Wahlparty-Guru: Landtagswahl 2011

Nightlife-Guru

An Wahlabenden ist unser Guru nicht aufzuhalten: Wahlpartys sind seine liebste Sache an Wahltagen. Klar, dass er sich auch diesmal wieder hat sechsteilen lassen, um den Feier-Faktor der Partei-Events abzuchecken. Wo am meisten ging, und ob irgendwo geweint wurde:

CDU - 39,0% - Hotel Kolpinghaus

Wer war da?

Eine halbe Hundertschaft hat sich in der Hotel-Lobby eingefunden. Die Alten sitzen, die Betroffenen und Jungen stehen. Letztere kann man an zwei Händen abzählen: Sie sehen fast alle aus, wie Setzkastenversionen von Guttenberg; wie langweilig man sich allein durch sein Outfit gestalten kann, wird mir heute zum ersten Mal so richtig klar. Preppy’s Not Dead! Und gleichzeitig die Frage, wann Perlenohrringe endlich verboten werden.

Natürlich die beiden Freiburger Kandidaten: Bernhard Schätzle und Klaus Schüle. Außerdem: Daniel Sander, Otto Neideck, Wendelin Graf von Kageneck und Andreas Hall. Letzterer, Jungstar und Bürgermeister von Kirchzarten, sieht (wegen seiner Tolle) ein wenig aus wie Elvis. Ich warte, dass er nach vorne geht und irgendwas anstimmt – vielleicht die Anti-Piraten-Hymne „Don’t Be Cruel“ oder den Mappus-Schlager „Are You Lonesome Tonight“.



Kandidaten-Outfit

Klaus Schüle: Schwarzer Anzug, weißes Hemd, prophetische Krawatte in Rosa/Blassrot/Orange und seltsamen Grüntönen.

Deko

Die Wahlparty der Freiburger Christdemokraten findet seitdem Menschen aufrecht gehen können in der Lobby des Kolping-Hotels statt. Zahlreiche flauschige Fauteuils laden zum politischen Versacken ein, massive goldfarbene Säulen stützen die bebende CDU-Erde, von der Decke hängen Kronleuchter aus der Mitte des 20. Jahrhundert. Alles ist so wohlig, gemütlich, traditionell und doch elegant. Farbtöne: braun, gelb, gold.

Kein parvenühaftes Designhotel wie gegenüber am Stadtgarten; hier wird auf Werte gesetzt, von denen behauptet wird, sie hätten schon immer gegolten und werden auch immer gelten. Gottgegebene Ordnung, gottgegebene Farben, Formen und Materialien.

Auf den flachen Lobby-Tischen: gelb-rote Rosen. Ich korrigiere mich: blassgelb-blassrote Rosen. Farblos also, aber immerhin aufrecht. Den Kopf lässt hier keiner so schnell hängen.

Muzak

„Wo man singt, da lass dich nieder, / böse Menschen haben keine Lieder.“ Eigentlich sind Hotellobbys ja für ihre dudelige Hintergrundmusik bekannt: Best of Rock mit Panflöte statt Stimme. Heute erklingt hier aber kein Sterbenstönchen – das Musikantenstadl findet offenbar anderswo statt.

Wenigstens von Guttenbergs Lieblingsband hätte man anspielen können: "Highway to Hell" würde den Abend wohl gut beschreiben.

Catering

Nirgends steht Freifood oder Freibier herum. Nicht mal Salzstangen kriegt man für lau – alles muss an der Hotel-Bar käuflich erstanden werden. Mir egal, da ich vom Wochenende noch gut geschreddert bin. Ich bestelle ein Glas Leitungswasser, das es immerhin umsonst gibt, und löse darin eine Aspirin auf.

Alle anderen trinken Pils von der Löwenbrauerei Elzach. Das kommt in zünftig-bauchigen Tulpen daher, und man weiß nicht so recht, ob die Damen und Herren hier immer so bechern oder nur, weil’s grad nicht so rosig für sie ausschaut.

