Warten auf den nächsten Knall

David Weigend

Seit dem vergangenen Sommer hat sich in Freiburg eine neue Drogenszene gebildet. Sie setzt sich zusammen aus Mischkonsumenten, die abhängig sind von Methadon in Verbindung mit dem Wirkstoff Promethazin. Ein extrem berauschender und süchtig machender Cocktail. An der Kronenbrücke treffen sich die Abhängigen und hinterlassen Spuren. Ein Feature über erboste Spaziergänger, heimatlose Konsumenten und fordernde Drogenberater.



Wer mit jemandem reden will, der sich gerade Methadon gespritzt hat, muss sich Zeit nehmen. In diesem Fall: Zeit für Alex. Sein rechter, tätowierter Unterarm ist angeschwollen, "ein Ei", wie er es nennt. Soeben hat sich der 32jährige Methadon injiziert, ein Heroinsubstituid "geballert." Weil er mit der Nadel seine Vene nicht richtig getroffen hat, kommt es nun zur Schwellung. Der junge Mann, der viel älter aussieht, spricht in Zeitlupe, knetet seinen Tabak in Zeitlupe, trinkt den Earl Grey in Zeitlupe. "Ich habe die letzten drei Nächte insgesamt sechs Stunden geschlafen", sagt er langsam.


Man trifft Alex am Kiosk an der Kronenbrücke. Hinterm Kiosk stehen, sofern es nicht regnet, diejenigen beieinander, die abhängig sind von Methadon, oder, gefährlicher, von Promethazin.



Ein so genanntes Antihistaminikum, das bei pschyischen Erkrankungen und zur Narkosevorbereitung eingesetzt wird. Es beruhigt stark. Wenn man sich dieses Promethazin in Verbindung mit Methadon in die Vene spritzt, kommt es "dermaßen zu einem Kick. Ein Wahnsinnspfund, da kommt nix anderes dran. Auch nicht Heroin. Wenn jemand daran geschnuppert hat, ist es richtig schwierig, davon wieder wegzukommen."

Das sagt Markus, ebenfalls einer vom Kronenkiosk. Einer, der täglich gegen die "Prom"-Sucht kämpft und diesen Kampf täglich aufs Neue verliert. Der Mischkonsum ist verheerend. Er macht Menschen zu Zombies. Der Prom-Cocktail ist in der Freiburger Szene vergangenen Sommer in Mode gekommen. Immerhin behauptet Markus, seine benutzten Spritzen nicht ans Dreisamufer zu schmeißen, sondern sie im vorgesehenen Loch am Spritzenautomaten zu entsorgen. Im Kontaktladen in der Rosastraße könne er sie sogar gegen frische Kanülen eintauschen. Der Betreiber des Kiosks toleriert die Dauerkundschaft übrigens nur zähneknirschend. "Die Polizei war da und hat mir gesagt, dass diese Leute zur Zeit eben keinen anderen Platz hätten."



Die herumliegenden Spritzen am Dreisamufer, besonders augenfällig zwischen Kronen- und Schnewlinbrücke, sind ein öffentliches Ärgernis, das Spaziergänger und Gassigeher wütend macht. Manchmal sind auch die Fixer selbst eine Last. Ein fudder-Leser berichtet: "Ich war mit meinem vierjährigen Sohn an der Dreisam unterwegs. Auf Höhe der Kaiserbrücke kam plötzlich ein Typ rückwärts aus dem Gebüsch getaumelt. Er hatte die Hose unten, die Spritze hing ihm noch irgendwo am Bein. Der Mann hat meinen Sohn halb zu Boden gerissen."

Angesichts solcher Szenen sei die Frage erlaubt, warum es in Freiburg keinen Konsumraum gibt, in dem sich Abhängige in einer sterilen, sicheren Umgebung ihren Druck setzen können. Zwar gibt es ein Bundesgesetz, das noch die rot-grüne Bundesregierung verabschiedet hat. Dieses Gesetz erlaubt die so genannten Gesundheitsräume, wie sie etwa in der Schweiz zum Standard gehören. Jedoch entscheiden die Vertreter der einzelnen Bundesländer, ob dieses Gesetz in ihrem Hoheitsgebiet in Kraft tritt oder nicht. Baden-Württemberg und Bayern haben sich dagegen entschieden. Deshalb ist in Freiburg ein Konsumraum verboten. "Sinnvoll wäre so ein Raum auf jeden Fall", räumt Jeanette Piram ein. Sie leitet den Kontaktladen der Freiburger Drogenhilfe in der Rosastraße.



