Literatur

Warum die Freiburger Lesereihe "bauschen und biegen" bewusst politisch ist

Sarah Metzger

Bettina Wilperts Debütroman "Nichts, was uns passiert" widmet sich einer der großen Debatten unserer Zeit. Am Donnerstag liest sie in Freiburg im Rahmen von "bauschen und biegen". Wer steckt hinter der jungen Lesereihe?

Eine Studentin sagt, sie wurde von einem Kommilitonen vergewaltigt. Der wiederum sagt, es war einvernehmlicher Geschlechtsverkehr. So einfach die Prämisse zum Debütroman von Bettina Wilpert klingt, so komplex sind die Folgen für Protagonisten, Freundeskreis und Gesellschaft, die anschließend protokollarisch untersucht werden. Aus ihrem mehrfach preisgekrönten Buch wird die Leipziger Autorin am Donnerstag im Rahmen der Lesereihe "bauschen und biegen" vortragen.


Gestartet ist die Lesereihe im März 2019 mit einer Lesung von Hengameh Yaghoobifarah und Fatma Aydemir im White Rabbit zu Diskriminierung, Rassismus und einem problematischen Heimatbegriff. Das auch dieses Mal wieder ein sehr kontroverses Thema auf dem Programm steht, ist Teil des Konzepts: "Wir sind ganz bewusst politisch, weil wir glauben, dass Literatur in diesen Debatten neue Perspektiven schaffen kann, und gerade durch das Fiktionale neue Denkanstöße bietet", erklärt Clara Kopfermann. Die 30-Jährige kuratierte zunächst gemeinsam mit Frederik Skorzinski drei Jahre lang die Lesereihe "Zwischenmiete", bevor beide gemeinsam mit Fabienne Fecht "bauschen und biegen" ins Leben riefen: "Wir wollten eine unabhängige Lesereihe als Konstante schaffen."

Der Titel der Lesereihe ist angelehnt an eine Lyrikzeile des deutschen Schriftstellers Farhad Showghi und beschreibe, was an den Abenden passiert - Themen würden aufgebauscht, Texte in Richtung einer gesellschaftlichen Debatte gebogen und Literatur in Richtung des öffentlichen Raumes. Letzteren wieder mehr für Literatur einzunehmen, ist überhaupt eines der Anliegen der drei Organisatoren: "Wir versuchen mit unserer Lesereihe ein niederschwelliges Angebot für alle zu schaffen", so Kopfermann. "Die Frage soll also lauten ’Gehe ich heute Abend Bier trinken – oder trinke ich ein Bier, und höre mir dabei eine Lesung an?’". Es gehe auch darum, Lesungen wieder stärker als Medium des sozialen Diskurses zu etablieren.

Diesen Ansatz, gesellschaftliche Debatten mit literarischen Texten zu verbinden, beschreiben die Organisatoren mit dem Schlagwort "Literatur als soziale Praxis". Das bedeute, die Trennung zwischen Bühne und Publikum aufzubrechen, und lebendige Räume zu schaffen, in denen über Literatur gesprochen werden kann - auch über die Dauer einer Lesung hinaus.

Im Unterschied zu anderen Freiburger Lesereihen sucht "bauschen und biegen" seine Texte in der gesamten deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, und bringt deren Autorinnen und Autoren ins Gespräch mit Expertinnen aus der Praxis. Am kommenden Donnerstag werden dies die Freiburger Anwältin für Sexualstrafrecht Claudia Meng, sowie Anna-Sophia Clemens vom Awareness-Team des mit der Lesereihe assoziierten Vereins "samt&sonders" sein.

Thematisch werden sie sich vor allem damit beschäftigen, wie ein gesellschaftlicher Umgang mit "Grauzonen der sexuellen Gewalt" aussehen kann, meint Kopfermann. Dieses Thema sei grundsätzlich sehr wichtig, jedoch insbesondere auf die Art, wie es in "Nichts, was uns passiert" thematisiert wird: Nämlich ganz anders, als man es medial oft wahrnehme, als etwas das uns direkt betreffe, und das auch in unserem persönlichen Umfeld stattfinden könne. "Abgesehen davon hat uns der Roman auch einfach überzeugt", ergänzt Frederik Skorzinski, "Es ist für uns immer auch ein Wagnis, sich diesen großen, politischen Themen zu stellen." Die Lesereihe beschreibt er deshalb als einen Versuch, Menschen mit in die Auseinandersetzung zu solchen Themen zu nehmen, ohne dabei fertige Lösungen parat zu haben.

Auf eine solche Lösung muss man auch in Bettina Wilperts Roman verzichten: Das Buch lässt bis zuletzt offen, wer denn nun im Recht ist – vielleicht nähert sich ja die Diskussion am Donnerstag dieser Frage an.
  • Was: Bettina Wilpert: "Nichts, was uns passiert"
    Lesung und Diskussion
  • Wann: Donnerstag, 18. Juli 2019, 20 Uhr
  • Wo: Außenbereich der Mensa Insitutsviertel, Stefan-Meier-Straße 28