Siegerpose

Gemeinsam mit Daniel Sander komme ich zu spät, und so krieg ich nur noch das Nachbeben der ersten Hochrechnung mit. Natürlich: Lange Gesichter allenthalben, insgesamt aber erstaunlich große Fassung. Man begegnet der sich andeutenden Schlappe mit großparteilicher Grandezza, spricht zwar von „SuperGAU“ und „Riesenkatastrophe“, gibt aber gleichzeitig zu verstehen, dass man schon anderes überlebt habe („Gott ist groß und seine Wege unergründlich“).

Irgendwann sagt der Ost-Freiburger CDU-Kandidat Klaus Schüle irgendwas und wirkt dabei ein wenig hölzern. „Man sollte immer zwei Reden in der Schublade liegen haben“, sagt neben mir einer, der von Schüles Auftritt auch nicht so überzeugt zu sein scheint. Immerhin Selbstkritik, auch wenn Parteisenior Ludger Reddemann nachher „das Geschäft mit der Angst“ für das Wahlergebnis verantwortlich macht.

Gegen acht machen sich alle auf ins Milano in der Schusterstraße. Dort, in unmittelbarer Nähe zum Freiburger Münster, sucht man nun Schutz und Geborgenheit vor den apokalyptischen rot-grünen Winden, die losgelassen worden sind, um das Ländle zu zerstören. „Eine Pizza Diavolo“, höre ich einen CDU-V.I.P. bestellen. Und vielleicht hat er Recht: Man sollte ernsthaft darüber nachdenken, sich nächstes Mal mit dem Teufel zu arrangieren.



Aufheiterle & Aufregerle

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen, und so kommentiert tatsächlich auch polyphones, schallendes Gelächter Ludger Reddemanns Rede. Eine Gruppe schwarz gekleideter Jungerwachsener hat sich nämlich in die Veranstaltung geschlichen und entlädt ihren Hohn auf kindische Art.

Irgendwie lustig, irgendwie auch wieder nicht. Politische Gegnerschaft hin oder her: Die Höflichkeit befiehlt es, dass man wenigstens so tut, als ob man zivilisiert sei. Ansonsten könnte man ja gleich zu derben Zoten greifen, wie sie im 16. Jahrhundert üblich waren: Till Eulenspiegel hätte der Versammlung ohne zu zögern ein Ei gelegt.

Fazit

In jeder Hinsicht eine traurige Veranstaltung. Kleiner Tipp fürs nächste Mal: Wein, Weib und Gesang haben schon so manchem das Überleben gesichert.

Bündnis 90/Die Grünen - 24,2 %  - Waldsee

Wer war da?

Die grüne Wahlparty wirkt wie die überdimesionierte Familiengeburtstagsfeier bei einer Großfamilie. Kleine Krabbler, unter den Tischen, Lego-Bauer in der Ecke, dazwischen Eltern, Rentner und Urgroßväter – von den Spitzenkandidaten Sitzmann und Pix zunächst jedoch keine Spur.



Kandidaten-Outfit

Die Partei, die aus namenstechnischer Sicht eigentlich prädestiniert scheint auch einen gewissen Dresscode zu pflegen, überrascht durch kollektives Buntauftragen. Weder Sitzmann und Pix, die später kommen, noch das Grünenvolk sieht einen Anlass sich der Parteifarbe entsprechend zu kleiden. Grüne Farbtupfer und kleine Buttons machen einen eher zufälligen Eindruck. Generell: Leger, casual, freizeitmäßig.

Deko


Vorne gemütliches Bistro-Ambiente, hinten Stehplatz-Gedränge. Auf der Bühne thronen zwei große Banner, die grüne Themen auflisten. Eigentlich sinnlos, denn wer an diesem Abend kommt weiß eh Bescheid. Auf den Tischen gibt's unverblümte Blumen-Symbolik: Tulpen in verheißungsvollem rot-grün, es liegt etwas in der Luft.

