VWL im Spiegelzelt: Längstes Konzert des Sommers ODER im falschen Zelt gespielt?

Alexander Ochs

Die Indiepopper Von Wegen Lisbeth haben am Samstag das ausverkaufte Spiegelzelt zum Kochen gebracht. War die Band im falschen Zelt? Hätte sie nicht vor viel größerem Publikum spielen können oder sogar müssen?

Ironie der Abkürzung: "Suche Ticket für VWL", heißt es lapidar auf dem Zettel einer jungen Frau, schon vor dem Eingang zum Festivalgelände. Und die Nachfrage war riesig – bei der ZMF-Ticketbörse genauso wie vor Ort. Doch nichts zu machen: Das Konzert des Berliner Quintetts war schon seit Wochen ausverkauft. Voll wie Bolle das rund 500 Leute fassende Spiegelzelt, komplett in Schweiß gebadet eine jede und ein jeder beim Gig der Mittzwanziger.


2006 in der 7. Klasse gegründet

Was 2006 als Schülerband in der 7. Klasse am Beethoven-Gymnasium im Berliner Südwesten, in Lankwitz, begann, hat sich zu einer echten Erfolgsstory gemausert. Mit ihren lebensnahen, aus dem Alltag gegriffenen Texten und ihren quietschbunten Synthiepopsongs haben die fünf Jungs einen Nerv getroffen. Oder einfach den Tonfall und die Lebenswelt junger Erwachsener.

"VWL" also dürfen sich über ein komplett textsicheres Publikum freuen, das jeden Song gebührend abfeiert, dazu abtanzt und abgeht, als gäbe es kein Morgen (außer der Fete später, aber die zählt ja nicht). Zuvor waren noch Hits von Anfang der 80er wie "Roxanne" oder "Don"t you want me" gelaufen, gut abgehangene 37 bis 40 Jahre alt. Und damit weit über dem Altersschnitt. Eltern und Kinder wurden heute Abend nur vereinzelt gesichtet – aber alle gutintegriert.

Wippende, hüpfende und tobende Meute

Mit Synthiepluckern und Nebenschwaden, mit dezent dosiertem Drama und leichtem Wumms erscheint "Lisa" um Punkt acht. Darauf folgt die schnelle 80ies-Popnummer "Wieso", darauf der Knaller "Chérie". Die Meute wippt, hüpft, tobt. "Vorher haben wir auf einem großen Festival gespielt, hier ist es ein kleiner, intimer, erotischer Rahmen", schwärmt Sänger und Songschreiber Matthias "Matze" Rohde. Festival-Gründer Alexander Heisler grinst und wippt mit. Auf den Bänken wird getanzt, einige Männer ziehen oben blank, und spätestens jetzt werden die T-Shirts bei den Mädels hochgeknotet.

"Es ist die heißeste Show, die wir jemals gespielt haben", bescheinigt der Frontmann, "und unser Saxophonmann spielt nackt. Geil!" Zwischendurch hauen die Berliner Jungs auch mal ein neues Lied raus ("Gefährder"), am Ende, im zweiten Zugabeblock, kehrt Rohde mit der Akustikgitarre alleine zurück auf die Bühne und serviert "einen Song, den es "eigentlich noch gar nicht gibt". Es geht um einen Abrissunternehmer, der Steuern hinterzieht – ein ernstes Thema mit Gähn-Potenzial.

VWL zeigt neue Facetten

Aber wie immer bei den Lisbeths bunt und charmant verpackt, genauso wie ihre Kritik an der permanenten Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken. Und das ist das Interessante: Genauso gut könnten die fünf Gefahr laufen, von der eigenen Gute-Laune-Schublade zerquetscht zu werden, immer denselben musikalischen Stiefel zu fahren. Ein Schicksal, das beispielsweise Wanda droht. Doch die neuen Songs zeigen neue, nachdenklichere und ruhigere Facetten, die man von den Dauerdiskojungs gar nicht gewohnt war.

Sie spielen ihr längstes Konzert dieses Sommers, und mit 20 Songs und 95 Minuten wurde die dankbare und homogene Twentysomething-Crowd auch perfekt bespaßt. Genauso gut könnte man behaupten, der Gig sei unspektakulär gewesen, drauf der Stempel: "Keine besonderen Vorkommnisse". Routiniert und gut gelaunt packen die Jungs ihr Brett unters Volk, wechseln wie gewohnt die Instrumente, lassen Diskobeats aufleben, die sythielastigen 80er wieder auferstehen, zücken Minicasio, Glockenspiel, Saxophon und synthetische Fanfaren aus.

Warum nicht das große Zelt?

"Buhrufe sind lauter als Applaus" heißt es in "Milchschaum". Doch davon war nix zu hören. Die einzige offene Frage: Hätte man die Combo nicht gleich ins Zirkuszelt buchen sollen? Alex Heisler liefert die Selbstkritik gleich mit, wenn er sagt: "Es ist eine Band, die eigentlich das große Zelt vollmachen würde." Hoffentlich beim nächsten Mal. Die Nachfrage ist da. Zumindest bei VWLern.

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