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Warnstreik in Südbaden: Beschäftigte wollen nicht nur mehr Geld

Der Warnstreik im Südwesten hat das von den Gewerkschaften erhoffte Signal gesetzt. So blieben in Freiburg Straßenbahnen und Busse stehen, Kitas geschlossen. Die Streikenden fordern indessen nicht nur höhere Gehälter, sondern wollen auch mehr Wertschätzung für ihre Arbeit.

Fast nichts los auf dem Münstermarkt

Auch auf dem Münstermarkt ist der Streik zu spüren – es ist kaum etwas los. "Wir haben mindestens 30 Prozent Umsatzeinbußen", sagt Ludwig Hämmerle. Er verkauft Fleisch-Spezialitäten aus dem Schwarzwald und hat an normalen Tagen viele Stammkunden. Das seien oft Senioren, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus den umliegenden Stadtteilen auf den Münsterplatz kommen: "Die alte Frau aus Herdern kann nun mal nicht zu Fuß in die Innenstadt gehen", betont Hämmerle. Bei vergangenen Streiks hätten zwar auch weniger Menschen bei ihm eingekauft, aber so stark habe er den Rückgang noch nicht erlebt. Kurt Schneider, der Obst und Gemüse direkt am Markteingang verkauft, berichtet sogar von über 40 Prozent weniger Kundschaft. Er erklärt es sich auch mit dem schlechten Wetter.

Polizei meldet deutlich stärkeren Verkehr

Die Freiburger Polizei hat wegen des Streiks im ÖPNV deutlich mehr Verkehr wahrgenommen. "Auf der B31 ist der Verkehr den ganzen Tag über in beide Richtungen sehr stockend", sagte Polizeisprecherin Laura Riske am Dienstagnachmittag. Mehr Unfälle oder Vorfälle als sonst werktags habe es aber nicht gegeben. "Wir haben nichts Dramatisches zu vermelden."
Aber auch auf kleineren Straßen, etwa in der Kartäuserstraße stadteinwärts, war der Verkehr deutlich stärker als gewöhnlich.

Mit Bussen nach Karlsruhe

Ob Forstamt, Kita, Krankenhaus oder Straßenreinigung - viele Beschäftigte im öffentlichen Dienst bemängeln, dass ihre Arbeit nicht wert geschätzt werde. Daher rief die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zu Warnstreiks in Südbaden auf. Etwa 1000 Beschäftigte fuhren mit Bussen nach Karlsruhe, um für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zu streiken.

Sechs Prozent mehr Lohn fordert Verdi. Marcel Boser wäre enttäuscht, würden es nicht mindestens vier Prozent werden. Er arbeitet als Straßenreiniger bei den technischen Betrieben in Offenburg. Mit seinen 35 Jahren sei er dort der jüngste Angestellte. "Unser Beruf hat kein gutes Ansehen. Viele gucken uns von oben herab an. Klar, dass wenige junge Leute den Job machen wollen." "Wenn wir um sechs Uhr morgens Lärm machen, sind die Anwohner sauer. Ist die Straße aber um acht Uhr morgens nicht sauber, beschweren sich die Leute auch", sagt sein Kollege Peter Hättig.

Die Deutschen seien von der Sauberkeit hierzulande verwöhnt und würden nicht sehen, welche Arbeit dahinter stecke. Beide sind der Meinung, dass sich die Angestellten im öffentlichen Dienst die Franzosen zum Vorbild nehmen sollten. "Die streiken viel mehr. Würden wir mal geschlossen drei Tage lang die Arbeit ruhen lassen, würden jeder merken, wie wichtig unser Job ist."

Auch Erzieher sehen ihre Arbeit nicht gewürdigt. Leonie Vogel arbeitet bei einer Kita in Freiburg. Trotz eines Masters in Kindheitspädagogik verdient sie nur 1700 Euro netto. "Alle betonen, wie wichtig die frühkindliche Förderung sei. Doch in der Bezahlung spiegelt sich das nicht wieder", sagt sie. Die Lohnentwicklung im öffentlichen Dienst würde weit hinter der in der Privatwirtschaft hinterherhinken. Diese Lücke solle geschlossen werden.

