Warenbörse auf dem Recyclinghof: Schnell sein lohnt sich!

Diane Lecorsais & Cédric Dolanc

Ein Fahrrad für acht Euro, ein Sofa für fünfzehn und ein Bett für drei. Schnäppchen dieser Art kann man jeden Montag von 14 Uhr bis 16 Uhr bei der Warenbörse auf dem Recyclinghof St.Gabriel machen. Zumindest, wenn man schnell ist.



Die Schlange vor dem Recyclinghof St. Gabriel im Industriegebiet Nord ist riesig. Sie alle warten darauf, dass die Tore um Punkt 14 Uhr geöffnet werden. Heute dürfen zuerst die Frauen hinein, nächste Woche werden es wieder die Männer sein. Sie rennen von der einen Seite auf den Eingang zu, nur wenige Sekunden später kommen die Männer aus der anderen Richtung angesprintet. In der Halle am Recyclinghof ist Warenbörse. Da heißt es Augen auf und schnell sein: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst  - wer ein ein tolles Stück als Erster sieht, darf es mitnehmen. Schon nach kürzester Zeit hat jeder etwas im Arm, vieles ist aber auch auf den Boden gefallen und in tausende Scherben zerbrochen. So läuft es also auf der Warenbörse im Recyclinghof Freiburg, und das jeden Montag.


Die Halle in der Liebigstrasse ist vollgestellt mit allem, was das Herz begehrt. Tische, Stühle, Sofas, Bücher, CDs, Koffer, ja sogar eine Nähmaschine, ein Surfbrett, Ski und ein Schlitten warten auf einen neuen Besitzer. Es erinnert an einen grossen Flohmarkt, alles ist gut erhalten. Aber im Gegensatz zum Flohmarkt, wo die Menschen gemütlich an den Ständen vorbeischlendern, ist das Tempo auf der Warenbörse ein ganz anderes. Hastig eilen die Blicke von links nach rechts, die Leute laufen kreuz und quer durch die Halle, jeder will etwas ergattern. Rund 130 Menschen suchen jede Woche die Warenbörse auf, viele suchen etwas Bestimmtes, andere sehen sich einfach um und hoffen, etwas Brauchbares zu finden.



Auch Thomas, 35 (Name von der Redaktion geändert), kommt regelmäßig zur Warenbörse. „Irgendeinen Quatsch findet man immer“, sagt er. Meistens sucht er nach Büchern. Heute nimmt vor allem Kinderbücher mit nach Hause. „Montags ist hier die Hölle los“, grinst er. „Eigentlich müsste man einen Helm tragen. Es geht wirklich rabiat zu“. Er kommt meistens und sucht etwas auf gut Glück.

Dass es manchmal etwas rabiat zugeht, weiß auch Hans-Michael Ganter, der Bereichsleiter des Recyclinghofs St. Gabriel. Die wöchentliche Warenbörse ist extrem beliebt, daher setzt er mit seinen Kollegen alles daran, einen reibungslosen Ablauf zu garantieren. Denn schon mehrmals lief die Veranstaltung nicht gerade friedlich ab. Wenn mehrere Leute sich auf einen Gegenstand stürzen und jeder behauptet, ihn zuerst gesehen zu haben, kommt es schonmal zum Streit. Die Männer des Recyclinghofs sind dann da, um zu schlichten. Im schlimmsten Fall drohen dem Schuldtragenden sogar 4 Wochen Hofverbot. Daher werden Männer und Frauen auch abwechselnd zuerst reingelassen: So soll vermieden werden, dass nur die Starken und die Schnellen das bekommen, was sie suchen.

Die Studentin Marion ist heute zum ersten Mal bei der Warenbörse. Eine Freundin hatte hier sehr viel gefunden und ihr davon erzählt. Nur nach einem Regal fürs Bad hat sie gesucht, doch mit nach Hause nimmt sie ein Regal, eine Lampe und Bücher. Meistens findet man viel mehr, als man gesucht hat.

Regeln sollen rabiate Schnäppchenjäger bändigen

Die Warenbörse hätte sie sich jedoch anders vorgestellt. „Ich war zuerst geschockt. So etwas hatte ich noch nie gesehen“, sagt die Studentin. „Die Leute reißen alles an sich, oft kommt es zu Streit. Wie im Kindergarten.“ Auf der anderen Seite ist sie aber auch begeistert von der Organisation des Ganzen. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so professionell hier ist“.