Muzak


Die vertraute Tageins Umgebung mal ohne Elektro-Gestampfe – im Gegenteil: Keinerlei Gedudel - irgendwie seltsam ungewohnt aber logisch, Musik käme gegen den hohen Lärmpegel ohnehin nicht an.

Catering


Der Grüne glüht mit Bier und Wein vor, steigt nach 18 Uhr kurzzeitig auf Sekt um, das Walergebnis verschafft dem Waldsee den wahrscheinlich besten Umsatz seit Jahren, mit jeder neuen Prognose wird die Bestellungs-Schlagzahl erhöht. Eine kleine extra Karte sorgt für die Qual der Wahl: Spaghetti mit Bärlauchpesto oder Seelachsfilet mit Kartoffelsalat oder...?

Siegerpose


Als das "erhoffte aber doch nicht so erwartete" Ergebnis kommt, jubelt man ohne Edith Sitzmann und Reinhold Pix – das klappt auch in Abwesenheit der Local Big Player ganz gut. Trotzdem fehlt noch eine Nuance zur ultimativen Extase. Etwa eine Minute hält der gemäßigte Ausnahmezustand an, der glückselige Gesichtsausdruck bleibt für den Rest des Abends wie eingemeißelt, die Luftsprungfrequenz ist aber deutlich ausbaufähig.

Sitzmann und Pix kommen später, wirken zufrieden, aber nicht ausgelassen. Mit der frohen Botschaft im Rücken brandet in regelmäßigen Abständen hämisches Gelächter auf, wenn im SWR gewisse politsche Namen und Parteien genannt werden.



Aufregerle

Wer sich schonmal über Rumgeschubse und stickige Luft bei Tageins am Montag Abend echauffiert hat, der sollte zur Relativierung des Eindrucks doch bei der nächsten Grünen-Wahlparty vorbeischaun'. Die setzt vor allem im Barbereich Maßstäbe in Sachen optimaler Raumausnutzung – auf Kosten der Sauerstoffgehaltes und des Wohlfühl-Faktors.

Aufheiterle


Die Käse-Zwiebel Knusperstangen, die auf den kleinen Bistro Tischen stehen, sind ein absoluter Gaumenschmaus – hergestellt natürlich aus dem vollen Korn. Leider sind sie schon nach wenigen Minuten vergriffen.

Fazit


Stand 19 Uhr: Volle Hütte, gebremster Freudentaumel und Sekt-Stößchen. Der Durchschnittsgrünenwahlpartyteilnehmer freut sich tendeziell eher nach innen und genießt den Triumpf bei einem griechischen Bauernsalat - wahrscheinlich der viel zitierte "Das muss ich erst mal realisieren"-Effekt. Die Zeit der Grünen-Jugend kommt dann ein paar Stunden später.

SPD - 23,1 Prozent - Café Velo

Wer war da?

Außer den beiden Spitzenkandidaten treten aus der Menge der sechzig bis siebzig Gäste heraus: Kultur- und Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach, der sich mit einem feinen Halstuch stilbewusst und zugleich freizeitlich gestimmt zeigt; Gernot Erler, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion; einige Wahlkampfhelfer, eine TV-Südbaden-Reporterin; zusätzlich viele Frauen und Männer im gehobenen Alter, die den Eindruck erwecken, hier zur Jause nach einer sonntäglichen Schwarzwaldwanderung eingekehrt zu sein und nicht der Wahlparty wegen. SPD-Nachwuchs ist kaum unterwegs.



Kandidaten-Outfit

Schwarzer Rock, schwarze Jacke, zuchtlachsfarbenes T-Shirt, Kette mit Figuren im Keith Haring-Stil: Gabi Rolland, die Kandidatin der SPD für den Wahlkreis Freiburg II sieht genauso aus, wie auf den Wahlplakaten. Nur ihr Mona-Lisa-Lächeln ist einem lebhaften Gesichtsausdruck und befreiten Lachen – der Wahlkampfdruck ist abgefallen – gewichen. Accessoire: ein roter Solidaritätsschal. SPD-Parteigenosse Walter Krögner wirkt mit seiner beige-grauen Stoffhose dagegen etwas farblos.

