Wahlkampf 2.0: Frank-Walter, mein Facebook-Freund

Carolin Buchheim

Auf StudiVZ ist die Lage klar: Mehr als 63.000 Nutzer finden Angela Merkel gut und haben ihre Profile mit dem der Kanzlerin verknüpft; SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier hat nur 16.500 Fans. Im Xing-Wahlbarometer hingegen liegt die Piratenpartei mit 80 Prozent weit vorne. Kein Zweifel: der Bundestagswahlkampf 2009 findet auch im Netz statt. Parteien und Kandidaten laden Videos auf YouTube, twittern und bloggen um die Wette und um Wählerstimmen. Wie funktioniert der erste deutsche Online-Wahlkampf? Caro hat mit dem Politikwissenschaftler Patrick Brauckmann gesprochen.



Herr Brauckmann, sie arbeiten gerade an ihrer Dissertation über den Internet-Wahlkampf der Parteien bei der anstehenden Bundestagswahl. Worum geht es da genau?

Der Titel meiner Promotion lautet 'Online-Communitys im Bundestagswahlkampf 2009'. Es ist eine Studie, die sich an den Oppositionsparteien orientiert. Ich untersuche die Online-Aktivitäten der FDP, der Grünen und der Linken, und zwar ausgehend von der Annahme, dass diese drei Parteien grundsätzlich ein ähnliches Wahlziel und ungefähr eine gleich große Mitgliedsbasis haben, sich aber in ihren internen Strukturen und in ihrer politischen Kultur jeweils sehr stark unterscheiden.

Ich möchte schauen, wie Online-Communitys unter diesen einerseits gleichen, andererseits aber sehr unterschiedlichen Voraussetzungen im Wahlkampf funktionieren können, und wie offen die Parteien für die Nutzung und den Einfluss dieser Communitys sind.

Können Sie kurz zusammenfassen, wie sich die Parteien im Wahlkampf bisher online engagieren?

In den letzten Wochen und Monaten ist unheimlich viel passiert, fast mehr, als man als einzelner Mensch anschauen und nachvollziehen kann. Mittlerweile kann man sagen, dass alle Parteien online eigentlich gleich auf kämpfen. Man ist zwar mit unterschiedlichen strategischen Ausrichtungen online unterwegs, aber betreibt doch mittlerweile sehr intensiv Online-Wahlkampf.

Die Linke, zum Beispiel, hat noch Anfang des Jahres sehr wenig gezielt im Netz gemacht. Mittlerweile hat die Partei ein eigenes Soziales Netzwerk, und arbeitet intensiv mit Twitter und YouTube, macht also all' die Dinge, die die anderen auch machen.

Es sind es nur noch rund fünf Wochen bis zur Bundestagswahl. Sind die Parteien mit ihrem Online-Wahlkampf nicht ein bisschen spät dran?

Ja, das ist in der Tat so, aber andererseits auch leicht zu erklären, denn genau so wie die Aufmerksamkeit der Medien auf die Bundestagswahl zunimmt, nimmt natürlich auch die allgemeine Aufmerksamkeit zu. Jetzt ist der Moment für die Parteien auf den es ankommt.

Einen richtigen Sprung gab es im April, als StudiVZ Politikern die Einrichtung von Edelprofilen ermöglicht hat. Danach ging es dann auch so richtig los mit Twitter und eigenen sozialen Netzwerken. Wenn man die jetzigen Online-Aktivitäten der Parteien mit denen im März diesen Jahres vergleicht, hat in den vergangenen Monaten einfach eine immense Entwicklung stattgefunden.

Im Web 2.0 geht es um Kommunikation und um Partizipation. Nutzen die Parteien Web 2.0-Angebote tatsächlich so, wie sie gedacht sind, oder werden sie nur als Abladeplatz von Pressemitteilungen verwendet?

In deutschen Parteien herrscht bisher noch sehr stark klassisches PR-Denken vor: man gibt eine Pressemitteilung zu einem Thema heraus, und was da drin steht, das sollen die Journalisten gefälligst drucken. Wenn es ein spannenderes Thema mit einem Spitzenkandidaten ist, dann macht man auch noch eine Pressekonferenz dazu, denn da kann ich alle Seiten auch gut kontrollieren. Das Internet ist natürlich ganz anders.

Wenn ich als Partei Twitter, Blogs und soziale Netzwerke benutze, aber da genau so kommuniziere, wie ich das bisher gemacht habe, mit Pressemitteilungen, dann kommt es nicht an und funktioniert auch nicht. Das kann ich gleich sein lassen. Das schöne am Web 2.0 ist ja eigentlich, dass ich dort gerade authentisch, persönlich und glaubwürdig kommunizieren kann. Genau damit muss man aber auch arbeiten können und wollen.

Welche Online-Tools man jetzt genau benutzt, ist letztendlich egal. Viel wichtiger ist es, dass man seine Kommunikationsstruktur umstellt, also die Art und Weise, kommunikativ zu denken. Wie das richtig funktioniert, konnte man im Wahlkampf von Barack Obama gut beobachten.

