Wahlkampf-Guru: Freiburger Wahlpartys 2009

Wahlparty-Guru

Sechs Wahlpartys sind gestern in Freiburg über die Bühne gegangen. Wo war die Stimmung am miesesten? Wer hielt die mitreißendste Rede und wer trug die schlimmste Krawatte? Unser Wahlkampf-Guru hat sich sechsteilen lassen und legt im folgenden seine unbestechlichen Beobachtungen vor.



1. CDU: 27,1 %

Outfit des Spitzenkandidats

Im feinen, schwarzen Anzug und einer zarten, rosafarbenen Krawatte erscheint Daniel Sander schon um 17.40 Uhr auf der Wahlparty im Stadthotel Kolping. Accessoires: Am linken Handgelenk eine Digicam, in der rechten Hand zunächst noch ein Babyfläschchen. Das tauscht er aber bald gegen ein Bierglas.

Wer war da?

Außer dem Spitzen-Sander die übliche Riege der Freiburger CDU: Diverse Stadträte nebst Bürgermeister Otto Neideck, der Graf von Kageneck nebst Gräfin sowie der Landtagsabgeordnete Bernhard Schätzle mit Gattin und Sohn. Zusätzlich viele Jungunionisten in gebügeltem Hemd mit gestärktem Kragen; einer kam sogar mit zwei FDP-Wimpeln herein. Und so sah er auch aus.

Deko

Typische 3- bis 4-Sterne-Hotel-Lobby mit Stoffsesseln und dunkelrotem Teppich. Auf den Tischen je eine rote Blume, das Ganze diffus beleuchtet von einem gedimmten Kronleuchter.

Musik zur Wahl

Den ganzen Abend läuft das ZDF mit seiner Wahlberichterstattung auf einem großen Flachbildschirm. Die einzige Musik ist daher die „heute“-Titelmelodie. Ab und zu hört man die Klingel der Hotelrezeption als Intermezzo. Das auf eine Leinwand projizierte Internet ist still.



Barometerschmaus

Fade Chips und umhüllte Erdnüsse auf den Tischen sollten Durst machen. Essen gibt es nur von der Karte. Zur zweiten Hochrechnung gibt es für die Landtagsabgeordnetenfamilie dreimal Wurstsalat. Und Sandi trinkt ein kleines Bier.

Siegerpose

Aus gutem Grund gibt es keine solche. Als nach langem Warten auf die Ergebnisse der letzten Freiburger Wahlbezirke endlich feststeht, dass doch „der Staatsminister“ das Direktmandat abbekommt, gibt es trotzdem langen rhythmischen SED-Parteitags-Applaus und „Da-ni-el! Da-ni-el!“-Rufe. Das verursacht immerhin ein schüchternes, einhändiges Winken von Sander.

Aufregerle

Als Angela Merkel im Fernsehen auftaucht; Stille bei allen und Entsetzen bei einem CDUler: „Da hat sie doch tatsächlich was Rotes an?!“

Aufheiterle

Bei jeder neuen Prognose, wenn im Fernsehen die Bundestagsmandats-Grafik auftaucht: Jubel und rhythmisches Klatschen.

Fazit:

1. Zweitstimmenzufriedenheit. 2. Erststimmenpragmatik: „Mehr war aber auch nicht drin.“ (Sander)



2. Die Grünen: 22,8 %

Outfit des Spitzenkandidaten

Kerstin Andreae trägt eine cremefarbene Hose zu einem grauen, mit Blumen bedruckten Kleid. Grüne Kleidungsstücke, Partei-Ansteck-Button, Blumen im Haar oder anderweitige Wahl-Utensilien sucht man vergebens.

Musik nach Wahl

Wer zur Gaststätte Waldsee kommt, um ausgelassen das gute Wahlergebnis der Partei zu feiern, wird enttäuscht. Statt Musik laufen alle im Restaurant verfügbaren TV-Geräte mit Live-Berichterstattung zu den aktuellen Wahlergebnissen.

Barometerschmaus

Die Grünen essen, was die vielfältige Karte des Waldsee offenbart. Ein spezielles Grünen-Buffet gibt es leider nicht.

Siegerpose

Kerstin Andreae gibt sich ab 21 Uhr sehr bodenständig und keinesfalls abgehoben. Als man ihr vor versammelter Mannschaft dankt, scheint ihr das fast peinlich zu sein, was sie nicht unsympathisch erscheinen lässt. Am Ende ihrer kurzen Dankesrede streckt sie den ihr gereichten Blumenstrauß wie einen Siegerpokal in die Luft.

Wer war da?

Die zirka 50 bis 60 anwesenden Gäste sind altersmäßig gemischt. OB Dieter Salomon schlendert erst um 21:45 Uhr in den bereits halbleeren Waldsee.