Deko


Die Deko ist sachlich oder bieder, langweilig und angestaubt. Auf den nackten Tischen des kaum ausgeschmückten Café Velo stehen Vasen mit fleischig ausgefüllten, orangefarbenen Tulpen. Später legt der Gastwirt auf gelbes Papier gedruckte, in Plastikfolie eingeschweißte Speisekarten aus. Lediglich zwei SPD-Parteibanner mit stark stilisiertem Staufer-Löwen säumen die zu TV-Übertragungszwecken aufgebaute Leinwand und lassen den Rückschluss zu, dass an diesem Sonntagabend eine Wahlparty stattfindet.

Muzak

Bettina Schausten und Theo Koll führen durch den späten Nachmittag, denn nahezu die ganze Zeit läuft die ZDF-Wahlberichterstattung. Kurz vor dem Eindunkeln wird zur ARD gewechselt.

Catering

So sachlich wie die Einrichtung, so nüchtern die Bewirtung.  Tagessuppe zu dreifuffzich, Käsespätzle oder Bratkartoffeln „Frankfurter Art“ für fünf Euro, diverse Salate und belegte Brötchen stehen auf der Karte. Getrunken wird bevorzugt Bier im Offenausschank sowie Rotwein.

Siegerpose

Eine deutliche Siegerpose bleibt aus. Walter Krögner zeigt sich dankbar und zufrieden mit dem Gesamtergebnis der Landtagswahl 2011, kann die Enttäuschung über sein persönliches Abschneiden allerdings nur bedingt verbergen und legt zerknirscht die Stirn in Falten. Gabi Rolland zeigt sich sichtlich erleichtert, denn sie hat ein Landtagsmandat errungen. Ihr lautes Gejubel und ihre Freudenschreie erfüllen den Raum, als bekannt wird, dass die FDP die Fünf-Prozent-Hürde nur knapp und Die Linke diese nicht geschafft haben.



Aufregerle

Nicht die Feier selbst, sondern der abgewählte Landesvater Mappus sorgt für das Aufregerle. Mit seinen einleitenden Worten, dass dieser Wahltag ein schlechter für Baden-Württemberg sei, zeigt er sich weit entfernt von einem fairen Verlierer.

Aufheiterle

Zwei ältere Frauen unterhalten sich den ganzen Wahlabend über sehr energisch über die Stadt- und Regionalpolitik in Freiburg, wägen Vor- und Nachteile verschiedener Landtagskandidaten ab und geraten beinahe in einen Streit, als bekannt wird, dass die Grünen Edith Sitzmann und Reinhold Pix die Freiburger Direktmandate für sich entschieden haben. Frau A: „Die Sitzmann kenn’ ich. Die hat bei mir studiert. Das ist eine ganz engagierte Politikerin. Mit diesem Ergebnis kann ich leben.“ Frau B: „Ja. Vielleicht. Aber eines steht fest: die Freiburger Grünen machen eine Scheisspolitik. Die Freiburger Grünen sind so neoliberal und neokonservativ wie CDU und FDP zusammen.“

Fazit


Die Freiburger SPD-Genossen zeigen sich sehr nahbar. Selbst als Außenstehender fühlt man sich nach kurzer Zeit dem Kreis der Regionalpolitiker zugehörig. Heimlicher Shooting-Star ist jedoch Bürgermeister Ulrich von Kirchbach, der einen offenen und herzlichen Umgang mit den Gästen gepflegt hat.

FDP - 5,3 Prozent - Gasthaus Schützen

Wer war da?

Als unlösbares Problem erweist sich schon im Vorfeld der Recherche die Suche nach der obligatorischen Guru-„Begleitung“. Anfragen an männliche und weibliche Bekannte wurden durchweg abschlägig beschieden: „Das find ich in der Tat auch etwas pervers... FDP ist wie ein schlimmer Unfall, den man nicht sehen will. Aber Dir wünsch ich viel Spaß und dass es dort lange Gesichter gibt“. Aber das liegt ja nicht an den Liberalen, sondern an meinem einschlägigen Bekanntenkreis.

