Wahlverwandtschaften: Die Chemie muss stimmen

Nadja Röll & Rebecca Schnell

Mit einem Spiel der Anziehungskräfte wird der Werkraum des Freiburger Stadttheaters in ein Laboratorium der "Liebe zu viert" verwandelt. Nach der Romanvorlage von Goethes Wahlverwandtschaften inszeniert Felicitas Brucker ein Beziehungsdrama von heute. Melanie Lüninghöfer, die Darstellerin der Ottilie, erzählte den Fudder-Autorinnen Nadja und Rebecca, wie es ist, halbnackt und vollgekotzt auf der Bühne zu kauern.

„Denken Sie sich ein A, das mit einem B innig verbunden ist; denken Sie sich ein C, das sich ebenso zu einem D verhält; bringen Sie nun beide Paare in Berührung: A wird sich zu D, C zu B werfen, ohne daß man sagen kann, wer das andere zu erst verlassen, wer sich mit dem andern zuerst wieder verbunden hat.“

Aus diesem chemischen Gedankenmodell entwickelt sich in Goethes Wahlverwandtschaften ein Laboratorium der Gefühle: Charlotte und Edouard genießen ihren späten Ehefrieden, nachdem sie beide von einer Zwangsheirat geschieden wurden. In ein abgeschiedenes Landhaus zurückgezogen, werden sie zu „Architekten ihres Liebesglücks und der Natur.“ Doch so wie die Kräfte der Natur um sie herum sich nicht bändigen lassen, so ergeht es ihnen bald auch mit ihrer Gefühlswelt. Zu dem Ehepaar stoßen Edouards langjähriger Freund Otto und Charlottes Nichte und Pflegetochter Ottilie. Das Spiel der Anziehungskräfte beginnt, die Grenzen zwischen Liebesglück und Leibeslust, zwischen Ordnung und Chaos verschwimmen und es entsteht ein Psychogramm der Liebe zu viert.

Unter der Regie von Felicitas Brucker wurde der alte Johann Wolfgang von Goethe wieder herausgekramt und entstaubt. Das Gedankenmodell der freien Liebe und der Zweifel an der Institution Ehe lösen im 21. Jahrhundert keinen großen Skandal mehr aus. Aber sie stellen die Menschen auch heute noch vor große Fragen: Wie viel Alltag verträgt eine Beziehung, wie viel Leidenschaft? Und, was würde passieren, wenn man heute zwei Paare zusammen in ein Schloss sperrt?
Im Werkraum des Freiburger Stadttheaters werden die Wahlverwandtschaften nicht nur aktualisiert, sondern gleichzeitig auch banalisiert, so dass die Aufführung an einigen stellen nicht dem Geist Goethes zu entspringen scheint: Die Schauspieler laufen und rocken in H&M Prollchic-Klamotten eingezwängt über die Bühne, wechseln Worte in Englisch, zitieren oder dekonstruieren Goethes Wahlverwandtschaften aus Reclambüchlein und unterhalten sich darüber, ob Carrie von „Sex and the City“ mit ihrem Ex schlafen sollte. Sie leben und karikieren (unbewusst) den „American way of life“ mit seinen ungesunden Fastfood- und Schönheitsidealen. An einigen Stellen ein zu einfach wirkendes Mittel, um die klassische Vorlage Goethes auf das Hier und Jetzt zu übertragen.
Bühne mit Stier und Punching Ball

Edouard, der seine Frau Charlotte innig zu lieben scheint, wird der Kopf verdreht, weil Ottilie „so schöne Augen“ hat. Äußerlichkeiten und triebhaftes Handeln schalten seinen Verstand auf „stand-by“. Unter Palmwedeln und neben einem Bullen, der an mallorcanische Saufgelage denken lässt, kommt es zu einem tierischen Treiben, das darin gipfelt, dass Charlotte von ihrem Ehemann Edouard ein kopfloses Hühnchen gebärt. Dieses schmeißt sie mit Ottilie wie einen Ball hin und her, bis es auf den Boden fällt. Eine krasse Interpretation des Romans, in dem Ottilie das Kind „aus Versehen“ ins Wasser fallen lässt. Wie diese zustande kam, danach fragten wir die Schauspielerin der Ottilie, Melanie Lüninghöner:
Melanie Lüninghöner alias Ottilie im Setzbaukasten im Werkraum

