Menschen ohne Papiere

Warum der Soziologe Albert Scherr Freiburg zu einer "Sanctuary City" machen will

Yvonne Weik

Wie geht Freiburg mit seinen illegalen Einwohnern um? Soziologe Albert Scherr will das diskutieren. Er wünscht sich eine offene Stadt, die keine Unterschiede macht, woher ihre Bewohner kommen.

Am Mittwoch stellt er im Audimax der Universität "Sanctuary Cities" vor. Mit diesem Konzept wollen Städte wie Freiburgs Partnerstadt Madison alle ihre Einwohner gleich behandeln, egal ob sie offizielle Dokumente haben oder illegal dort leben. Soll auch Freiburg zur Zufluchtsstadt werden?


BZ:Wie viele Menschen leben denn illegal und ohne Papiere in Freiburg?

Scherr: Das weiß niemand, denn es wird nirgendwo erfasst. Experten schätzen, dass es in Deutschland zwischen 400 000 und einer Million Menschen sind. Diese Zahl wird wohl steigen, da die Asyl- und Flüchtlingsgesetze verschärft worden sind. In Freiburg gibt es vermutlich mehr Menschen mit Duldungsstatus als Dokumentenlose.

Wer einen Duldungsstatus hat, lebt immer in der Ungewissheit der drohenden Abschiebung.

BZ: Wie sieht deren Alltag aus?

Scherr: Wer ohne Dokumente hier lebt, hat es schwer. Er kann ja nicht einfach eine Wohnung mieten oder arbeiten. Wenn jemand arbeitet, dann ohne Arbeitsvertrag – und mit schlechter Bezahlung. Auch die Mietverhältnisse sind oft ausbeuterisch. Die Strukturen des Rechtsstaats werden für Menschen ohne Dokumente ausgehebelt. Wer einen Duldungsstatus hat, lebt immer in der Ungewissheit der drohenden Abschiebung. Und er ist abhängig von Behörden.

BZ: Am Mittwoch stellen Sie das Konzept der "Sanctuary Cities" vor. Was machen diese Zufluchtsstädte denn anders?

Scherr: Jede Stadt ist dem Wohlergehen aller Einwohner verpflichtet, unabhängig von ihrer Herkunft. Deswegen versuchen Zufluchtsstädte, alle Bewohner gleich zu behandeln. Zum Beispiel haben manche einen Stadtausweis. Wer zum Beispiel einen Bibliotheksausweis will, kann den so beantragen. Der offizielle Pass spielt keine Rolle. Viele städtischen Institutionen arbeiten auch nach dem "Don’t ask don’t tell"-Prinzip: Sie fragen gar nicht nach dem Aufenthaltsstatus. So muss niemand Angst vor Sanktionen haben. Teilweise arbeitet auch die Polizei so.

BZ: Das müssen Sie erklären.
Scherr: Auch der Schutz vor Kriminalität gilt für alle. Doch wer beim Polizeikontakt Angst hat, dass das Auswirkungen auf den Aufenthaltsstatus hat, wird sich weder als Zeuge noch als Opfer an die Polizei wenden. Deswegen fragen die Polizisten in Sanctuary Cities nicht nach dem Ausweis.

BZ: Kritiker sagen, dass so immer mehr Straftäter unerkannt in den Städten leben, die man besser abschieben sollte.

Scherr: In Freiburg gibt es seit dem Mord an der 19-jährigen Studentin eine ähnliche Debatte. Aber es ist so in unserem Rechtsstaat: Aufgrund einer Straftat verliert man nicht alle Rechte. Die Debatten machen keinen Sinn. Es sind Einzelfälle, die man nicht verallgemeinern kann. Dass Flüchtlinge auch Opfer von Straftaten werden, wird nicht diskutiert.

"Wir sollten diskutieren, wie wir das Zusammenleben gestalten können."

BZ: Freiburgs amerikansiche Partnerstadt Madison ist eine von rund 100 Sanctuary Cities. Donald Trump ist kein Freund davon.

Scherr: Ganz und gar nicht. Er hat allen Städten gedroht, die Bundesunterstützung zu entziehen. Viele Zufluchtsstädte haben ihre Überzeugung dennoch erneut offensiv vertreten – Madison gehört dazu.

BZ: Trump will alle Illegalen abschieben.

Scherr: In den USA leben elf bis zwölf Millionen Undokumentierte. Jetzt wurde gerechnet: Es ist gar nicht finanzierbar, alle abzuschieben. Zudem sind viele unverzichtbare Arbeitskräfte, genau wie zum Beispiel auf Spaniens Orangenplantagen. Man kann gar nicht alle abschieben. Die Frage ist: Wer darf bleiben, wer muss gehen?

BZ: Auch in Freiburg?

Scherr: Die Menschen sind hier. Auf kommunaler Ebene leben wir zusammen. Wir sollten diskutieren, wie wir das Zusammenleben gestalten können, welche Probleme es gibt. Viele kommen legal an – und rutschen dann in die Illegalität. Alle haben eines gemeinsam: Sie leben in Unsicherheit in unserer Stadt.
Zur Person

Albert Scherr (58) leitet als Professor das Soziologische Institut der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Seine Schwerpunkte sind Migrations- und Rassismusforschung. Er ist Mitglied im Rat der Migration.

Sanctuary Cities
Das Konzept der "Zufluchtsstädte" kommt aus den USA und Kanada. Taugt es für Freiburg? Das Forum "Aktiv gegen Ausgrenzung" lädt zum Diskutieren ein: Verantwortliche aus kommunaler Politik, lokalen Institutionen wie Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern, und Bürger. "Zufluchtsstadt Freiburg?!": Diskussion mit Soziologe Albert Scherr und Politikwissenschaftler Roland Roth, Mittwoch, 18. Januar, 19 Uhr, Audimax, KG II, Platz der Alten Synagoge. Eintritt frei.