War das Abi früher schwieriger?

Bianca Fritz

"Ich wollte kein Abi mehr machen" sagt Willi Fischer, Deutsch- und Sportlehrer am Erasmus-Gymnasium in Denzlingen. Und das obwohl er meint, dass sein Abi vor fast 40 Jahren anspruchsvoller war als das heutige. "Dafür ist bei uns der Notendruck höher", hält Abiturient Nikolai Sexauer (19 aus Freiburg) dagegen. Ein Gespräch rund um die wichtige Abschlussprüfung.



Erinnern Sie sich noch an Ihr Abitur, Herr Fischer?

Fischer: Ich habe 1969 mein Abitur gemacht auf einem althumanistischen Gymnasium. Ich wurde geprüft in Latein, Griechisch, Mathematik und natürlich Deutsch. Der Rest war mündlich. Und wir wussten nicht, in welchem Fach wir mündlich geprüft würden. Das haben wir erst am Prüfungstag erfahren. Geschichte, Physik, eines der schriftlichen Fächer – alles war möglich.

Nikolai:
Puh. Wir stöhnen ja, dass das Abi schwieriger geworden ist. Aber wenn ich mir das so anhöre – das wollte ich auch nicht unbedingt. Ich werde schriftlich in Deutsch, Mathe, Englisch und Spanisch geprüft. Das Mündliche habe ich mit einer Seminararbeit abgegolten.

Darf ich nach Ihrem Abischnitt fragen?

Fischer: Ich hatte eine 2,3 – wobei man das nicht gleichsetzen kann mit den Noten heute. Das war damals ein relativ gutes Abi und hat mir die Türen für jedes Studium geöffnet.

Heißt das, es ist heute leichter eine gute Note zu bekommen?


Fischer (überlegt lange): Es ist leichter geworden, ja. Die Notenaufspreizung in Punkte lässt die Schüler eher nach oben rutschen. Außerdem fehlt damit eine gewisse Trennschärfe. Ich muss mich als Lehrer nicht mehr entscheiden – ist das ein Zweier- oder ein Dreier-Schüler – ich kann irgendwo dazwischen gewichten. Es ist eine Tendenz zur besseren Note da. Wir hatten auch mehr Fächer – es gab nichts abzuwählen. Das Abitur ist schülerfreundlicher geworden – und das ist auch nötig, weil heute viel mehr Schüler Abitur machen. Die Anforderungen sind damit allgemeiner geworden.

Was heißt das?

Fischer: Von mir als Schüler wurde in den Fächern mehr verlangt. In Deutsch zum Beispiel haben wir noch den freien Aufsatz geschrieben. Wir bekamen zwei, drei Begriffe, die wir definieren, gegeneinander abgrenzen und unsere Gedanken dazu formulieren sollten. Eine freie gedankliche Leistung, die man heute niemandem mehr abverlangt im Abitur. Heute gibt es in Deutsch vorgegebene Sternchenthemen – und zwischen denen bewegen sich dann die Aufgaben. Früher gab es zum Beispiel noch einen Literaturkanon – Werke, die man gelesen haben sollte. Aber uns war nicht klar, was davon Abithema werden würde.

Nikolai: Und wie finden Sie diese Veränderung?

Fischer: Der Vorteil liegt auf der Hand: Die Schüler können sich wesentlich gezielter vorbereiten. Es gibt keine Überraschungen in der Abiprüfung.

Nikolai: Das klingt als hätten sie lieber willkürliche Themen.

Fischer: Nein, mit Willkür hat das nichts zu tun. Ihr seid ja auch ein paar Tage auf der Schule gewesen. Ihr solltet zum Beispiel in Deutsch auch die Fähigkeit erworben haben, einen freien Text einzuordnen, zu interpretieren und zu verstehen.

Entwickeln die Schüler diese Fähigkeit heute nicht mehr?