Anwesend im Schützen ist eine halbe Hundertschaft. Außer den beiden Landtagskandidaten Nikolaus von Gayling (nebst erwachsenen Kindern) und Christoph Glück der FDP-Gemeinderat und Kreisvorstand Sascha Fiek mit Lebensgefährtin, Birgit Scheer-Müller, Gemeinderätin und stellvertretende Kreisvorsitzende. Parteifreunde und Verwandte, jeder kennt jeden.



Kandidaten-Outfit

Eher leger, Glück trägt ein bräunliches Sakko zum dezent gestreiften Hemd, von Gayling dunkelblauen Anzug mit hellblauem Hemd, beide lässig ohne Binder mit geöffnetem Kragen. FDP-Gemeinderat Sascha Fiek wie gewohnt in dunklem Anzug mit Krawatte. Die drei sind repräsentativ für das Outfit der anderen Partygäste, obwohl man auch Jeans und Pullover findet. Damen bevorzugen das klassische Kostüm oder auch Jeans mit Bluse.

Deko


Bis auf eine eher ungünstig plazierte große FDP-Flagge in Blau-Gelb gibt es keine Deko. Ach ja doch: Vereinzelt stehen auf den Tischen Kerzen im Messingständer und rote Plastik-Tulpen.

Muzak

Keine. Klar, schließlich liefen die Wahlergebnisse auf der Großbildleinwand, und tanzen möchte auch niemand.

Catering


Einen Schnaps braucht jedenfalls öffentlich trotz der Ergebnisse niemand, auf den Tischen stehen mehr Wasser- als Weingläser. Nach den ersten Hochrechnungen gönnen sich einige die üblichen Spätzle-mit-brauner-Bratensoße-Variationen.

Siegerpose

Entfällt. Beide Kandidaten bleiben noch unter dem landesweiten Ergebnis und entsprechend auf dem Teppich. Als um 18 Uhr die Wahlprognosen die Liberalen knapp im Landtag sehen, gehen ein hörbares Raunen und einige hochkehlige Geräusche, die sich Erleichterung oder Enttäuschung nicht recht zuordnen lassen, durch  den Schützen-Saal. Viele hatten vielleicht einen schlimmeren Absturz befürchtet. Die Stimmung bleibt den ganzen Abend über mau.



Aufregerle

Weiter aufgeregt hat sich niemand, da die Hochrechnungen nicht unter fünf Prozent rutschten.

Aufheiterle

Freiburg II-Kandidat Christoph Glück beweist Galgenhumor, als er beim umlagerten liberalen Rechenzentrum (ein Laptop hinten in der Ecke) nach den neuesten Ergebnissen fragt: „Bin ich schon bei zehn Prozent?“ Keine Lacher, es blieb bei 3,3 Prozent, während von Gayling immerhin 4,9 Prozent holte. Heiterkeit kam bei ihm aber auch nicht auf.

Fazit

Dem Ergebnis entsprechend kam keine rechte Party-Stimmung auf, aber Tränen flossen auch nicht. Meine von potentiellen „Guru“-Begleitungen unterstellte abartige Lust an (Partei-)Unfällen wurde nicht befriedigt. Aber es hätte ja auch anders kommen können…

Die Linke - 2,8 Prozent - Warsteiner Galerie

Wer war da?

Irgendwie jeder und niemand, sowie zwei Hunde. Etwa 40 Parteifreunde haben sich in der Warsteiner Galerie eingefunden, wovon sich etwa 30 Leute im Raucherbereich aufgehalten haben. Dementsprechend schnell entsteh hier ein Mief zusammengesetzt aus regennasser Kleidung, Zigaretten, Schweiß und Hund. Eau de Gauche sozusagen. Den typischen Linken gibt es nicht, vertreten sind alle Generationen und Schichten. Außer den Anhängern der Partei hält sich hier heute kein „normaler“ Gast auf.