Kann man den US-Wahlkampf überhaupt mit dem in Deutschland vergleichen?

Nein, das kann man nicht. Dafür sind die Parteistrukturen einfach zu unterschiedlich. Der Spitzenkandidat in den USA kann sich, wenn ein Thema an ihn herangetragen wird, relativ frei im Rahmen der Parteilinie für eine Meinung entscheiden, und diese dann vertreten. In Deutschland hingegen muss ein Spitzenkandidat durch die Parteistrukturen durch, und einen internen Konsens herstellen, bevor er sich überhaupt zu einem Thema wie zum Beispiel Internetsperren äußern kann. Das ist nicht nur unheimlich schwierig, da geht auch unheimlich viel Dynamik verloren.

Gerade im Internet sind Politiker allerdings darauf angewiesen, dass sie sehr persönlich oder auch einmal emotionaler argumentieren können. Das lässt die deutsche Parteikultur aber meist nicht zu.

Deutschen Politikern scheint es manchmal schwer zu fallen, persönlich oder emotional zu argumentieren. Kann es sein, dass persönlichere Kommunikation vielleicht auch einfach nicht 'typisch deutsch' ist, und man gerade im politischen Kontext grundsätzlich noch formeller als ohnehin schon miteinander umgeht?

Das müsste wohl ein Kulturwissenschaftler bewerten, aber zum Teil ist es natürlich schon so. Ich glaube dahinter steht die Angst einzelner Politiker, in die Mühlen der Parteistruktur zu geraten, wenn sie bei einem Thema zu weit vorpreschen oder zu emotional werden, und dass dann gerade die emotionalen Punkte herausgegriffen und auf ihnen herumgeritten wird. Vor kurzem habe ich mich mit einem Politikwissenschaftler gestritten, der gesagt hat 'Liebe Politiker, gebt keine persönlichen Informationen preis, behaltet das für euch, ansonsten seit ihr nicht mehr die politische Elite!'

Ich glaube allerdings, dass es ohnehin keine politische Elite mehr gibt; zumindest keine, die vom Wähler wirklich gewollt ist. Der Wähler hat nicht mehr das Idealbild eines Politikers wie Konrad Adenauer, dem Vater der Republik, im Kopf. Das geht heute nicht mehr. Ein Politiker muss persönlich 'rüber kommen, nahbar sein. Als Politiker muss man deshalb auch mal bereit sein, ein Bild vom Fußballspiel am Wochenende auf der eigenen Website einzustellen, wo man mit seinen Kindern drauf ist, und dann schreiben, dass es ein klasse Spiel war, und man einen schönen Sonntag hatte. Das wollen die Wähler heute hören.

Zu viel des Persönlichen würde aber vielleicht aber auch vom Wähler bestraft – Pool-Plansch-Bilder á la Scharping, zum Beispiel, kämen auch auf Facebook sicher nicht gut an, oder?

(lacht) Ich denke da gibt es sicher eine Grenze, aber bis die Überschritten ist, da muss man schon sehr weit gehen.



Nutzen deutsche Politiker die verschiedenen Netzwerke, weil sie es wirklich wollen, oder nur, weil sie Angst haben, etwas zu verpassen? Können sie vielleicht ein Beispiel nennen, von jemanden, der heraus sticht, und es besonders gut macht?

Es gibt sicher einige, für die es nur darum, möglichst viele bunte Web 2.0-Icons auf ihrer Website zu haben, und dem Wähler das Gefühl zu vermitteln, man sei auch modern. Die überwiegende Zahl der Politiker hat allerdings schon verstanden hat, dass sie überfordert sein werden, wenn sie versuchen, alle Kanäle gleichzeitig zu bedienen und in allen Netzwerken präsent zu sein. Man muss sich konzentrieren und ein eigenes Profil herausarbeiten.. Das haben Einzelne jetzt schon ganz gut gelernt.

Es gibt zum Beispiel einige Grünen-Politiker, die sehr intensiv mit Facebook arbeiten, oder FDP-Politiker, für die Twitter ihr Medium ist. Jemanden, der da als Positivbeispiel heraus sticht, trau ich mich aber nicht zu nennen, denn da melden sich dann gleich andere, die sagen 'Aber ich mach das doch auch gut!' Ganz allgemein gesagt sind es eher die jungen Abgeordneten, Referenten oder Kandidaten, die das gut beherrschen und Nutzer von Sozialen Netzwerken als ihre Zielgruppe identifiziert haben.

Sie haben sich die Online-Aktivitäten der Freiburger Direktkandidaten angeschaut. Wie bewerten sie die?

Was die Kandidaten in Freiburg machen, ist wirklich alles im Rahmen dessen, was heutzutage so üblich ist, allerdings mal ein bisschen mehr aufgehübscht, mal ein bisschen weniger. Alles schon ganz okay soweit!

Welche Relevanz haben die Online-Aktivitäten der Parteien letztendlich? Erreicht man durch Wahlkampf auf StudiVZ tatsächlich Jung- oder Nichtwähler? Findet an diesen eigentlich unpolitischen Orten im Netz vielleicht sogar eine Politisierung statt?

