Walfisch: Konflikt der Punkgenerationen

David Weigend

Die Anhänger der alt eingesessenen Freiburger Punkkultur sind sauer. Sauer auf die Jungspunde, die sich Punk nennen und durch ihr asoziales Verhalten die gesamte Szene in Verruf bringen. Das sagt Mitch, 44 und seit 2002 Pächter des Walfischs. Hier berichtet er von den Problemen mit seinen Gästen.



Was ist Punk?

Lokaltermin im Gasthaus Walfisch an einem Donnerstagmittag um 12 Uhr. Es ist ganz ruhig. Kein Korkball rollt durch den Kickerkasten, kein Punkrock tönt durch die Boxen. Die dicken Fensterscheiben dämpfen den Autolärm von der Schwarzwaldstraße. Mitch sitzt an einem runden Stehtisch, wenn man rein kommt rechts, und zündet sich eine Zigarette an. Der Rauch verhüllt für einen Augenblick das Mötley Crue-Plattencover von "Theater of Pain". Es hängt neben dem Tresen.

"Theater of Pain" wurde am 13. Juli 1985 veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt war die Freiburger Punkszene noch in Ordnung, sagt Mitch. In der Hausbesetzerszene sei er gewesen, sagt er. Dann hebt er die Hand und lässt sie etwa 40 Zentimeter über seinem Kopf in der Luft stehen. "So hohe, abstehende Haare habe ich früher gehabt. Stundenlang habe ich vorm Spiegel verbracht und mich geschminkt. Wir haben die Leute geschockt durch unser Aussehen."



Mitch definiert seine Punkattitüde, die man bis zu einem gewissen Punkt vielleicht mit der Punkattitüde seiner Generation gleichsetzen kann: Schocken ja, assozial nein; Gegen "das System" kämpfen ja, Betteln nein; Hausbesetzung ja, Kollegen beklauen nein. "Wenn einer von uns kein Geld gehabt hat, wurde der von anderen Punks unterstützt. Ich habe auch gearbeitet und bin irgendwie über die Runden gekommen. Aber die Punkgeneration, in der ich groß geworden bin, musste sich auch nicht für hunderte von Euros im Monat Speed oder Koka kaufen."



Mitchs Stimme klingt nicht laut, auch nicht wütend, eher verbittert und mit einer leisen Drohung, die da mitschwingt. Sein Lokal, der Walfisch, wird immer häufiger besucht von Gästen um die 20, die sich zwar Punks nennen, die für Mitch aber einfach "asoziale Penner" sind: "Die hauen sich nur noch Speed und Schnaps rein und haben nichts mehr in der Birne. Die bestehlen sich gegenseitig, klauen hier im Lokal der Bedienung den Geldbeutel aus der Handtasche."

Die ursprüngliche Definition von Punk, also Rebellion gegen das Spießbürgertum, hat sich gewandelt in einen destruktiven Nullentwurf, in dem man höchstens noch so etwas wie Gleichgültigkeit erkennen kann. "Gegen wen oder was wollen diese Kiddypunks denn rebellieren? Gegen sich selbst? Die machen sich doch bloß kaputt."



Niedergang einer Szene

Es ist für einen Außenstehenden nicht immer leicht, einen ehrenwerten, politisch halbwegs interessierten Punkrocker optisch zu unterscheiden vom assligen Straßenpunk, der in der Bertoldstraße abhängt, Passanten anschnorrt und, sofern er nichts bekommt, eine Beleidigung nachwirft. Umso schlimmer, dass die Schnorrer der Marke Fucked Up mit ihrem Verhalten die gesamte Szene in Verruf bringen. "Diese Typen machen jeden blöd an. Auch untereinander. Kommt ein neuer Punk nach Freiburg, wird der erstmal vermöbelt."

In der Nacht von Samstag auf Sonntag kam es an der Unterführung vor der Ganterbrauerei erneut zu einer Auseinandersetzung, bei der die so genannten Straßenpunks mitgemischt haben. Mitch schildert den Vorfall so: Im Walfisch, hinten im Raucherzimmer, saßen die jungen Punks. Sie fielen negativ auf, weil sie die Kellnerin angepöbelt haben. Außerdem saßen, an einem anderen Tisch, drei Jungs. Sie sahen recht normal aus und verhielten sich freundlich.
Einer von ihnen ist zum DJ gegangen und hat sich einen Song der Band "Kategorie C" gewünscht.

"Das ist nicht mal rechte Musik, das ist einfach blöde Hooliganmusik", urteilt Mitch. Marco, 22 und DJ "Tingel Tangel" an diesem Samstagabend, meint: "In meinen Augen waren das Wischiwaschi-Dorftypen. Broilershörer, die sich aber auch mal ne "Landser" oder ne "Endstufe" reinziehen."



Jedenfalls haben die drei C-Kategoristen ihr Bier gezahlt und sind gegangen. Die Straßenpunks gleich hinterher. Es seien noch mehr von ihnen dazugestoßen, von der Sternwaldwiese aus. Vor der Ganterbrauerei hätten die Straßenpunks, von der Anzahl her deutlich überlegen, die drei anderen Jungs dann "herumgeschubst". Denn angeblich habe sich einer der Drei als rechtsorientiert geoutet und gesagt: "Ich steh' auf Hitler." Dann kam die Polizei, von Anwohnern alamiert. "

"Der gesamte Vorgang wurde von der Polizei falsch kommuniziert", so die Walfischcrew. Auch die Darstellung des Polizeiberichts, nach dem eine Punkerin einen Polizisten an den Kopf getreten haben soll, entspreche nicht der Wahrheit, meint Marco.



Faschoskins und Kaputtniks

Mitch, der seit 20 Jahren die britische Punkband "The Exploited" betreut, mag sie beide nicht leiden, weder die irgendwie linken Krawallpenner noch die Neonazis, die Faschoskins. Er bringt die beiden Gruppen in folgenden Zusammenhang: "Die Straßenpunks benehmen sich wie die letzten Idioten. Warum können die sich das leisten? Weil die das Glück haben, dass es in Freiburg keine rechten Skinheads gibt. Wenn diese so genannten Punks mal von rechten Skins aufgemischt werden würden, dann wären die nicht mehr da."

Ein Szenario, das man der Stadt nicht wünschen sollte, weder diesseits noch jenseits der Schützenallee. Für Mitch jedenfalls steht fest, dass er in Zukunft mit Hausverbot nicht zögern wird, sofern sich gewisse Gäste nicht an die Regeln halten. Punkrock ja. Kaputtniks nein.