Wahnsinn und der deutsche Expressionismus: Interview mit Comiczeichner Uli Oesterle

Anselm Müller

Uli Oesterle entführt die Leser seiner Comics gerne in den Grenzbereich zwischen Realität und Wahnsinn. Anselm unterhielt sich mit ihm über seinen neu erschienenen Comic Hector Umbra, seine Vorlieben für den deutschen Expressionismus und die fünf Comics, die er auf eine einsame Insel mitnehmen würde.



Herr Oesterle, was sind die Themen Ihres Comics Hector Umbra?

Freundschaft über den Tod hinaus und Wahnsinn. Letzteres spielt in all meinen bisher erschienenen Comics (Schläfenlappenphantasien, Frass) eine wichtige Rolle, da ich Anfang der neunziger Jahre selbst einen Gedächtnisausfall erlitt. Allerdings findet sich in meine Geschichten durchaus auch Humor.

Warum ist diese Art der Freundschaft für Sie so wichtig?

Einige Figuren in Hector Umbra sind Freunden von mir nachempfunden. Joseph, zum Beispiel, der als eine Art Schutzengel für Hector fungiert, besitzt viele Charaktereigenschaften eines vor neun Jahren verstorbenen sehr guten Freundes. Seinen Tod habe ich durch die Arbeit an meinem Comic-Roman verarbeitet. Die Figur des Frantisek hat einige unverkennbare Charakterzüge eines anderen, glücklicherweise noch lebenden, Freundes. Hector Umbra besitzt Eigenarten von mir selbst.



In Ihrem Comic wimmelt es von Querverweisen zur Popkultur. Egal, ob es Comics der die Medien sind. Warum ist das so?

Mein Buch – eigentlich jedes Buch - ist gewissermaßen ein Zeitzeugnis. Deshalb beziehe ich Themen der Populärkultur, wie zum Beispiel Reality-Shows oder die Abbildung von Musik- und Comicalben bewusst mit ein, denn sie bestimmen schließlich unser heutiges Leben. Da ich über sieben Jahre an Hector Umbra gearbeitet habe, waren Teile bereits während der Arbeit daran überholt und mussten ausgetauscht werden.

Die Farben in Hector Umbra sind eher gedeckt. Die Architektur wirkt schräg. Wieso?

Meine Heimatstadt München habe ich als Zerrbild dargestellt. Bedrohliche Schwarzflächen und schiefe Linien sollen die Befindlicheiten meiner Charaktere widerspiegeln. Ich liebe den deutschen Expressionismus. Friedrich-Wilhelm Murnau, Otto Dix, Max Beckmann, George Grosz. Das Verstörende an David Lynch Filmen gefällt mir. Im Gegensatz zu Herrn Lynch allerdings, versuche ich, den Leser nicht zu sehr zu verwirren und ihm ein befriedigendes Ende zu liefern.



Welche Zeichner faszinieren Sie aktuell?

Da gibt es einige. José Munoz, James Jean, Cyril Pedrosa (Drei Schatten), Frédéric Bézian, Eduardo Risso (100 Bullets), Mike Mignola, Claire Wendling und Nicolas de Crécy.

Welche fünf Comics würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?

lle Bände von Chrisophe Blains „Gus“, „From Hell“ von Alan Moore, Jeff Smith „Bone“ und „Wie samtener Handschuh in eisernen Fesseln“ von Daniel Clowes.

Mehr dazu: