Leute in der Stadt

Warum der Enkel von Rudolf Höß sich gegen Rassismus einsetzt

Anja Bochtler

Rainer Höß ist der Enkel von Rudolf Höß, dem Kommandanten des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Vor 15 Jahren hat er das Reden über seine Familie zu seinem Beruf gemacht, seitdem reist er herum und kämpft gegen rechte Tendenzen.

Jetzt ist auch das Kepler-Gymnasium im Stadtteil Rieselfeld eine "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage". Am Mittwochabend wurde der Titel verliehen. Als Pate kam ein prominenter Gast: Rainer Höß (51) ist der Enkel von Rudolf Höß, dem Kommandanten des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Vor 15 Jahren hat er das Reden über seine Familie zu seinem Beruf gemacht, seitdem reist er herum und kämpft gegen die mittlerweile überall wachsenden rechten Tendenzen. Sein Publikum hat er am Mittwoch begeistert – doch er ist auch umstritten.

Vergangenes Jahr in Stuttgart haben sie ihn kennengelernt: Da waren Selma Nabulsi und Felix Wagner, die beide gerade ihr Abitur gemacht haben, bei einer Konferenz des "Models United Nations Baden-Württemberg". Dort trat Rainer Höß auf. Sie blieben in Kontakt, und die Vorbereitungsgruppe, zu der noch einige andere Schüler gehörten, lud ihn ein.


Schulpate ist Rainer Höß zum ersten Mal, erzählt er während des Abends, den Selma Nabulsi moderiert. Doch an Schulen und mit Jugendlichen unterwegs ist er ständig: Er sei nur drei Monate im Jahr nicht auf Reisen, sagt er – da wohnt er dann daheim in Weil der Stadt bei Stuttgart.

Früher hat er unter anderem als Koch gearbeitet, inzwischen war er – meist mit Schülergruppen – 28 Mal in Auschwitz, tritt in Filmen auf, hat mit zwei Journalisten seine Geschichte aufgeschrieben. Er musste die Vergangenheit seiner Familie selbst entlarven, erzählt er: Sein Vater, der immer strikten Gehorsam forderte und ihn oft schlug, habe alles abgestritten und behauptet, der Name Höß sei verwechselt worden.

Dieser Vertrauensmissbrauch sei die Ursache gewesen, dass er als 15-Jähriger ausgezogen sei, im gleichen Alter, in dem seine älteste Enkelin gerade ist. Er hatte Probleme mit Drogen und Alkohol und wurde früh Vater, er hat vier Kinder. Auf sie ist er stolz, besonders darauf, dass sie erkennbar andere Wege einschlagen als es sein Großvater tat: Ein Sohn ist mit einer Polin verheiratet, eine Tochter mit einem muslimischen Bosnier, die andere mit einem Italiener. Zu seiner Ursprungsfamilie hat er fast alle Brücken abgebrochen – nur mit der Mutter hat er sich ausgesöhnt. Die Großmutter habe bis zu ihrem Suizid ihrem "verlorenen Paradies Auschwitz" hinterhergetrauert, eine Cousine und eine Tante hätten Kontakte zu Rechten. Der Vater habe ihn als Zehnjährigen verprügelt, als er zum Pessachfest bei seinem jüdischen Freund eingeladen gewesen sei. Damals habe der Vater ein Schild an der Gartentür angebracht: "Hier sind Juden unerwünscht".

Beim Publikum kommt gut an, wie er dazu aufruft, sich klar und immer rechten Tendenzen entgegenzustellen. Hat er nie Angst? Vor der letzten Wahl sei sein Briefkasten übergequollen von Post von Rechtsextremen, sagt er: "Das interessiert mich nicht."

Rainer Höß erzählt gern und viel von sich, er liebt es, eine Bühne zu haben. Genau das wird ihm immer wieder vorgeworfen: Er inszeniere sich selbst und nutze seine Familiengeschichte für seine Zwecke. Für Wirbel sorgte, als er vor sechs Jahren bei der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem nachgefragt habe, ob man die in seinem Besitz befindlichen Erbstücke seines Großvaters kaufen wolle. Er streitet ab, dass es um einen Verkauf hätte gehen sollen. Und was ist mit der Inszenierung? Er fragt zurück: "Glauben Sie wirklich, ich kann stolz sein auf das, was mein Großvater getan hat?"