Kandidaten-Outfit

Armin Wolff ist da, Lothar Schuchmann komischerweise nicht. Fast schon unscheinbar stiehlt sich Wolff, gekleidet ganz unprätentiös in Jeans und knittrigem nur halbherzig in die Hose gestopften Hemd, am Gros seiner Fans vorbei. Er schüttelt notdürftig ein paar Hände und verschwindet schnell in den Nichtraucherbereich der Bar. Hier verbringt er mit ein paar wenigen Gleichgesinnten die Hochrechnungen und verfolgt intensiv die Wahlberichterstattung.

Deko

Äh, was bitte? Als ich ankomme, wird noch schnell ein Hinweisschild vor der Warsteiner Galerie aufgestellt, der Banner der Linken hängt auf Halbmast an der Tür und innen finde ich neben einigen spärlichen roten Tischdecken noch einen Infotisch mit haufenweise Plakaten und anderem Material. Wenigstens gibt es – Public Viewing gerecht – eine große Leinwand.

Muzak

Totale Fehlanzeige. Allerdings hat das Flüstern und Gemurmel der hier Anwesenden schon was von Ambient, wie damals in den 90ern. Spätestens in dieser Zeit scheint auch der Modegeschmack hier stehen geblieben zu sein.

Catering

Der Linke trinkt Weizenbier und zwar in den verschiedensten Variationen. Dunkel, hell, alkoholfrei, klein oder groß, mindestens jeder Zweite hält ein Glas dieses Gebräus in seiner Hand. Umsonst gibt es gar nichts, nicht mal Knabbereien stehen auf den Tischen, aber es hält sich das Gerücht, dass einige Getränkegutscheine im Umlauf sein müssen. Gesehen habe ich aber keinen. Die Bedienung auch nicht.

Siegerpose

Dafür bin ich definitiv auf der falschen Veranstaltung. Das schien hier auch schon jedem vorher klar zu sein, so wird das doch enttäuschende Wahlergebnis allerseits mit Schulterzucken kommentiert und die Enttäuschung hält sich auffällig in Grenzen. Ist wohl so, wenn es wenig zu gewinnen und noch viel weniger zu verlieren gibt. Jubel und sogar Applaus entstehen nur beim miesen Abschneiden der FDP und ein wenig Schadenfreude – klar – bei den Verlusten der SPD und deren Versuche, dieses Ergebnis in den späteren Analysen schön zu reden.



Aufregerle

Es war furchtbar öde hier. Ach ja, langweilig war es auch. Und eine Großbildleinwand bringt auch nicht viel, wenn trotz mehrmaliger Bitte und Nachfrage niemand den Ton lauter stellt, so dass wenigstens auch einige Kommentare zu verstehen sind. Erst gegen halb sieben erbarmt sich das Personal und dreht das Soundvolumen nach oben.

Aufheiterle

Ein Hund von den Ausmaßen eines Kalbs, der sich direkt vor meine Augen in aller Seelenruhe eine gefühlte Ewigkeit lang seinen Schambereich leckt. Vielleicht schon symptomatisch für diesen Abend.

Fazit

Die Linke mag zwar bemüht sein, hat aber null Ausstrahlung. Als Anhänger dieser Partei hat man es in BaWü bekanntlich auch nicht all zu leicht, aber muss man dann trotzdem so langweilig sein?

Piratenpartei - 2,1 Prozent - Auerhahn

Wer war da?

Der Auerhahn hat heute Abend für alle auf. So können meine Begleitung und ich ein gepflegtes Schnitzel zu uns nehmen, während wir den Piraten beim Party machen zusehen. Die Wahl ist jedoch im ganzen Lokal Thema Nummer eins. Zwar haben die Parteianhänger von ihrem Tisch aus den besten Blick auf die große Leinwand, aber für den Rest der Kundschaft stehen immerhin auch noch zwei Fernsehapparate in HD-Qualität zur Verfügung.

