist schmutzig.

Das ist durchaus eine starke Farbsymbolik...

Ja, das stimmt.

Lässt sich aus dem Stück eine zentrale Botschaft lesen?

Mh, nein, ich denke nicht. Es gibt viele Handlungsebenen: Den inneren Aspekt, die Psyche; den äußeren Aspekt, also das Politische, die Propaganda von Lenin und Stalin; und dann den dritten Aspekt des Jenseits, das Religiöse.

Das hört sich alles nach schwerem Stoff an. Gibt es in dem Stück auch hoffnungsvolle, vielleicht auch humoristische Momente?

Definitiv. Dafür ist vor allem der Text von Daniil Charms zuständig, den wir auch verwenden. Charms hat in der Zeit des Schrecken-Regimes von Stalin total absurde, manchmal witzige, aber auch tragische Poesie und Prosa geschrieben. In unserem Stück haben wir Charms Ideen weitergesponnen: ein Blumentopf kann sprechen, die Köpfe der Sänger sind mit geometrischen Körpern umgeben. Das ist absurd und komisch.

Ihr habt auch einen Blog, auf dem ihr im Vorfeld Podcasts veröffentlicht...

Genau, unter madamelenin.zeugundquer.de führen wir mit vier Folgen in die Thematik ein. Es gibt auch Mitschnitte von den Proben, sodass man sich schon mal anhören kann, was einen erwartet.
  • Was: Madame Lenin
  • Wann: Samstag, 11 November, 20 Uhr, Sonntag, 12. November, 18 Uhr
  • Wo: Südufer Freiburg
  • Dresscode: weiße Kleidung