Umfrage

Wann ist man eigentlich erwachsen?

Anna Lob & Alexander Link

Im Leben gibt es viele Meilensteine. Aber markiert einer davon den genauen Moment, an dem man erwachsen ist? fudder hat sechs Menschen gefragt, die an ganz unterschiedlichen Punkten in ihrem Leben stehen.



... wenn man volljährig wird?

  • Lars Ehrhardt ist 17 Jahre alt. Der Breisacher besucht das Angell-Gymnasium in Freiburg und feiert in wenigen Wochen seinen 18. Geburtstag.


"Ich würde sagen man ist nicht unbedingt erst erwachsen, wenn man 18 ist. Das geht auch schon mit 15, 16 oder 17. Es hängt immer davon ab, wie man sich verhält und wie man sich selbst einschätzt. Außerdem hängt es auch davon ab, wie stark man politisch oder gesellschaftlich schon für die eigene Meinung eintreten kann. Viele verhalten sich nicht erwachsen – auch mit 30 Jahren noch nicht.

Zum Erwachsensein gehört auch eine gewisse Reife, die nicht zwingend mit Alter verknüpft ist. Als Erwachsener sollte man eine klare eigene Meinung haben und für sich selbst einstehen können.

An meinem 18. Geburtstag bin ich mehr oder weniger erwachsen: Auf dem Papier schon, aber allgemein würde ich das nicht behaupten. Denn ich steh noch nicht so wirklich im eigenen Leben, weil ich ja noch bei meinen Eltern wohne. Wenn ich schon ausgezogen wäre und arbeiten würde, wäre das anders.

Ich freue mich darauf,18 zu werden. Damit ist Selbstständigkeit verbunden. Man kann über Dinge bestimmen, bei denen man früher nicht mitreden konnte. Es gibt fast keine Grenzen mehr, wenn man 18 ist."

...wenn man eine Ausbildung beendet?

  • Jule Mangold aus Neuenburg ist 20 Jahre alt und hat vor kurzem ihre Ausbildung zur Fotografin erfolgreich abgeschlossen.


"Während der drei Jahre meiner Ausbildung habe ich mich entwickelt und bin erwachsen geworden. Durch den vielen Kundenkontakt und die enge Zusammenarbeit mit meiner Chefin habe ich aus der praktischen Erfahrung heraus gelernt, selbstständig zu handeln. Als meine Chefin schwanger wurde, musste ich den Laden ein Jahr lang alleine führen und habe dann auch extrem an mir gearbeitet, da ich am Anfang noch sehr schüchtern war. Inzwischen gehe ich viel selbstbewusster auf Kunden zu und taffer an die Aufgaben ran."

... wenn man seine grosse Liebe heiratet?

  • Annecatrin Hagedorn steckt mitten in ihrem Public-Management-Studium. Was ungewöhnlich ist: Die 21-Jährige ist schon seit über einem Jahr mit ihrem Mann Markus verheiratet.


"Erwachsen sein bedeutet, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Wenn man nach der Schule eine Ausbildung oder ein Studium beginnt, fängt man an, für sich selbst zu entscheiden, wo es jetzt lang geht. Man fängt an, Verantwortung für sich selbst zu tragen, kann sich nicht mehr hinter den Eltern verstecken.

Ich habe sehr früh entschieden, durch meine Ehe Verantwortung für eine weitere Person zu übernehmen. Das ist schwerer, als nur für sich selbst. Man muss dann auch immer die Situation eines Partners betrachten.

Das Erwachsenendasein ist ein Lernprozess, der nie abgeschlossen ist. Auch eine Ehe ist ein Prozess – die Heirat an sich, das Zusammenleben, Entscheidungen, die man gemeinsam zu treffen hat. Ich habe zum Beispiel nicht erlebt, alleine in einer Wohnung zu leben und nur für mich selbst zu sorgen. Das wäre ein anderer Weg ins Erwachsenenleben gewesen. Ich würde aber nicht sagen, dass ich erwachsener bin als andere Leute in meinem Alter, nur weil ich verheiratet bin."

...wenn man ein Kind bekommt?

