War DFB-Präsident Linnemann ein Nazi? Interview mit dem Fußball-Journalisten Pavel Brunßen

Robin Wille

Er war DFB-Präsident von 1925 bis 1945: Felix Linnemann. War er überzeugter Nationalsozialist oder modern und unpolitisch? Dieser Frage geht Pavel Brunßen, Chefredakteur des Fußballmagazins "Transparent" am Mittwoch in einem Vortrag nach.

fudder: Pavel, du bist Chefredakteur des "Transparent - Magazin für Fußball und Fußballkultur", das erstmals im April 2012 erschien. Was hat dich dazu bewogen, ein eigenes Fußballmagazin zu schaffen?

Pavel Brunßen: Die Gründungsphase zum Magazin ist nun etwa fünf Jahre her. Das war damals eine Zeit, in der die Berichterstattung über Fans auf einer Ebene stattfand, die mir und Leuten aus meinem Umfeld extrem übel aufgestoßen sind.
Johannes B. Kerner demonstrierte in einer Talkshow anhand einer Puppe die Gefahr von Pyrotechnik indem er diese mit einem Bengalo anzündete, Sandra Maischberger bezeichnete die Ultras als die "Taliban der Fans".

"Wir versuchen zu verdeutlichen, dass Fußball immer auch politisch ist."

Auch gab es zu dieser Zeit eine politische Entwicklung innerhalb vieler deutscher Stadien, in denen rechte Hooligans wieder verstärkt auftraten, linksorientierte Ultras bedrohten und teilweise sogar aus den Stadien verdrängten.

Diese Entwicklungen erforderten aus unserer Sicht eine kontinuierlichere und fundiertere Berichterstattung - das möchten wir im Transparent Magazin anbieten. Bei uns kommen alle Seiten zu Wort: Fans, Funktionäre, Polizisten. Zudem versuchen wir zu verdeutlichen, dass Fußball immer auch politisch ist.

Fudder: In deinem Vortrag geht es um den ehemaligen DFB-Präsidenten Felix Linnemann. Wer war dieser Felix Linnemann und wie bist du auf ihn gestoßen?
Pavel: Ich habe festgestellt, dass das Wissen im Bereich des Fußballs, also auch bei den Fans und mir selber, über Antiziganismus eher gering ist. Ich beschäftige mich nun seit etwa einem Jahr intensiv mit diesem Thema und stieß dabei auch immer wieder auf Felix Linnemann, DFB Präsident von 1925 bis 1945, also genau zu Zeiten des Nationalsozialismus.

In seiner Funktion als Kriminalpolizist war er verantwortlich für die Deportation zahlreicher Sinti und Roma im Raum Hannover, womit die Verbindung zum Antiziganismus hergestellt ist.

Über seine Rolle gibt es kontroverse Ansichten. Während der Historiker Nils Havemann ihn in der für den DFB erstellten NS-Aufarbeitung als modern und unpolitisch darstellt, ist Linnemann in der Darstellung anderer Historiker überzeugter Nationalsozialist. Diese Interpretationen möchte ich in dem Vortrag gegenüberstellen und um eigene Einschätzungen erweitern.

Fudder: Das Motto der Thementage in Freiburg lautet "Fußball und Antisemitismus". Wie schätzt du die derzeitige Lage in den deutschen Stadien hinsichtlich dieser Problematik ein?

Pavel: Antisemitismus zeigte sich zum Beispiel im Vorfeld zum Spiel von Lok Leipzig gegen Chemie Leipzig, durch vereinzelte Shirts mit der Aufschrift "JDN CHM", was für Juden Chemie steht.
Als es im Sommer 2014 viele antisemitische Demos in Deutschland gab, wurden auch vermehrt Anfeindungen von israelischen Fußballvereinen in Deutschland verzeichnet.

Und dann ist da noch die hasserfüllte Kritik an RB Leipzig. Hier bestehen zum Beispiel in der Unterscheidung zwischen einem schaffenden, vermeintlich guten Kapital der Traditionsvereine und dem raffenden, vermeintlich bösen Kapital von RB Leipzig Parallelen zu Mustern des Antisemitismus.
Pavel Brunßen, 29, lebt in Berlin und gründete 2012 das "Transparent - Magazin für Fußball und Fankultur". Nebenbei studiert er im Masterstudiengang am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin, sein Forschungsschwerpunkt liegt in den Bereichen Antisemitismus und Antiziganismus, der Diskriminierung von Sinti und Roma.

  • Was: Vortrag & Diskussion mit Pavel Brunßen: "DFB-Präsident Felix Linnemann – überzeugter Nationalsozialist oder modern und unpolitisch?"
  • Wann: Mittwoch, 16. November 2016, 20 Uhr
  • Wo: Uni Freiburg, KG I, Hörsaal 1016
  • Eintritt: frei