Warum der isländische Sänger Svavar Knútur am liebsten mit dem Zug reist

Bernhard Amelung

Sein Instagram-Account ist eine Liebeserklärung an die Deutsche Bahn. Gemeint ist Svavar Knútur, der an diesem Donnerstag in der Hilda5 auftritt. Was er am Reisen so mag und wie er mit Heimweh umgeht, erzählt er im Interview.

Ein Kleinkind schreit. Geschirr klappert. "Kannst du mich hören?", fragt Svavar Knútur. Der isländische Sänger und Liedermacher hat einen freien Tag und kümmert sich um seinen jüngsten Nachwuchs. Die Verbindung reißt ab. Zweiter Versuch. "Ich habe die Freisprechfunktion aktiviert. Verstehst du mich?", sagt er, während im Hintergrund wieder das Kind schreit.


Es ist ein freudiges Schreien. Svavar Knútur, der sich selbst als "Fjord Folker" bezeichnet, murmelt etwas auf Isländisch und lacht. Auch das Kind lacht jetzt. "Ich koche Mittagessen für meine Tochter, und währenddessen plaudern wir ein bisschen über meine Musik. Ich bin bereit."

Svavar, ich habe mir dein Instagram-Profil angeschaut. Du bist ein großer Fan der Deutschen Bahn?

Svavar Knútur: Oh ja! Ich liebe nicht nur die Deutsche Bahn. Ich liebe es überhaupt, mit dem Zug zu reisen. Es ist das beste Fortbewegungsmittel, erst recht, wenn man sich Gedanken über die Zukunft unseres Planeten macht. Als ich zuletzt durch Deutschland getourt bin, habe ich festgestellt, dass es einen Direktflug von Nürnberg nach München gibt. Das ist doch verrückt. Wer so etwas bucht, muss ganz schön dumm sein.

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Is there a sweeter way to travel? I don"t think so :-) #railroad #travel #interrail

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Angebot, Nachfrage, Prestige.

Svavar Knútur: Albern! Das ist doch völlig lächerlich. Wir alle heulen über einen kaputten, verschmutzten Planeten Erde. Wir diskutieren darüber weltweit in Konferenzen. Und dann bieten Fluggesellschaften so etwas an. Was denken die eigentlich? Von Nürnberg nach München fährt man eine, eineinhalb Stunden mit dem Zug. Das ist doch schnell genug. Ich denke nicht, dass man mit dem Flugzeug schneller ist.

Du liebst das Zugfahren also aus Umweltschutzgesichtspunkten.

Svavar Knútur: Come on, nein!

Warum magst du Zugfahren so sehr?

Svavar Knútur: Ich liebe die Langsamkeit. Langsamkeit ist aber das falsche Wort. Ein Zug fährt nicht wirklich langsam. Ich liebe die Leichtigkeit, die Entspanntheit. Ich möchte mir auf meinen Reisen Zeit nehmen.



Du suchst also die Entschleunigung.

Svavar Knútur: Zugfahren ist eine wunderschöne Idee. Man lässt das Land allmählich an sich vorbei ziehen. Zugfahren ist aber auch sehr menschenfreundlich. Man ist nicht so eingesperrt wie in einer Sardinenbüchse. Man muss sich nicht klaustrophobisch fühlen. Im Flugzeug ist einfach alles eng. Ich finde, wenn man auf einem Kontinent unterwegs ist, sollte Zugfahren das einzige Fortbewegungsmittel sein. In ein Flugzeug sollte man nur steigen, wenn man von einem Kontinent zum anderen reist.

Außerdem finde ich, dass wir allgemein etwas langsamer, entspannter werden sollten. Wir hetzen nur noch von A nach B, ob auf der Arbeit oder im Privaten. Das möchte ich nicht mitmachen.

Was ist dein Geheimtipp zum Runterkommen?

Svavar Knútur: Ich mach’s einfach.

Svavar Knútur lacht. Es ist ein tiefes, kehliges Lachen. Seine Tochter stimmt sofort ein. Er spricht ein paar Worte zu ihr. Seine Stimme klingt weich. Spricht er Isländisch, verdunkeln sich die Vokale. Die Konsonanten werden weich. Das verstärkt die melancholische Grundstimmung der Songs, die er in seiner Muttersprache singt. Die Frage, ob er selbst ein Melancholiker sei, verneint er. "Ich bin halt Isländer."

Wie schnell kannst du entspannen?

Svavar Knútur: Ich gönne mir eine Extrastunde für alles, was ich erledigen muss. Manchmal muss ich dafür früher aufstehen. Aber ich mache einfach langsamer. Eile bringt nichts. Es gibt nichts, das so wichtig ist, als dass wir dafür hetzen müssten. Wenn man die Dinge langsamer angeht, weiß man sie auch mehr zu schätzen.



Kannst du das näher ausführen?

Svavar Knútur: Bleiben wir beim Zugfahren. Ich habe immer meinen Laptop dabei. Ich kann unterwegs E-Mails beantworten, lesen, Skizzen von Songs produzieren und nachbearbeiten. Ich kann die Zeit sinnvoll nutzen. Müsste ich dieselben Strecken in einem Auto zurücklegen, käme ich kaputt am Veranstaltungsort an. Ich hätte Nackenschmerzen, Rückenschmerzen, was weiß ich. Ich könnte nicht mehr entspannt auf die Bühne treten. Meine Langsamkeit wirkt sich auch positiv auf meine Konzerte aus.

Viele Deutsche beschweren sich gerne über die Deutsche Bahn.

