Warum aktuell wieder Freiburger gesucht werden, die sich für Geflüchtete engagieren

Gina Kutkat

Seit fast zwei Jahren gibt es das Integrationsprojekt "Start With a Friend" in Freiburg – und noch nie standen so viele Geflüchtete auf der Warteliste. Warum sich weniger Freiburger engagieren, hat Gina Kutkat bei Hanno Dihle nachgefragt.

Bei ’Start with a friend’ sucht ihr aktuell wieder nach Freiburgerinnen und Freiburgern, die sich engagieren. Warum?

In den Semesterferien ist gerade hier in Freiburg nicht so viel los. Die meisten Leute sind auf Reisen, im Urlaub, Studierende schreiben Hausarbeiten. Die Geflüchteten sind aber immer vor Ort. So hat sich in den letzten Monaten ein ziemlicher Überhang angestaut. Wir hatten Anfang Oktober etwa 70 Geflüchtete auf der Warteliste.

Engagieren sich generell weniger Leute für Geflüchtete als noch im Jahr 2016?

Das kann man nicht so genau sagen, weil die Schwankungen saisonal groß sind. Wir merken aber schon, dass das Engagement deutlich rückläufig ist – auch langfristig gesehen. Wir erreichen die Leute nicht mehr so gut wie noch vor einigen Monaten. Als wir gestartet sind, hatten wir nach unserem ersten Auftritt in der Öffentlichkeit gleich 70 Mails von Leuten, die sich engagieren wollten. Das erleben wir jetzt so nicht mehr.

Wie erklärst Du dir das?

Ich glaube, dass das Thema Geflüchtete einfach aus dem Fokus der Menschen verschwunden ist. Auf der Seite der Geflüchteten gibt es aber immer noch einen sehr großen Bedarf an sozialen Kontakten. Einerseits, um besser Deutsch zu sprechen: Die Leute brauchen Praxis, um in den Beruf starten zu können, die Prüfung an der Uni zu schaffen oder an der Dualen Hochschule angenommen zu werden. Die Sprache ist immer noch eine der größten Hürden, um in einen Job einzusteigen. Andererseits ist es immer noch so, dass viele Geflüchtete in ihren Unterkünften und Kreisen relativ isoliert und auf der Suche nach Kontakten sind. Um sich in das soziale Netzwerk, die deutsche Kultur oder die Stadt Freiburg zu integrieren.

"Die Geflüchteten, die sich bei uns anmelden, sind zwischen 18 und 40 Jahre alt."

Es werden also Leute gesucht, die den Geflüchteten beim Ankommen helfen? Wie sieht solch eine Hilfe aus?

Grundsätzlich geht es bei ’Start with a friend’ darum, dass man sich auf Augenhöhe begegnet. Die Leute sollen die Geflüchteten kennenlernen. Das heißt, etwas mit ihnen unternehmen, sie in den Freundeskreis aufnehmen. Als wir anfingen, steckten viele Geflüchtete noch in Asylverfahren und brauchten in dieser Hinsicht Unterstützung, das kommt aber heute kaum noch vor. Die meisten haben das Verfahren durchlaufen, eine Aufenthaltserlaubnis und sprechen gut Deutsch, meistens auf B2-Niveau. Es geht also vor allem darum, die Geflüchteten in die Gesellschaft zu integrieren. Das kann durch Kneipenbesuche oder Ausflüge in eine Straußi erfolgen.

Wer kann denn bei euch mitmachen?

Im Prinzip jeder, der über 18 ist. Wir suchen Menschen auf allen Ebenen. Die Geflüchteten, die sich bei uns anmelden, sind zwischen 18 und 40 Jahre alt. Vor zwei Monaten haben wir außerdem ein Familienprojekt gestartet, um auf beiden Seiten mehr Familien zu gewinnen – und auch mehr geflüchtete Frauen, die sind bei uns nämlich noch unterrepräsentiert. Auf der Seite der Locals engagieren sich im Gegensatz dazu weniger Männer.

"Wir wollen gerne einen sozialen Kontakt zustande bringen, Freundschaft ist da eher der Bonus."

Mit was für einem Zeitaufwand muss man rechnen?

Die Tandems klären meistens untereinander, wie oft und wie lange sie etwas gemeinsam unternehmen. Als Faustregel geben wir immer zwei Stunden pro Woche mit auf den Weg, das kann aber mal mehr, mal weniger sein. Niemand sollte sich eingeschränkt fühlen. Anhand der Profile unserer Datenbank bringen wir Leute zusammen, die aufgrund ihrer Bedürfnisse und Interessen am besten zusammenpassen.

Und was passiert, wenn ein gebildetes Tandem nicht gut harmoniert?

Wir versuchen natürlich, dass die Leute Freunde werden, aber das können wir nicht versprechen. Es wäre ja auch absurd, wenn wir die Menschen nach einer halben Stunde so gut einschätzen könnten, dass sie perfekt zueinander passen. Wir wollen gerne einen sozialen Kontakt zustande bringen, Freundschaft ist da eher der Bonus. Es klappt oft, aber auch nicht immer. Wenn etwas nicht funktioniert, sollte man das offen kommunizieren. Wir stehen den Tandems unterstützend zur Seite, wenn es Probleme gibt oder sich ein Tandem auflöst. Wir arbeiten außerdem mit einem Sozialpädagogen zusammen, der hilft, wenn ein Geflüchteter beispielsweise ein Trauma durchlebt, mit dem der Tandempartner nicht zurecht kommt.

"Wir haben seit Anfang 2016 etwa 400 Tandems in Freiburg ins Leben gerufen."

Woher kommen denn die Geflüchteten, die gerade auf Tandempartner warten?

Syrer sind bei uns immer noch die größte Community. Es gibt Menschen aus dem Iran, aus Afghanistan, Eritrea und einige aus Gambia. Wir sind gerade wieder aktiv dabei, Werbung zu machen, um auch andere Gruppen zu erreichen.

Wie erfolgreich sind die Freundschaften zwischen Geflüchteten und Locals?

Wir haben seit Anfang 2016 etwa 400 Tandems in Freiburg ins Leben gerufen. Es gibt einige, bei denen es nicht funktioniert, die meisten sind aber immer noch als Tandem aktiv. Oder es sind richtige Freundschaften draus geworden, die auch fernab des Integrationsprojekt ganz natürlich wachsen. Für uns ist das schön, wenn wir so ein Feedback bekommen.
Hanno Dihle, 39, ist studierter Volkswirt und Historiker. 2016 hat er gemeinsam mit Daniel Wolber den Standort Freiburg des Berliner Projekts Start with a friend gegründet. Seit 2017 ist er Regionalleiter Süd von Start with a friend.

Die nächsten Infoabende für Freiburgerinnen und Freiburger finden am 26. Oktober und 7. November, jeweils ab 19 Uhr statt. Details zu den Veranstaltungen gibt es auf der Facebook-Seite: Start with a friend. Außerdem wird es einen zweiwöchigen regelmäßigen Stammtisch für Tandems geben, der nächste findet am 24. Oktober im Hofcafé im Herderbau statt. Offene Infotermine im Grünhof/Café Pow finden jeden Dienstag zwischen 14 und 17 Uhr statt.

Disclosure: fudder-Redakteurin Gina Kutkat engagiert sich bei Start with a friend. Sie hätte über das Projekt aber auch berichtet, wenn dem nicht so wäre.