Sexualität

"Vulvaversity": Dieses Kollektiv will mit seinem Projekt die Vulva aus der Tabuzone holen

Gina Kutkat

Die allgemeine Scham überwinden und mit Normvorstellungen brechen: Fünf Freiburger möchten, dass die Vulva in einem neuen Licht betrachtet wird. Dazu haben sie ein mobiles Fotoprojekt ins Leben gerufen.

Manche sagen "da unten" oder "zwischen den Beinen" – oder finden erst gar keine Worte für das weibliche Geschlecht. Andere fragen sich "Ist das bei mir normal?" oder "Wie sieht das bei anderen aus?". Und wieder andere unterziehen sich gar einer Intim-Schönheits-OP, weil sie denken, ihr weibliches Genital würde nicht der Norm entsprechen. Die Vulva gilt gesellschaftlich immer noch als verbotene Zone, die man nur im sexualisierten Kontext betrachtet. Ein Thema, dem man mit Scham und auch viel Unwissen begegnet.


Das möchte eine Gruppe von fünf Freiburgerinnen und Freiburgern nun ändern. Unter dem Namen "Vulvaversity" sind sie seit zwei Monaten dabei, die Vulva zu entmystifizieren. "Die meisten Frauen wissen gar nicht, wie sie untenrum aussehen. Wir wollen jeden dazu ermutigen, sich damit auseinanderzusetzen", sagt Indra Küster. Und Robert Kasperan ergänzt: "Die Vulva wurde bisher nur im sexualisierten Kontext gesehen, wir wollen sie abseits pornografischer Darstellung betrachten."

Ein Foto der eigenen Vulva

Das Vulvaversity-Kollektiv ist dafür mit einem mobilen Fotostudio unterwegs. Frauen – und allgemein alle Menschen mit einer Vulva – können ihre Vulva fotografieren lassen und ein druckfrisches Bild davon mit nach Hause nehmen. "Wir sorgen für einen geschützten Raum und eine wohlige Atmosphäre mit Keksen, Tee und Gesprächen", erklärt Indra das Prinzip. Für die ersten zwei Aktionen hat sich das Team in ein Freiburger Yogastudio eingemietet: Interessierte können vorbeikommen, Fragen stellen, sich mit anderen austauschen – und Fotos machen. "Man muss das natürlich nicht, wenn man nicht möchte", sagt Robert. "Uns ist es wichtig, einen Ort der Vernetzung zu schaffen."
Begriffserklärung

Die Vagina bezeichnet den inneren Teil des weiblichen Genitals. Die Vulva den äußeren, sichtbaren Teil, umfasst also Venushügel, Schamlippen und Kitzler.

Die Idee, durch öffentliche Aktionen die Vulva mit einem unverkrampften Blick zu betrachten, ist in Freiburg relativ neu. Beim Femparcours im Südufer gab es im Juli eine Vulva-Bastel-Aktion; Vulvaversity war mit dem Fotostudio auch beim CSD Freiburg dabei. "Ich habe das Gefühl, es gibt eine Betroffenheit für das Thema, es passiert etwas", sagt Robert. Weiter ist man da schon in Berlin, wo Vulva-Watching-Kurse angeboten werden und Künstler Abgüsse von Vulven anfertigen. Dabei geht es meistens darum, das weibliche Geschlecht zu betrachten, es aus der Tabuzone herauszuholen und so für mehr Offenheit zu sorgen.

Ein Vulven-Kalender ist in Planung

Auch das Vulvaversity-Kollektiv, das derzeit aus fünf Leuten zwischen 20 und 30 Jahren besteht, möchte erreichen, dass Menschen selbstverständlicher über ihr Geschlecht reden und sich mit ihrer Sexualität und ihren Geschlechtsteilen auseinandersetzen. Dabei legen sie großen Wert darauf, dass es nicht nur um Frauen geht, sondern auch um Intersexuelle oder Menschen, die umoperiert sind. Der Name "Vulvaversity" meint genau das: Die Diversität der Vulven.
Indra Küster, 28, arbeitet als Coach.
Robert Kasperan, 22, hat Ökonomie studiert, ist inzwischen aber in der Philosophie gelandet. Außerdem gehören noch Antonia Hruby, Gwen Weisser und Janna

zum Kollektiv.

"Am Ende bedeutet bessere Aufklärung besseren Sex für uns alle", sagt Robert, der im Team dabei ist, weil er findet, dass das Thema jeden etwas angeht. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Thema Body Positivity. "Wir müssen wegkommen von diesen komischen Schönheitsidealen, die zu Selbstzweifeln oder sogar Intim-Schönheits-OPs führen können", sagt Robert. Mehr Wissen über den eigenen Körper könne außerdem dabei helfen, seine Grenzen besser zu kennen, ergänzt Indra. "Wenn eine Frau sich für ihre Vulva schämt, besteht die Gefahr, dass jemand etwas mit ihr macht, das sie nicht will."

Schwieriger Begriff: Weibliche Scham

Um noch mehr Menschen zu erreichen, möchte Vulvaversity aus den Fotos, die im Fotostudio entstehen, einen Abreißkalender erstellen. "Die Teilnahme am Kalender ist natürlich freiwillig", sagt Robert. Zunächst sollen weitere Aktionen auf die Beine gestellt werden, denn die Resonanz auf die vergangene Veranstaltung überraschte das Team. "Es gibt noch viel Berührungsängste, was das Thema angeht. Aber auch viel Interesse und einen Bedarf nach Austausch", sagt Indra. Sie sei erstaunt gewesen, wie wenig Frauen und Mädchen sich bisher mit ihrem Geschlecht auseinandergesetzt haben. Das Thema ist immer noch schambehaftet, "das liegt auch an dem Begriff der ’weiblichen Scham’, der impliziert, dass Frauen sich für ihr Geschlecht schämen müssen."

Das Kollektiv fand übrigens zusammen, nachdem alle zusammen den Film "Female Pleasures" gesehen hatten – eine Doku, die für die Befreiung der weiblichen Sexualität im 21. Jahrhundert steht. Und ein Film, der zeigt, das Aufklärung auch in unserer modernen Gesellschaft noch nötig ist.
  • Was: Vulvaversity-Aktion
  • Wann: Sonntag, 21. Juli, 10 bis 18 Uhr
  • Wo: Ananda Yoga Zentrum, Poststraße 3, 79098 Freiburg