Feieratmo

Die Stimmung ist den ganzen Abend über vornehmlich verhalten. Mancher Bingo-Abend verläuft hitziger. Der träge Pulk von Menschen offenbart sich vornehmlich nur durch die an den Wänden hängenden Plakate als Wahlparty-Teilnehmer. Erst als um 21 Uhr Kerstin Andreae ihren kurzen Auftritt hat, kommt etwas mehr Schwung in den gemeinschaftlichen Fernsehabend.

Deko & Einrichtung

Neben einer Vase voll Sonnenblumen hängen, wie bereits erwähnt, eine spärliche Anzahl von Grünen-Plakaten an der Wand.

Aufregerle

Die wenig enthusiastische Stimmung macht schläfrig und verhindert somit jeden Anflug von Aufregung.

Aufheiterle

„Traditionsgemäß“ darf der Sohn von Kerstin Andreae gegen Ende auch etwas sagen. Souverän verkündet er, dass er froh sei, dass jetzt endlich der „Bundestag vorbei ist und die Mama somit wieder mehr Zeit für mich hat.“



3. SPD: 21 %

Location

Hinter den Fenstern des Gasthauses Schönbergblick ging am Wahlabend die rote Sonne sehr symbolisch unter. Im kahlen Mehrzwecksaal trauerten die Genossen über das SPD-Ergebnis bei der Bundestagswahl und tranken Ganterbier aus großen Gläsern. Bis Gernot Erler kam, ihr Spitzenkandidat.

Outfit des Spitzenkandidaten

Zu seinem dunklen Anzug mit roter Krawatte trägt Gernot Erler abwechselnd bedauernde Worte und ein 33%iges Siegerlächen auf den Lippen, wie es sonst an diesem Abend nur der Kanzlerin vergönnt ist. Für die SPD-Anhänger ist er mit diesem Lächeln ein wandelnder Lichtblick.

Tatsächlich, Gernot Erler von der SPD hat die meisten Erststimmen im Wahlkreis und zieht als Direktkandidat in den Bundestag ein (vor Daniel Sander von der CDU, 28% und Kerstin Andreae von den Grünen, 22%).

Das hier könnte also eine Siegerparty sein. Trost und Hoffnung sind trotzdem für die SPD-Partygäste an diesem Abend wertvolle Seltenheiten. Vor allem für diejenigen, die bei Erlers Erscheinen schon seit über zwei Stunden im Dämmerlicht die fürchterlichen, bunten Säulen auf dem großen Fernsehbildschirm verfolgt hatten.

Siegerpose

Als Gernot nach Auszählung der Erststimmen bei den Genossen erscheint, steigt die Stimmung um gefühlte 33° C. Um das zu unterstreichen, macht auch endlich mal einer das Licht an. Freiburg wird als „gallisches Dorf“ gefeiert, denn Herr Erler ist der einzige SPD-Kandidat, der in Baden-Württemberg direkt gewählt wurde. Endlich gute Nachrichten, finden die Genossen, und Asterix ballt froh seine Fäuste.



Feieratmo

Richtige Stimmung kommt trotzdem keine auf, dazu sitzt die Enttäuschung doch zu tief. Das Bier hebt zwar den Geräuschpegel im Laufe des Abends von betretenem Schweigen auf geselliges Diskussionsniveau, doch die Jubelmarke wird deutlich unterschritten und nur beim Auftritt Erlers kurz erreicht. Aber es gibt ja auch nicht viel zu feiern.

Musik nach Wahl

...gibt es deshalb nicht. Nur hin und wieder die Tagesschaufanfare und unablässiges Geplapper im Fernsehen, das die Partygäste nach Wahl als Gruselfilm oder als akustische Untermalung für Gespräche konsumieren können.

Barometerschmaus

Neben dem (hoffentlich ein wenig schmerzlindernden) Bier bestellen sich nur wenige ein paar Brägele oder Schnitzel mit Pommes. Vielleicht hat das Ergebnis auf den Magen geschlagen, vielleicht haben die Genossen aber auch schon gegessen. Denn die meisten kommen erst später.

Wer war da?

Männer in Karohemden (manche auch gestreift), Jugendliche in Team-Erler-Shirts und SC-Trikots, sehr viel redende Damen, Großmütter mit Kameras (für Gernot), eine Frau mit (demonstrativ?) rotgefärbten Haaren, ein TV-Südbaden-Reporter, Wahlkämpfer, Bürgerinitiativengründer. Wahlkampfmenschen eben.

