Warmer Regen aus westlicher Richtung

Lorenz Bockisch

Schon gewusst, wie die Perle Schlesiens auf Hochglanz poliert wird? Als östlichste Stadt Deutschlands hat Görlitz eine weitgehend vom Bombenkrieg verschonte Altstadt, deren Bauten aus den Zeiten der Renaissance, des Barock und auch der Gründerzeit einen einmaligen Anblick bieten. Wie in vielen ostdeutschen Städten hinterlässt auch hier die Abwanderung ihre Spuren. Doch seit 13 Jahren gibt es immer wieder ein kleines Wunder.

Zu Zeiten der Wende hatte Görlitz noch über 77.000 Einwohner. Inzwischen sind über 20.000 davon geographisch und geriatrisch abgewandert. Dadurch altert nicht nur die Bevölkerung einer Stadt, auch die Bausubstanz findet keinen mehr, der sie renoviert.


Doch 1995 passierte es zum ersten Mal: Auf dem Konto der ostsächsischen Stadt erschien eine anonyme Spende von einer Million D-Mark zur Sanierung der Altstadt, aber ohne weitere Zweckbindung. Die Freude bei den Stadtoberen war groß, und der Denkmalschutzverein Altstadtstiftung begann, das Geld auf diverse Sanierungsprojekte zu verteilen. Als im darauf folgenden Jahr die nächste Million kam, waren Freude und Überraschung umso größer. Im Jahr 2007 kam die inzwischen 13. Spende in gleicher Höhe (nach der Euroumstellung 511.500 €), mit denen inzwischen über 400 Gebäude und Denkmäler restauriert wurden.

Natürlich wollte jeder wissen, von wem dieser warme Regen kam. Doch als Nachforschungen angestellt wurden, meldete sich der Anwalt des/der Spender/in. Es wurde bekannt gegeben, dass bei weiteren diesbezüglichen Bemühungen die Spenden ausbleiben würden. Seitdem hat kein Verantwortlicher der Stadt und auch kein Journalist mehr Nachforschungen angestellt. Ob das Geld von einem ehemaligen Einwohner oder nur von einem Fan von Görlitz kam, bleibt reine Spekulation.

Alle erfreuen sich der durch die Großspenden immer schöner werdenden Stadt, die übrigens die einzige Deutschlands ist, in der die Uhren richtig gehen. Denn nur auf dem 15. östlichen Längengrad, der durch Görlitz verläuft, stimmt die Mitteleuropäische Zeit mit der astronomischen Ortszeit überein. Jedenfalls im Winter.