Warum brauchen wir Neue Musik? 5 Antworten zum Mehrklang Festival

Manuel Lorenz

Neue Musik steht im Ruf, schräg bis schrecklich zu klingen; Hörer derartiger Musik gelten gemeinhin als Masochisten. In Freiburg findet ab Mittwoch, 25. Mai 2011 das Mehrklang Festival statt, das zeigen will, was Neue Musik noch alles kann. Manuel hat Thomas Schmölz, den Koordinator des Festivals, unter anderem gefragt, warum wir mehr als nur Popmusik brauchen.




fudder: Herr Schmölz, wird auf dem Mehrklang-Festival auch schöne Musik erklingen?

Thomas Schmölz: Schöne Musik wird es in allen Konzerten des Festivals geben, denn die schräg bis schrecklich klingende Musik, die Sie meinen, ist schon lange Geschichte. Leider wird das Klischee über Neue Musik immer noch vom Bild der 60er und 70er Jahre beherrscht: von der Musique concrète und den Serialismus-Bewegungen der Nachkriegszeit.

Tatsächlich birgt die Neue Musik, wie sie jetzt gerade stattfindet und geschaffen wird, eine neue Schönheit. Auch weil Schönheit wieder en Vogue ist und von jungen Komponisten wieder gewagt wird. Innerhalb der nächsten zehn Jahre wird immer deutlicher werden, dass diese Komponisten Brücken nehmen, die bis in die dreißiger Jahre oder sogar weiter zurückreichen und über die Erfahrung der vergangenen 80 Jahre zu Neuem führen werden. Neue Musik wird wieder subjektiver werden.

Um Neue Musik zu verstehen: Muss man da Philosophie im Nebenfach studiert haben?

Ich bin ein Pragmatiker, und hochkomplexe Texte zu Musik sind für mich ein rotes Tuch. Unser erstes Festival wurde noch von einem 100-seitigen Programmheft begleitet. Das haben wir mittlerweile abgeschafft, weil uns wichtig ist, dass Musik unmittelbar durch das bewusste Hören wahrgenommen wird. Und da muss man dann halt sehen, wie man damit zurechtkommt.

Unsere Aufgabe ist es, einen Rahmen zu schaffen, in dem dieses bewusste Hören unterhaltsam gestaltet wird. Darum bin ich ein Verfechter des Kleinformats. Da lässt sich das viel einfacher herstellen. Es ist fast egal welches Soloinstrumente man besetzt: Wenn man direkt vor ihnen sitzt, merkt man, mit wie viel physischer Kraft sie beherrscht werden müssen. Das ist dann für jeden nachvollziehbar, dass da jemand alles gibt, um einen gewünschten Ton zu erzeugen.

Warum brauchen wir überhaupt Neue Musik?

Neue Musik ist ja nichts anderes als ein klanglicher Ausdruck der Empfindungen der Zeit. Diese werden von Komponisten aufgegriffen und in Klänge gewandelt. Meines Erachtens ist es eine der vornehmsten Aufgaben der Kunst, ihre Zeit zu kommentieren oder gar zu kritisieren.

In der Musik ist das dann natürlich schwerer nachvollziehbar als in anderen Künsten, weil Musik ja semantisch nicht greifbar ist, sondern immer ganz individuell aufgefasst wird. Aber genau deshalb kann sie einem aus emotionaler Sicht sehr viel geben – was auch die Stärke der Neuen Musik ist, gerade in unserer Zeit, in der so viel Verunsicherung den Alltag prägt.

Aber Popmusik dokumentiert doch ebenfalls die Gegenwart.

Das ist richtig. Es gibt sehr stark politisierte Popmusik, und die ist wichtig. Aber für mich stellt sich immer auch die Frage des Timings, des Zeitempfindens. Und Populärmusik ist für mich immer eine schnelle Musik. Schnell konsumierbar, schnell verstehbar – je nachdem. Sie kann unmittelbar wirken, wird aber eher nicht reflektiert.

Die sogenannte Ernste Musik ermöglicht aus meiner Sicht einen Entschleunigungsprozess, der dann wiederum das Reflektieren der Form, der Zeit und der eigenen Fragen in größtem Maße befordert und dadurch Einsichten schafft, die den Menschen als Gemeinschaftswesen weiterbringen können. Das ist für mich einer der großen Mehrwerte innerhalb dieser beiden Welten, zwischen denen man heutzutage ja ohne Probleme hin- und herwechseln kann.

Haben sich Pop- und Neue Musik etwas zu sagen?

Sehr viel. Diese ganzen dogmatischen Verfestigungen in den Ansichten und Einsichten all jener Komponisten, die noch in den sechziger und siebziger Jahren geboren worden sind, finden sich bei den jüngeren kaum mehr wieder. Die Komponisten, die zwischen dem Ende der siebziger und dem Ende der achtziger geboren wurden, sind viel unkomplizierter, wagen den Blick über den Tellerrand und wollen ganz bewusst Neues entdecken. Sie experimentieren viel, mischen Genres und hinterfragen Aufführungsformate.

Exemplarisch finden diese beiden Welten in der elektronischen Musik zusammen. Bei Veranstaltungen wie der "Langen Nacht der elektronischen Musik" im Mai 2010 oder "On/Off" im November 2010 entstanden zum Beispiel sehr schöne Amalgamierungen. Neue Musik und DJ-Kultur sowie Pop-Elektronik haben da gemeinsam ganz tolle Sachen gemacht und sich beidseitig daran erfreut. Da lud die eine Welt die andere dazu ein, vorurteilsfrei mitzumachen. Und beide Seiten haben danach gesagt: Da wollen wir weiter dran arbeiten, da ist etwas entstanden, was mir vorher unbekannt war.

Mehr dazu:

Was: Mehrklang Festival: Luxus - Ungewohnt Gewöhnliches und außergewöhnlich Besonderes
Wann: Mittwoch, 25. Mai bis Samstag, 28. Mai 2011
Wo: An verschiedenen Orten Freiburgs (siehe Programm)
[Bild 1: © Ensemble Alarm; Bild 2: © Marc Doradzillo]