Svavar Knútur: Die Deutschen sollen sich mal nicht so haben. Die sind wahrscheinlich noch nie außerhalb ihres Landes mit dem Zug gefahren. Einmal sollte ich in Charlotteville auftreten, eine Stadt, die rund neunzig Minuten von Baltimore entfernt liegt. Der Zug kam mit zwölf Stunden Verspätung nach Baltimore. Er kam aus Washington D.C. Das liegt nur eine Stunde Zugfahrt von Baltimore entfernt. Ich dachte schon, wir kommen gar nicht mehr an. Deutschland hat einen sehr hohen Standard, und das Jammern geht mir auf den Keks.

Ja, aber...

Svavar Knútur: Ah, ja, das ist so typisch. Dieses "ja, aber". Das geht mir auch auf die Nerven. Man soll pünktlich auf der Arbeit erscheinen, pünktlich zuhause sein, dies, das, jenes. Natürlich bringt eine Verspätung den Tagesablauf zunächst einmal durcheinander. Aber das Leben hört nicht auf, wenn man eine Stunde später ankommt.



Du bist sehr viel auf Reisen. Inwieweit beeinflusst das deine Musik?

Svavar Knútur: Ich liebe das Reisen. Ich bin glücklich, dass ich als Künstler meine Leidenschaften ausleben kann. Reisen und Musizieren sind das Größte. Ich kann meine Geschichten erzählen, neue Leute kennen lernen, die Welt entdecken. Ich habe ganz viel Wanderlust in mir. Ich denke, das ist das schönste Gefühl.

Was ist für dich das Schönste am Reisen?

Svavar Knútur: Das Schönste ist das Nachhausekommen. Aber um dieses Gefühl zu haben, muss ich erst einmal verreisen.

Hast du manchmal Heimweh?

Svavar Knútur: Ja. Immer. Dieser Schmerz beginnt immer in dem Augenblick, in dem ich aufbreche. Der Weg zum Flughafen ist schlimm. Ich habe oft Tränen in den Augen. Ich möchte meine Familie nicht zurück lassen. Genauso schrecklich sind auch die letzten vier, fünf Tage der Konzerttouren. Da sehne ich mich so sehr nach meinem Zuhause. Das verzehrt mich.

Wie gehst du damit um?

Svavar Knútur: Ich übe mich in Gelassenheit. Ich weiß aber gleichzeitig, dass ich nicht abgeklärt werden kann. Die Gefühle sind zu stark. Ich denke an eine größere Perspektive, an einen höheren Sinn, und dann ist es gut. Ich skype mit meiner Frau und meiner Familie, und das ist schön.

Hast du ein Ritual, wenn du wieder zuhause a kommst?

Svavar Knútur: Manchmal habe ich einen Konzertauftritt noch am selben Tag. Ich muss dann dort weitermachen, wo ich aufgehört habe. Manchmal gehe ich ins Büro meines Plattenlabels, und wir trinken zusammen ein Glas Whisky. Ich bringe den Jungs eigentlich immer eine Flasche Whisky mit. Auch meiner Familie kaufe ich kleine Geschenke.

Sehnst du dich eigentlich nach dem Süden?

Svavar Knútur: Nein. Überhaupt nicht. Ich reise immer nordwärts.



Viele Deutsche haben eine große Sehnsucht nach dem Sommer, nach Italien, Spanien, dem Meer.

Svavar Knútur: Es ist nett, in der Sonne zu sein. Aber mein Herz zieht mich immer nach Norden, ins Dunkle, Mystische. Ins Kalte. Ich mag das. Der Norden ist ein guter Ort.

Wie beeinflusst das Arktische deine Musik?

Svavar Knútur: Höre dich einfach mal durch meinen ganzen Musikkatalog. Das ist zwar ein wenig Arbeit, aber: Wenn ich über die Natur und Naturphänomene singe, Wind, Bäume, Sonne, Himmel, Morgen, Abend und so, dann singe ich auf Isländisch. Die Natur zieht meine Muttersprache aus mir heraus. Wenn ich über allgemeine Gefühle singe, Liebe zum Beispiel, dann singe auch auf Englisch.

War das schon immer so?

Svavar Knútur: Ja. Auch die Melodieführung ist bei den isländischen Songs ganz anders. Ich verwende eine andere Struktur, andere Tonarten. Einen anderen melodischen Code, sozusagen.

Wer ist denn eigentlich Lady Winter?

Svavar Knútur: Ich habe diesen Song geschrieben, als ich in Deutschland unterwegs war. Ich habe die Sage um die Loreley kennen gelernt und wollte sie mit etwas Nordischem verbinden. Bei den Moomins gibt es ja die Mårran, einen brummigen Wintergeist. Mårran knurrt, knarzt, brummt. Trotzdem hat der Geist etwas Liebenswertes an sich. Meine Lady Winter ist nun eine Mischung aus Loreley und diesem dunklen Wintergeist. Das ist meine Welt.

So gehe es ihm auch, wenn er in seinem Zuhause in der isländischen Hauptstadt Rejkjavik sitze. Dann schaue er zum Fenster raus, beobachte, was sich auf der Straße tue, und schreibe es nieder. "Ich kann nur über das schreiben, was mich berührt", sagt er. Das wird an diesem Donnerstag auch die Sehnsucht nach Island sein. Seit Anfang Dezember ist er auf Tour durch Deutschland. Sein letztes Konzert spielt er am 16. Dezember in München. Das Heimweh wird wieder stärker.


  • Was: Kommode 1 präsentiert Svavar Knútur
  • Wann: Donnerstag, 13. Dezember 2018, 19 Uhr
  • Wo: Hilda5, Hildastraße 5, 79102 Freiburg

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