Die Piraten-Kandidaten André Martens und Fabian ‚Cruel‘ Baur habe ich schnell entdeckt. Das war’s dann aber auch schon mit bekannten Gesichtern – zumindest für mich. Die Tischrunde der etwa 25 anwesenden Piraten-Freunden ist entspannt, im Schnitt zwischen 25 und 30 Jahren und eher männlich. Insgesamt erinnert das Treffen eher an einen Studenten-Stammtisch als an eine Wahlparty.



Kandidaten-Outfit

Schwarz ist die dominante Farbe der Piraten. Wenn nicht noch hier und dort das satte orange hervorstechen würde, könnte man fast meinen, bei der falschen Party zu sein. Doch die Piraten bekennen Flagge: Wer daher zu Hause nicht mehr rechtzeitig ein gewaschenes Partei T-Shirt oder ein gebügeltes Piraten-Hemd zur Hand hatte, der hat sich zumindest einen passenden Button angesteckt.

Deko

Eine Tine Wittler scheint sich unter den anwesenden Parteifreunden nicht zu befinden. Daher ist die Deko sehr spartanisch und schlicht: In die bereits vorhandenen Blumenvasen wurden Parteifähnchen gesteckt, zwei Fahnen wurden zwischen jeweils zwei Stühlen aufgehängt und ein Wimpel steht einsam auf dem Tisch. Keine Ballons? Keine Party!

Muzak

Nope! Lediglich das ZDF mit seinen schlechten Schalten und altbekannten Tonproblemen gibt es auf die Ohren.

Catering

Vergebens warten meine Begleitung und ich darauf, dass uns jemand auf einem silbernen Tablett ein Gläschen Sekt auf Kosten der Partei anbietet. Wie es wohl gerade bei den Grünen zugeht? Verpflegen muss sich hier jeder selbst. Der anwesende Durchschnitts-Pirat trinkt Bier, dazu gibt es wahlweise Pommes, Schnitzel oder Wurstsalat.

Siegerpose

Am meisten gejubelt wird über die mageren 5% der FDP – hierbei kommt es bei dem ein oder anderen sogar zum frenetischen Fähnchenschwenken. Auch wenn man als Piraten Partei nicht direkt genannt wird, so scheint man doch die erste Prognose von 5,3% der „Anderen“ Parteien positiv aufzunehmen. Anschließend kommt es zu wildem Smartgephone. Hitzige Diskussionen gibt es nicht, lautstarkes Mitteilungsbedürfnis scheint niemand zu haben.



Aufregerle

Cruels Haare sind nicht mehr wasserstoffblond! Hat er uns mit seiner HP-Baxxter-Gedächtnisfrisur in den vergangenen Wochen von allen Wahlplakaten zugelächelt, muss ich nun ganz genau hinsehen, um die Parteiprominenz zu erkennen. Statt passendem Piratenorange wurde das Haupthaar einfach schlicht dunkel gefärbt. Und das an einem so denkwürdigen Tag.

Aufheiterle

Die gewohnten Pannen des ZDF bleiben auch bei der Live-Sendung zur Landtagswahl in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz natürlich nicht aus. Statt daraus ein „Aufregerle“ zu machen, sorgt das bei den Piraten für viel Gelächter. Besonders als Mappus zum ersten Mal nach der Wahlniederlage vor die Kameras tritt und dabei für die ZDF-Kamera von einem weitaus ambitionierteren Kameramann völlig verdeckt wird, möchte der ein oder andere Pirat erneut zum Fähnchen greifen.

Fazit

Statt Wahlparty-Feeling gibt es im Auerhahn mehr einen gemütlichen Stammtisch der Piraten-Partei, die sich gemeinsam mit den anderen Gästen die ersten Hochrechnungen der Landtagswahl in Baden-Württemberg anschauen. Dazu wird gegessen und getrunken: Herrlich unspektakulär, ganz ohne Tamtam. Jedoch auch ohne Luftballons.

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