Piram geht in ihrer Überlegung einer sinnvollen Konsumentenbehandlung noch einen Schritt weiter. Soeben hat die Arbeiterwohlfahrt (AWO), die den Kontaktladen größtenteils trägt, eine Forderung eingereicht, die eine kontrollierte Heroinabgabe beinhaltet. "Die heroingestützte Behandlung ist der mit Methadon deutlich überlegen", so heißt es in der Forderung. Voraussetzung wäre allerdings eine Änderung des Betäubungsmittelgesetzes.

Rund 1300 abhängige Freiburger würden dieses neue Handhaben von Heroin zu spüren bekommen. 160 Klienten zählt Piram an manchen Tagen im Kontaktladen, geplant war er für 60 bis 80 Klienten täglich. "Wir sind ja schon froh, wenn sie in der Gruppe konsumieren, die einen den Druck setzen und die anderen aufpassen." Fixeralltag am Spielplatz am Fuße des Colombischlösschens. "Wir sehen natürlich, dass man dort unter unmöglichen Umständen konsumiert", sagt ein Mitarbeiter des Kontaktladens.



Alex, der zeitweilige Zeitlupenmann, hat mit der Fixerszene am "Käfig" im Colombigarten nichts mehr zu tun. Er ist von Heroin auf den Ersatzstoff Subutex umgestiegen. Inzwischen berechtigt ihn sein Substitutionsausweis dazu, beim Arzt täglich zwei mal 5 Milliliter Methadon "abzuschlucken". Alex schraubt den roten Verschluss des weißen Döschens auf. Der flüssige, bittere Schmerzdämpfer kommt zum Vorschein: "Das Rötliche ist irgendein Saft, den sie dazu mischen, damit man es sich nicht ballert. Hält aber keinen davon ab."

Frau Piram würde Alex wohl als jemanden bezeichnen, der sich "nicht an die Vorschriften der Substitution hält." Tatsächlich ist bei ihm das Ballern, also das unerlaubte Spritzen von Methadon, eine Ausnahme. Manchmal schafft er es eben nicht, der Verlockung stand zu halten. Und die Verlockung ist groß während den so genannten Take home-Tagen, an denen ihm der Arzt das Methadon nach Hause mitgibt. "Den Knall mache ich mir dann meistens daheim", sagt Alex.

Sein Zuhaus ist eine kleine Wohnung in Haslach. 340 Euro überweist ihm das Arbeitsamt im Monat, dazu kommen 120 Euro für die Wohnung des Arbeitslosen, den die Stadt angeblich bei der Suche nach einer Beschäftigung unterstützt, "erstmal vier Stunden täglich".



Solang würde es auch dauern, bis der Waldshuter mit der großen Aknenarbe auf der linken Wange nur ansatzweise erklärt hätte, wie er in diese Lebenssituation gekommen ist. Er würde erzählen, wie er mit 15 auf der Straße gelebt hätte, von Zürich, insbesondere vom Platzspitz und dann vom Bahnhof am Letten, von den Spritzen, die sich dort bahndammhoch getürmt haben, von Fixern, die in ihrer Sucht unvorstellbar abstoßende Dinge getan haben, von seinem ersten Fix Heroin, von den Toten, neben denen er aufgewacht ist, von seinen Schießübungen in der Armee des Slobodan Milosevic, von seinem Hund Iovi, der immer bei ihm ist und der ihm alles bedeutet, von seinem Interesse für Nahkampfwaffen und Esoterik, von Schwulen, die seine Abhängigkeit erkennen und ihm unanständige Angebote machen.



Letztlich wäre es eine Geschichte über seine Schwächen. "Unzuverlässigkeit, ich kann nicht mit Geld umgehen. Faulheit. Mir fehlen die Ellbogen." Alex hält inne und greift sich kurz an den Amethysten, der an seiner Brust hängt und ihm gegen sein Asthma helfen soll.

Wie war das, sein erster Schuss, mit 17 Jahren? Alex scheint in eine Art Sekundenschlaf zu fallen. Dann sagt er, ganz langsam: "Ich weiß nicht mehr genau, wie das war. Ich glaub, die Melli hat mir dabei geholfen. Die Melissa. Auch schon tot."