Professionell ist es auf jeden Fall, präzise durchorganisiert und mit ganz klaren Regeln. Montagvormittags sucht Hans-Michael Ganter mit seinen Kollegen die Sachen aus, die noch brauchbar sind. Diese werden die ganze Woche über von den Bürgern im Recyclinghof abgeliefert. Etwa 15 Prozent der abgegebenen Dinge kommen in die Warenbörse. Mitnehmen darf jeder, aber nur Montags, sonst würde es zu chaotisch werden. Wer beim Abliefern etwas Tolles erblickt, muss sich also am darauffolgenden Montag beeilen, damit er es noch rechtzeitig erwischt.

Kostenlos gibt es auf der Warenbörse allerdings nichts. „Alles hat einen symbolischen Preis“, sagt Hans-Michael Ganter. Ein symbolischer Preis – das heißt etwa 1 Euro für ein Buch oder 3 Euro für einen Lattenrost. „Zu Beginn wurde auf der Warenbörse alles verschenkt. Das war jedoch bald nicht mehr machbar. Die Leute nahmen alles mit, was sie finden konnten.“ Aus diesem Grund wurden die symbolischen Preise eingeführt.

Auf der Warenbörse trifft man die verschiedensten Menschen. Es kommen Studenten, in Freiburg lebende Ausländer, Familien mit geringem Einkommen, Arbeitslose, junge Leute, Franzosen aus dem Elsass, aber auch einfach nur passionnierte Schnäppchenjäger. Verständlich, bei dem großen Angebot. Dies ist auch der Grund, warum viele Flohmarkthändler die Warenbörse aufsuchen: Unter den vielen Sachen finden sich immer ein paar Schätze wie Geschirr oder Schallplatten. Und wenn man einmal etwas gefunden hat, möchte man natürlich noch viel mehr finden.



„Etwa 85 Prozent der Leute hier sind Stammkunden“, sagt Ganter. Angelika kommt zweimal im Monat mit ihrem Mann zur Warenbörse. „Wir haben eine große Familie“, erklärt sie. Ihr Mann und ihr Sohn sind arbeitslos. Die Warenbörse ist genau das richtige für ein paar Schnäppchen. „Man kommt einfach und schaut, ob man was gebrauchen kann.“ Heute hat sie wieder ein paar schöne Dinge gefunden. Auch Frauen von der Kirche kommen regelmäßig in die Liebigstraße. Sie sammeln zum Beispiel Kleidungsstücke oder Spielzeug, und geben es dann an Bedürftige weiter.

Im Recyclinghof St. Gabriel werden jedoch auch ganz besondere Dinge abgegeben. Wenn man die Halle betritt, kann man sie auf einer Mauer oben links betrachten: Richtige Antiquitäten. Diese wurden im Recyclinghof abgegeben, aber zum Wegwerfen waren sie viel zu schade. Nun kann man sie bewundern, aber nicht kaufen. Hans-Michael Ganter zeigt stolz auf den Wäschestampfer, die alte Kurbelwaschmachine, den Rollstuhl aus der Jahrhundertwende und den alten Fernseher. Es ist eine richtige Schatzsammlung.



Bereits um 14:45 Uhr ist die Halle wieder so gut wie leer. Einzelne Personen stöbern noch in den Regalen, liegen bleibt aber nicht viel. Ein paar Bücher, ein paar Möbelstücke und – ein Schneekettenset. Vielleicht weil gerade Sommer ist und noch niemand an den nächsten Winter denken möchte? Wahrscheinlich nicht, denn die Ski und der Schlitten waren am Ende auch weg, das Surfbrett jedoch nicht.

Audio-Diaschau: Interview mit Hans-Michael Ganter



Die Autoren: Diane Lecorsais und Cédric Dolanc studieren Deutsch-Französische Journalistik am Frankreichzentrum in Freiburg. Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars über die Grundlagen des Online-Journalismus.

Mehr dazu:


Warenbörse am Recyclinghof St. Gabriel

Liebigstraße
jeden Montag, 14-16 Uhr