Fischer: Weniger. Das sieht man schon an den Lektürehilfen, die ganz gezielt für die Sternchenthemen angeschafft werden. Die gab es früher nicht. Primär war es meine Beschäftigung mit exemplarischen Werken, die mich gelehrt hat, mit anderen Werken umzugehen. Ginge das, dass ich euch ein Werk, zum Beispiel ein Gedicht, außerhalb der Reihe gebe?



Nikolai: Zutrauen würde ich mir das schon – aber vielleicht ist es Übungssache. Wenn Sie das früher im Unterricht geübt haben, werden Sie da sicher besser sein als wir, die wir das noch nie gemacht haben. Aber Sie vergleichen ja jetzt auch ihr Abitur mit unserem. Ist es für uns heute nicht auch schwieriger, als es noch vor ein paar Jahren für die Abiturienten mit zwei Leistungskursen war?

Fischer: Ja, mit dem Kurssystem war es leichter, um bestimmte Fächer herumzukommen. Außerdem kommt jetzt ein weiteres Prüfungsfach hinzu und alle Kernkompetenzen müssen abgedeckt werden. Wir haben hier also den Versuch, dass wieder ein größerer grundständiger Fächerkanon im Abitur vertreten ist.

Nikolai: Was mehr Lernarbeit bedeutet.

Fischer: Bestimmt habt ihr mehr zu tun – (überlegt eine Weile) aber ich begrüße das. Die Wahlmöglichkeiten sind euch geblieben und ihr bekommt dennoch wieder mehr in den Grundlagenfächern mit.

Nikolai: Dazu kommt doch auch der größere Druck eine besonders gute Note zu schreiben.

Fischer: Sicher, ja. Ich wollte kein Abi mehr machen. Nicht, weil ich die Prüfung fürchte, sondern weil der Berufseinstieg heute viel schwieriger ist. Ich wusste mit meiner Note nicht nur, dass ich studieren konnte, was ich wollte. Ich wusste auch: Egal welches Studium ich wählen würde – am Ende stünde eine Arbeitsstelle. Ihr hingegen habt schon als Schüler an die ZVS und eure Berufschancen zu denken. Da beneide ich euch keinesfalls drum. Was mich  interessieren würde: Wie prüfungsresistent seid ihr Schüler? Wie gut fühlst du dich dem Abi gewachsen?

Nikolai: Gut. (lacht)

Aber wir führen dieses Gespräch ja eine Woche vor dem Abitur – bist du nicht nervös?

Nikolai: Das gehört ja dazu, aber es fühlt sich nicht so an, als könne ich es nicht schaffen.

Fischer: Das geht ja heute kaum. Es kommen doch fast alle mit der Note ins Abitur, mit der sie auch wieder herausgehen – sie bestätigen ihre Leistungen. Früher gab es höhere Durchfallquoten – und wenn man mal nach Frankreich schaut, da fällt man auch heute noch ohne weiteres durch.



Nikolai: Ich muss aber auch sagen: Hätte ich ein so lockeres Abitur wie in anderen Bundesländern, dann würde ich entspannter ans Abitur gehen.

Fischer: Aber ich denke, dass euch der breite Ansatz hier in Baden-Württemberg besser vorbereitet und die Hochschulen honorieren das – sie nehmen euch lieber als Schüler aus anderen Bundesländern.

Aber dir wäre das Abitur anderswo lieber, wo du mehr abwählen kannst?

Nikolai: Ja, schon. Auch weil ich glaube, dass ich mir das ganz gut selber aussuchen kann, was ich gerne und gut mache und wo ich später weiter dran arbeiten will. Mit dem Mathegrundkurs hätte ich schon genug Allgemeinbildung.

Haben Sie noch einen Tipp an Nikolai, mit welcher Einstellung er an die Abiprüfung gehen sollte?


Fischer:
Es ist der erste Schritt aus der Schule heraus, da die Aufgaben zentral gestellt sind. Du kannst dir eine Bestätigung holen für das, was du in neun Jahren gelernt hast. Gelassen und sicher hineingehen. Du wirst sehen, das klappt.