Die Umsetzung des Kindstodes entstand nach langen Gesprächen zwischen der Regisseurin und den Schauspielern, erzählt die 27-jährige Schauspielerin: „Keiner von uns hat geglaubt, dass Ottilie dieser Tod aus Versehen passiert ist. Und auch im Roman ist das Kind nur ein Stück Fleisch, nackt und schutzlos wie das Huhn.“ Charlotte ist durch den Tod ihres Kindes am Boden zerstört. Sie krallt sich an kleinen, roten Kindergummistiefeln fest, die den Untergang des Kindes und sogleich ihren eigenen bedeuten. Eine symbolisch aufgeladene und sehr eindrucksvolle Darstellungsweise, die den Zuschauer in seinem tiefsten Inneren berührt.
„Es gibt heute auf der Bühne keine Tabus mehr, die man brechen muss. Es geht nicht darum, zu schockieren, sondern zu berühren“, findet Melanie Lüninghöfer. Schockierend ist die Inszenierung aber doch, besonders die eindrucksvolle Interpretation der Ottilie. In viel zu eng sitzenden Klamotten stopft sie sich mit Marshmellows voll, um diese gleich danach wieder auszukotzen. Die Essverweigerung der klassischen Vorlage wird hier auf Bulimie übertragen, völlig eingeschmiert kauert Ottilie am Ende des Stückes auf dem Boden. Der Betrachter ist bei diesem Anblick peinlich berührt, wie fühlt sich das für die Schauspielerin selbst an? - „Natürlich ist es ein bisschen eklig, wenn man total voll gesaut in die Maske geht“, erzählt die 27-Jährige. „Aber eigentlich finde ich es gerade geil, dass man nach so einer anstrengenden Aufführung komplett lädiert und fertig ist. So muss es einfach sein.“


Melanie im Bärenkopf

Melanie Lüninghöner, die am Max-Reinhardt-Seminar in Wien zur Schauspielerin ausgebildet wurde, kannte die Wahlverwandtschaften nicht, bevor das Stück in Freiburg auf dem Spielplan stand. Und das, obwohl sie schon zu Schulzeiten ein bekennender Goethe-Fan war. Anfangs hatte sie Probleme, sich in die verstaubte Sprache rein zu denken: „Ich dachte mir zuerst: Wie reden die denn? Doch dann hat mich der Roman total gefesselt, weil ich die Geschichte grandios finde.“ Die fast stumme Ottilie ist für sie die stärkste Figur im Stück, da sie bis zum Schluss an etwas Positives glaubt. Wenn diese mit einer Bärenmaske vor die Wand läuft oder das Essen verweigert, so ist das Ottilies eigene Entscheidung.
Die Interpretation der Rolle der Ottilie unterscheidet sich am meisten von der Romanvorlage, in der diese weitaus kindlicher und unschuldiger wirkt. „ Wir haben der goetheschen Ottilie einfach nicht geglaubt. So naiv und engelhaft ist sie nicht. Schließlich spannt sie einer anderen Frau den Mann aus.“

Durch die stellenweise wenn nicht skandalöse, so doch provokante Aufführung des Klassikers wird das Publikum zum Nachdenken angeregt: Ist die Ehe noch eine zeitgemäße Form? Unter welchen Bedingungen sollte man ein Kind in die Welt setzen? Und nicht zuletzt, birgt das Ungewohnte, Neue nicht immer einen schwer zu widerstehenden Reiz?

Ein Theater-Tipp auch für Goethe-Muffel und all diejenigen, die auf poppige Inszenierungen stehen.

Theater Freiburg: website Was: Die Wahlverwandtschaften Wann: 13.März 2007 Wo: Werkraum im Theater Freiburg Kartenreservierung: 0761-2012853