"Vor zehn Jahren hatten wir 26 Angestellte, jetzt sind es noch dreizehn" Günter Gaus
Bettina Zerr, Kita-Leiterin einer Freiburger Einrichtung sagt: "Wir schaffen vielleicht keine monetären Werte, aber wir fördern die Menschen, die später unsere Zukunft gestalten sollen." Sie fordert, dass mehr Gelder in den sozialen Bereich umverteilt werden, doch die Politik würde die Überbelastung ignorieren, unter der viele Erzieher leiden würden.

Zu viel Arbeit bei absoluter Unterbesetzung - das sei auch ein Problem beim Forstamt Baden-Württemberg in Rastatt, sagt Günter Gaus. "Vor zehn Jahren hatten wir 26 Angestellte, jetzt sind es noch dreizehn." Deswegen hat er kein Verständnis dafür, dass die Arbeitgeber bisher noch kein Angebot zur Lohnerhöhung gemacht haben. Er ist nicht nur wütend, sondern guckt auch sorgenvoll in die Zukunft. "Jetzt bin ich 49 und habe noch einen Nebenjob, damit ich mit meiner Familie auch mal in den Urlaub fahren soll. Ich weiß nicht, wie ich das bis 65 durchhalten soll. Denn unsere Arbeit ist körperlich verdammt hart."

Dauerfahrt statt Pausenbrot

Für die Freiburger Taxifahrer ist dieser Dienstag dank des Verdi-Streiks um einiges stressiger als sonst. Zu der eigentlichen Stammkundschaft – etwa Senioren, die zum Einkaufen oder zum Arzt möchten – kommen nun Pendler, die wegen des Streiks sonst nicht zur Arbeit könnten, oder Reisende, die ihren Zug erwischen müssen. Deshalb befänden sich die Fahrer auf Dauereinsatz, Verschnaufen sei kaum möglich, berichtet Werner Weeck, Geschäftsführer der Taxi-Zentrale 55 55 55. Doch das Unternehmen habe Erfahrung mit dem sprunghaften Belastungsanstieg, da Verdi den öffentlichen Nahverkehr nicht zum ersten Mal bestreikt. Es sind 74 Fahrzeuge im Einsatz anstatt der für einen Dienstag üblichen 60 bis 65. Außerdem hat die Zentrale für heute ihre Arbeit flexibilisiert: Die Kunden können keine festen Abholtermine mehr vereinbaren, sondern müssen sich mit Zeitfenstern von etwa 20 Minuten zufriedengeben. Den Zug verpasst habe aber bisher niemand, sagt Weeck: "Manchmal sind wir eben nicht um 13.35 Uhr da, sondern schon um 13.15 Uhr." Dass die Taktik weiterhin funktioniert, bleibt zu hoffen; gerade der durch den Streik noch mehr als sonst überlastete Straßenverkehr mache den Fahrern zu schaffen. "Wenn alles steht, kann man noch so früh losfahren. Man kommt trotzdem nicht pünktlich."

Nachfrage steigt bei manchen Carsharing-Anbietern

Für den Dienstag wollte Philipp N. für eine Dienstfahrt nach Bad Krozingen ein kleines Carsharing-Auto buchen, hatte aber den Streik nicht frühzeitig im Blick. "Es war nur noch ein teurer Siebensitzer in meiner Gegend zu bekommen." So musste der 39-Jährige kurzerhand das Auto eines Freundes leihen, um nach wenigen hundert Metern in der Kartäuserstraße im ersten kleinen Stau zu stecken.
"Ja, die Nachfrage ist heute bei uns schon höher als sonst", bestätigt Jacqueline Deneke von der "Grünen Flotte", konkrete Zahlen kann sie nicht nennen. Monika Schwinkendorf von Stadtmobil, einem Carsharing-Anbieter mit 140 konventionellen Fahrzeugen und sieben E-Autos in Freiburg, sagte, dass am Dienstag keine wesentlichen Auswirkungen durch den Streik zu spüren seien. An manchen Standorten könne es zu bestimmten Zeiten schwieriger sein als sonst, ein Fahrzeug zu buchen.

Fast alle städtischen Kitas werden bestreikt

Wie die Stadt Freiburg mitteilt, müssen Eltern davon ausgehen, dass von den 21 städtischen Einrichtungen nur zwei nicht bestreikt werden: "Turnseehort" in der Wiehre und "Lummerland" in Haslach. In der "Kita im Seepark" in Betzenhausen, "Wirbelwind" in Weingarten und "Kita Landwasser" werden laut Stadtverwaltung ein oder maximal zwei Gruppen geöffnet haben. "Notgruppen werden nicht eingerichtet."

Simeon Stephan, Vorsitzender des Gesamtelternbeirats der Freiburger Kindergärten und -tagesstätten, will überprüfen, ob betroffene Eltern einen Anspruch darauf haben, die Gebühren für den ausgefallenen Tag rückerstattet zu bekommen. Auch die Stadtverwaltung will dies klären: "Im Moment steht noch nichts fest", so Sprecherin Edith Lamersdorf.

VAG, Abfallwirtschaft, Stadtreinigung und Kitas betroffen

Bestreikt werden laut dem Freiburger Verdi-Gewerkschaftssekretär Roland Blanke diesmal neben der VAG die Stadtverwaltung – hier vor allem die städtischen Kitas, aber auch Garten- und Tiefbauamt sowie Gebäudemanagement – und die Abfallwirtschaft (ASF) und Stadtreinigung. Vor der dritten und letzten vereinbarten Verhandlungsrunde in der nächsten Woche haben Verdi und GEW diese Woche drei Streiktage angekündigt. Die Gewerkschaften fordern sechs Prozent mehr Lohn, mindestens aber 200 Euro pro Monat. In der zweiten Tarifrunde hatten die Arbeitgeber kein Angebot vorgelegt.

Betroffen vom Streik sind laut VAG-Pressesprecher Andreas Hildebrandt neben den Straßenbahnen und Bussen der VAG auch die Schauinslandbahn sowie das Kundenzentrum Pluspunkt, das VAG-Fundbüro und die Abteilung für das erhöhte Beförderungsentgelt im VAG-Zentrum.

Nur die Buslinien 15, 16 und 31 bleiben voll in Betrieb

Im Omnibusbusbereich werden lediglich die Linien 15, 16 und 31 in vollem Umfang in Betrieb bleiben, weil diese von Auftragsunternehmen gefahren werden. Bei der Linie 32 entfallen einige Fahrten vor allem im Berufs- und Schülerverkehr. Die auf dieser Linie im Auftrag der VAG durch die Firma Tuniberg Express durchgeführten Fahrten werden angeboten.

Die VAG weist darauf hin, dass die trotz des Streiks verkehrenden Buslinien keinen Anschluss an andere Stadtbahn- oder Buslinien der VAG bieten. Mit den beiden Linien der Breisgau-S-Bahn sowie über die innerstädtischen Haltepunkte des Regionalverkehrs der Deutschen Bahn und mit einigen Linien der im Umland verkehrenden Busgesellschaften seien an dem Streiktag aber Ziele in der Stadt Freiburg erreichbar.



Betroffen ist heute der ganze Südwesten

Erstmals wird damit am heutigen Dienstag auch der kommunale Nahverkehr in mehreren Städten in Baden-Württemberg bestreikt werden. Betroffen davon sind nach Angaben von Verdi die Nahverkehrsbetriebe in Karlsruhe, Baden-Baden, Freiburg und Konstanz. Auch die Angestellten von Verwaltungen, Kindertagesstätten und Kliniken sind aufgerufen, die Arbeit niederzulegen.

Auch Reisende am Stuttgarter Flughafen bekamen den Arbeitskampf zu spüren. Am Airport selbst wurde zwar nicht gestreikt, dafür aber an denen in Frankfurt, München, Köln und Bremen. In Stuttgarter fielen einem Flughafensprecher daher zwölf An- und zwölf Abflüge aus.

Von den Warnstreiks betroffen sind heute alle Bereiche und Kommunen des öffentlichen Dienstes in Mittel- und Südbaden sowie im Schwarzwald und am Bodensee. Morgen sind Arbeitsniederlegungen in der Rhein-Neckar-Region, Reutlingen, Tübingen, Heilbronn und Ulm angekündigt, am Donnerstag in Stuttgart und Umgebung.