fudder-Interview

Warum auch Naturwissenschaftler*innen die Gender Studies brauchen

Anna Lob

Was können Naturwissenschaftler von den Gender Studies lernen – und umgekehrt? Anelis Kaiser, 45, ist Professorin am Institut für Informatik der Uni Freiburg und leitet Studierende beim Blick über den eigenen Fachbereich hinaus an.

Warum sollten Naturwissenschaftler*innen sich mit Gender befassen?

Man hat sich in der Naturwissenschaft schon immer für Geschlechterunterschiede interessiert, diese untersucht und publiziert. Neu ist allerdings die Zusammenführung mit den Gender Studies. Ich halte diese Kombination für produktiv, weil die Naturwissenschaften viel von den Theorien der Gender Studies lernen können und daraus neue Forschung entstehen kann. Naturwissenschaften könnten sich zum Beispiel damit befassen, ob es überhaupt sinnvoll ist, immer nur Geschlechterunterschiede zu erfassen. Denn interessant ist auch, nachdem wir die Frage der Unterschiede bereits seit Jahrzehnten verfolgen, beispielsweise zu fragen: Was erfahren wir über Geschlechterähnlichkeiten? Oder: Unter welchen Umständen sind Differenzen veränderbar? Und: Wie genau sehen Differenzen im Vergleich zu Ähnlichkeiten aus? Ist ein Unterschied etwa eine größere Zahl versus einer kleineren, ein Millimeter mehr oder weniger an Hirnstruktur, ein selten versus öfter stattfindender physiologischer Prozess? Also was genau ist das, was als gleich, und das, was als verschieden gemessen wird?

Worum geht es in Ihren Kursen?

Ich gehöre der technischen Fakultät an. Zu mir kommen unter anderem Studierende aus der Mikrosystemtechnik oder der Informatik und für sie gebe ich beispielsweise das Seminar "Gender in Science and Technology". In diesem Seminar geht es zum einen darum, auf Zahlenebene zu verstehen, ob die ungleichmäßige Verteilung von Frauen und Männern in diesen Disziplinen eine Rolle spielt. Zum anderen befassen wir uns auch intensiv mit Geschlecht in den Experimenten der Technik- und Naturwissenschaften. Ich versuche, die Studierenden dazu zu bewegen, von außen auf ihre Wissenschaft zu blicken. Da wird etwas über Geschlecht gesagt, gemacht, gemessen und statistisch legitimiert. Warum machen wird das so, und zwar genau so, und was wäre, wenn man anders messen würde? Welches Wissen würde dann entstehen?

Was ist Ihre Motivation dabei?

Damit möchte ich hinterfragen, ob ein Jagen nach Differenzen immer nur objektiv ist – und was überhaupt "objektiv" bedeutet. Wenn man nach langem Forschen kein signifikantes Ergebnis vorweisen, das heißt keinen Unterschied beweisen kann, hat man das Gefühl, nichts herausgefunden zu haben. Wir produzieren Wissen durch Differenz. Dabei ist "kein Unterschied" in einem Experiment ebenso ein Ergebnis, welches aber viel seltener publiziert wird. Das durch Differenz produzierte Wissen über Geschlecht wiederum fließt in unser (soziales) Verständnis darüber, wie Frauen und Männer sind, ein. Geschlechterunterschiede in den Naturwissenschaften werden in der Regel oft nebenbei gefunden, sind geringfügig und werden nachträglich in den Fokus genommen, trotzdem werden sie oft an wichtigen Stellen einer Publikation genannt, zum Beispielim Titel der Studie. Warum ist das so?

Unterstützt die Forschung teilweise Stereotype?

Kaiser: Sehr oft. Und das wird durch die routinemäßige Einteilung in die F-Gruppe (Frauen) und M-Gruppe (Männer) begünstigt. Diese halb-halb Einteilung ist oft unpräzise, da sich die Geschlechtergruppen zu einem hohen Masse ähneln, ihre Merkmale überlappen sich teilweise gänzlich. Diese Überlappungen werden aber durch die F-M-Einteilung nicht widergespiegelt, vielmehr wird der Eindruck erweckt, es gäbe immer nur distinkte, klar trennbare Gruppen, die im Verhalten permanent verschieden voneinander sind. Hier schleichen sich dann Stereotypen ein, im Sinne von "das ist die Gruppe der Empathischen", und "das ist die Gruppe der Rationalen".

Kritiker*innen der Gender Studies argumentieren, dass es biologisch nun mal zwei Geschlechter gäbe. Was antworten Sie?

Biologisch gesehen gibt es nicht nur zwei Geschlechter. Es gibt eine dritte Kategorie, die sich wiederum mehrfach aufsplittern lässt. Wir wissen also nicht – gibt es drei Geschlechter oder Hunderte? Und wenn biologisch: Meinen wir Genitalien, Gene, Gehirn? Weiß man, welches genetische Geschlecht man hat? Meint man das hormonelle Geschlecht? Selbst wenn man von großen, evidenten biologischen Differenzen ausgeht, heißt das nicht, dass die soziale Geschlechterordnung so sein muss, wie sie ist. Geschlechterordnungen und -rollen sind soziale Entscheidungen, die die Gesellschaft über Jahrhunderte eingeführt hat – das hat mit dem Körper nicht unbedingt was zu tun.

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