Deko und Einrichtung

...gibt es auch nicht. Ein SPD-Plakat verrät denen, die tatsächlich schon um 18 Uhr kommen, dass sie hier richtig sind. Ansonsten hängt ein Plakat an der Wand, das ein unglückliches Ehepaar zeigt. Das hing da aber schon früher. Auch, wenn es gut zum Abschied von der Großen Koalition passte.

Aufregerle & Aufheiterle

Für Aufregung sorgen Wahlprognosen. Nach einem Aufheiterle muss dagegen vor dem Erscheinen Gernots sehr aufmerksam gesucht werden. Fast hätte man es verpasst: Das erleichterte Lächeln auf den Gesichtern, als in der Tagesschau das 3:0 für den SCF verkündet wird.



4. FDP: 14, 1 %

Outfit des Spitzenkandidaten


Sascha Fiek hat sich nicht besonders schick gemacht. Er trägt einen dezenten Anzug, darunter ein helles, rosafarbenes Hemd und eine dunkelblaue Krawatte.

Musik nach Wahl


Für eine Live-Band ist der Löwen an der Herrenstraße 47 zu klein. Dennoch herrscht zurückhaltende, aber solide Feierstimmung. Denn das Zwischenergebnis um 20.30 Uhr von 14,6 % ist für die Liberalen überragend.



Barometerschmaus

Essen und Getränke muss jeder selbst bezahlen. Außer den Salzstangen, die gehen aufs Haus. Die Anwesenden sind nicht besonders hungrig. Ein Pils oder ein Radler gönnen sich die meisten.

Siegerpose?

Mit knapp 15% der Stimmen hat die FDP ihr bestes Ergebnis aller Zeiten erzielt. Doch so richtig in Siegerlaune kommt Sascha Fiek irgendwie nicht. Er hat viel geredet, prägnant und freundlich, aber ein Schrödersches Siegergrinsen sucht man an seinem Mund vergeblich. Vielleicht liegt es daran, dass er mit Listenplatz 16 knapp den Einzug in den Bundestag über die Landesliste verpasst hat.

Wer war da?

Fiek und seine Freundin Judith Schweitzer, der FDP-Ortsvorsitzende Gisela Glockner aus Bötzingen und JuLi Hartmut Hanke, der die vergangenen vier Wochen als Wahlkampfleiter mitgewirkt hat.

Feieratmo

Gegen 20 Uhr verlassen die ersten Jungen Liberalen das Restaurant. Allerdings nicht, um nach Hause zu gehen, sondern, um einen Abstecher zu den anderen Wahllokalen zu machen. Eine richtige Wahlpartynacht kommt nicht zustande. Nachgeholt wird die Fete dafür aber vielleicht in ein paar Tagen, wie Judith Schweitzer verrät.

Deko & Einrichtung

Abgesehen von den blau-gelben Fähnchen auf den Tischen und Luftballons an den Decken ist das Lager der FDP farblich dezent gehalten. Dafür ist der Löwen ein traditionsreicher Treffpunkt der Liberalen. Einmal im Monat treffen sich die FDPler dort zum Stammtisch.

Aufheiterle

Der Wirt gibt gleich nach der ersten Hochrechnung (die FDP bekommt 14,6% der Stimmen) eine Runde Bier aus.



5. Die Linke: 8,9 %

Outfit der Spitzenkandidatin

Uta Spöri, die Kandidatin der Linken für den Wahlkreis Freiburg-Stadt, kleidet sich in ein dunkelblaues Top, hellblaue Jeans, trägt eine kleine, braune Handtasche, dazu schwarze Sandalen ohne Socken. Spöri grinst durchgebräunt die Gäste an. Parteifarbig ist das nicht, aber immerhin luftig.

Musik nach Wahl

Die meiste Zeit läuft Fernsehen. Für später ist Lateinamerikanisches geplant, sagt Landesvorstandsmitglied Dirk Spöri, weil es generationenübergreifend sei.

Barometerschmaus

Brötchen. Ansonsten wurde getrunken, was die Ca’D’Oro-Karte hergibt. Meistens Bier. Wer bedürftig aussieht oder sonst einen braucht, bekommt einen Ermäßigungsbon.

Siegerpose

Ihre Spontanrede zu den übertroffenen Zielen, zur Niederlage der SPD und zur schwarz-gelben Enttäuschung trägt Spöri mit einer Hände-in-den-Taschen-Rhetorik vor. Durchgehend. Ab und an mit Schulterzucken. Dafür gibt es auch anschließend keinen verkrampften Parteitagsapplaus, sondern eine 30-sekündige Anerkennung.

Wer war da?

Die Linke in Freiburg hat rund 150 Mitglieder, davon sind einige da. Trotzdem bilden das Publikum auch Nicht-Linksparteiler. Unter anderem ist der Kreisvorsitzende und Stadtrat Lothar Schuchmann da und Irene Vogel von den unabhängigen Frauen.