  • Séigine Zimmermann wurde mit 18 Jahren Mutter von Emma. Nach der Elternzeit hat die heute 24-Jährige eine Ausbildung zur Erzieherin abgeschlossen; Sie arbeitet in Vollzeit und absolviert außerdem ein Fernstudium im Bereich Frühpädagogik. Séigine und Emma leben in Schuttertal.


"Erwachsensein ist kein Zeitpunkt, sondern eine Einstellung zum Leben, die man gewinnen muss. Ich würde Erwachsensein eher an Eigenschaften festmachen, als einem bestimmten Ereignis.

Ich hab mein Abi beendet, als ich im achten Monat schwanger war und direkt meine Ausbildung angefangen, um mich und meine Tochter selbst versorgen zu können.

Es gibt zwei Seiten von mir: Unter der Woche ist immer alles organisiert bei mir, ich kümmere mich um Emma und habe ein sehr großes Verantwortungsbewusstsein. Das ist für mich auch Erwachsensein – die Verantwortung anzunehmen. Wenn man mich aber am Samstagabend mal beim Feiern trifft, dann bin ich einfach 24 Jahre alt und freue mich auch, die Verantwortung mal loszulassen. Am Sonntagmorgen bin ich dann aber wieder Mama und frühstücke mit Emma und richte mich nach dem, was sie möchte.

Das ist für mich wichtig am Mama-Dasein: Die Waage zu halten. Als Mama steckt man seine eigenen Bedürfnisse zurück, aber manchmal muss man auch machen, was einem gut tut. Dann kann man auch wieder eine bessere Mama sein. Wenn ich die ganze Zeit das Gefühl hätte, erwachsen sein zu müssen und keine Fehler machen zu dürfen, würde mir das nichts bringen. So wie es ist, bin ich eine sehr glückliche junge Mama."

...wenn man Verantwortung übernimmt?

  • Die 29-jährige Janine* (Name von der Redaktion geändert) aus Südbaden pflegt seit einigen Jahren ihre Mutter, die schwer erkrankt ist. Dafür hat sie ihre eigenen Lebenspläne zurückgestellt.
"Erwachsen ist man, wenn man Verantwortung für andere Personen übernehmen muss und sich nicht mehr alles nur um das eigene Leben dreht – sei das durch Kinder, oder wie in meinem Fall, weil man sich um seine kranken Eltern kümmert.

Ich führe ein erwachsenes Leben und das ist jetzt schon seit acht Jahren der Fall. Mit Anfang Zwanzig hat das mein Leben und meine Karriere betroffen. Ich habe mich entschieden, nicht in eine andere Stadt zu gehen, wegzuziehen, um mich selbst zu finden oder anspruchsvollere Sachen zu machen, die mich interessiert hätten. Sonst wäre klar gewesen, dass meine Mama schnell in ein Heim kommt.

Man muss bei sowas erwachsen sein und sich so benehmen – egal, ob man sich erwachsen fühlt oder nicht. Wenn ich nicht so viel Verantwortung hätte, wäre ich bestimmt jemand anderes geworden. Ich bin erwachsen, weil ich es sein muss."

...eigentlich nie so richtig?

  • Hildegard Büchner ist 82 Jahre alt und hat für ihr über 30-Jähriges Engagement im Helferkreis Mutter und Kind e.V. im vergangenen Jahr das Bundesverdienstkreuz erhalten. Sie hat zwei Kinder – und drei Enkelkinder.


"Wann ist man erwachsen? Das lässt sich nicht festlegen. Die Kriterien des Erwachsenseins heißen Selbständigkeit und Verantwortung. Wann soll das sein? Diese Herausforderung besteht das ganze Leben. Man könnte eher fragen, wann Erwachsensein anfängt. Das würde ich in die Zwanziger reinsetzen. Danach kommen die Anforderungen, mit denen man zu Recht kommen muss.

Erwachsen und ganz selbstständig wird man nie. Ich fühle mich auch nur teilweise erwachsen. Man lernt immer wieder dazu, kommt in neue Situationen und muss schauen, was man daraus macht. Zum Erwachsenwerden gehört es, eigenverantwortlich Entscheidungen zu treffen und diese dann auch durchzuhalten, ohne sich dabei nur auf andere zu verlassen. Durch eine Heirat oder ein Kind übernimmt man Verantwortung – man lernt aber auch dabei die ganze Zeit."