Ich denke in gewissen Teilen sicher schon; der Online-Wahlkampf ist ganz sicher relevant. Damit meine ich natürlich nicht, dass er zwingend wahlentscheident sein wird, aber ich glaube, dass es gerade für junge Wähler schon mit einen Ausschlag geben kann, wie eine Partei sich im Netz engagiert und auftritt.

Ich finde es sehr spannend, dass klassische, harte Politik, echte Themen in manchen Netzwerken Einzug gehalten haben und dort von den Nutzern sehr stark gehypt werden. Das ist bisher eher bei Netzthemen der Fall gewesen, weil da eine thematische Nähe vorhanden war, wie bei der Vorratsdatenspeicherung und den Internetsperren. Mit Familienpolitik würde man man wahrscheinlich bisher noch nicht so viele Leute in eine Online-Petition locken, aber das kann sich durchaus schnell ändern.

Innerhalb vieler Sozialer Netzwerke ist die Piratenpartei ganz vorne dabei. Was kann man bei der Bundestagswahl von ihr erwarten?

Was mit der Piratenpartei passiert, ist wirklich sehr spannend. Dass eine Partei so schnell entstanden ist, auf einem Thema so gut gefahren ist, dass hat es bisher noch nie gegeben. Ich halte das bisher allerdings für eine elitäre Entwicklung: die Digital Natives haben jetzt eine politische Heimat gefunden haben, aber die Digital Natives sind unter keinen Umständen repräsentativ für alle Bürger, sondern eben die digitale Elite.

Die 0.9% zur Europawahl waren schon ganz okay. Ich bin ganz gespannt, ob sie darüber hinauskommen werden; Ich glaube eher nicht. Das ist beinahe ein statistisches Experiment: wenn ich weiß, wie viele Leute die Piratenpartei wählen, dann weiß ich, wie viele Einwohner des digitalen Raumes es gibt.

Wie langlebig ist das Online-Engagement der Parteien und Politiker? Hören die am Montag, den 28. September 2009 damit wieder auf? Und wenn nein: welche Rolle wird das Netz im Bundestagswahlkampf 2013 spielen?

Aufhören, das geht gar nicht! Genau diese Frage hat man ja auch Obama nach der Wahl gestellt: was machst Du nach der Wahl mit deinen Millionen Unterstützern? Er hat das bisher elegant gelöst, und ist bemüht, eine transparente Demokratie zu gestalten. Wenn ein Medium sich erstmal neuen Raum erobert hat, dann kann man es nicht mehr abstellen. Das Fernsehen hat auch niemand wieder abgestellt. Wenn ein neues Medium da ist, dann muss man es bedienen und bespielen. Wie das richtig geht, das ist ein Lernprozess, und zwar für alle Beteiligten, die Sender und die Empfänger, die jeweils entscheiden müssen, was für sie wichtig und richtig ist.Dieser Prozess wird nach dieser Wahl meiner Meinung nach noch einmal viel stärker einsetzen, so dass wir dann 2013 einen Wahlkampf haben werden, bei dem die Politiker wissen, was funktioniert, und wie es funktioniert. Diese Professionalisierung ist in den USA bereits seit zwei Wahlkämpfen zu beobachten. Ich glaube, wir werden dann erst den ersten Wahlkampf haben, bei dem wirklich online kommuniziert und partizipiert wird. Noch stecken wir hier in Deutschland in den Anfängen.

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Zur Person

Patrick Brauckmann (30), M.A., studierte Politik, Jura, Theologie und European Business in Jena und Antwerpen. Während seines Studiums war er als Geschäftsführer der Jungen Liberalen, im Bundesvorstand der Liberalen Hochschulgruppe und verschiedener weiterer politischer Gremien, unter anderem dem Studentenrat der Friedrich-Schiller-Universität Jena, aktiv. Seine Magisterarbeit schrieb er zum Thema "Online-Lobbying" und besetzte damit noch vor dem Obama-Wahlkampf die Debatte um die Machtressource Internet.

Daneben gründete er noch während des Studiums eine Kommunikationsberatung mit der Spezialisierung "Online-Campaigning". Nach dem Studium begann er seine berufliche Laufbahn bei der synchronity GmbH, einem auf eGovernment spezialisierten IT-Dienstleister, wo er heute Vertriebsleiter ist. Als Vorsitzender der Wirtschaftsjunioren Jena setzt er zudem sein ehrenamtliches Engagement fort.

Als Gründer mehrerer Unternehmen im IT/ Web 2.0-Bereich ist er auch im Business-Development erfolgreich. Neben seiner Dissertation an der Universität Leipzig zum Thema "Online-Communities im Bundestagswahlkampf 2009", schreibt er als freier Redakteur fürpolitik-digital.de und politicsonline.com. Auf seinem Blog kampagnen-fabrik.de sammelt er zudem seine Erfahrungen und tauscht sie mit anderen aus