Feieratmo

Die Stimmung kommt nicht an eine Bundesligaübertragung heran. Geklatscht wird trotzdem gern – immer wenn Oskar Lafontaine spricht und natürlich bei den Hochrechnungen. Aber nachdem Spöri gegen 20 Uhr ihre Rede hält, spricht man an den Tischen über die Zukunft und das weitere Vorgehen der Linkspartei.

Stünden vor dem Lokal keine entsprechenden Hinweise, hätte im Café kaum jemand die Linke vermutet. Begeisterung kommt bei ein paar Parteimitgliedern auf, als sie sich die Freiburger Stadtteilergebnisse für die Linke ansehen (Weingarten: 17,9 %!)



Deko & Einrichtung

Der Chef vom Ca'd'Oro ist Parteimitglied. Abgesehen von ein paar Plakaten an den Wänden und Beitrittsformularen auf den Tischen sieht es aus wie an jedem Abend.

Aufregerle

Der Ton. Wer Fernsehen und -verstehen will, muss sich ganz dicht davor setzen und hoffen, dass die Mitarbeiter bald einmal Hörbarkeit herstellen. Da die Boxen lange nicht die nötige Leistung haben, wird daraus nichts.

Aufheiterle

Da Spöri kein Mikrofon bekommt, versucht sie es mit einem Megafon aus älterem Parteibesitz. Auch die Sirene wird getestet. Sobald Spöri es benutzen will, versagt das Gerät.



6. Piratenpartei: 2, 8 %

Outfit des Spitzenkandidaten

Würden die Freiburger Piraten einen Kapitän stellen, liefe er höchstwahrscheinlich in derselben Einheitstracht herum wie die einfachen Freibeuter: ein schwarzes T-Shirt mit einprägsamem Partei-Logo in schwarz-weiß-orange, das nur um Haaresbreite an der Antifa-Emblematik vorbeischippert.

Musik

Bis 22 Uhr erklingt weder der Gutelaune-Shanty „What shall we do with a drunken Sailor?“, noch der abenteuerlustige Soundtrack von „Fluch der Karibik“. Als statt Schifferklavier dann endlich Turntables aufgebaut werden, wird der Grünhof hintergründig zum House-Boot. Wer virtuelles DJing vermittels Terabytes raubkopierter Pirate-Bay-MP3s erwartet hat, wird bitter enttäuscht.

Catering

Weder Tiefkühlpizzen noch Jolt Cola – als Kombüse dient den Seeräubern heute die Küche des Grünhof. Gegessen werden Salat und Pommes Frites; getrunken Pils und Coke. Auf den Bistrotischen stehen unangerührt mitgebrachte Obst-Kuchen-Nachos-Kombinationen.

Siegerposen

Nicht ohne Stolz wird hinausposaunt, dass die Piraten mit bundesweiten 2 % mehr Renegaten für die Black Pearl rekrutieren konnten als die Grünen 1980 Ovo-Lacto-Vegetarier für den Rainbow Warrior. Ansonsten wird eher rumgegammelt. Als Siegerpose gilt hier ohnehin nur ein irreparabler Haltungsschaden.



Wer war da?

Zwei Dutzend sympathisch-soziopathischer Nerds und Freaks, eine handvoll distanzierter Schaulustiger, zwei Scherzkekse in Piratenkostümen, ein 15-jähriger Parteiaspirant mit G1-Handy und Twitter-Account.

Atmo

Es scheint, als sei hier schon zu früh der Captain Morgan (Spiced – mit Coke gemischt) ausgegangen. Und das, obwohl die Freiburger Piraten mit 2,8 % ein überaus feiernswertes Ergebnis erzielt haben. Zwar wird geklatscht – beim Release des letzten World-of-Warcraft-Patches war die Begeisterung aber größer.

Deko

Im Grünhof trifft heute Street Art auf Totenkopfflagge. Zwischen urbaner Landrattenkunst hängen Parteibanner und -plakate, ein Beamer wirft die ZDF-Elefantenrunde an die Wand und vorne stehen drei Laptops herum.

Aufheiterle

Piraten erzählen Urban Legends, die sie auf dem Gulli Board oder in der Illuminatus!-Trilogie gelesen haben, um ihre Partei zu legitimieren. Tragikomisch: Aus Fiktion wird langsam Wirklichkeit, und so bleibt mir der heimliche Spott im Halse stecken.

Aufregerle

Übermotivierte Bukaniere, die durch militanten Bekehrungseifer Interessenten abschrecken und die politische Freibeuterei in Verruf bringen. Immer schön easy, meine Schiffjungens. Sonst wird’s nie was, mit der Meuterei!

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