Vorpremiere im Friedrichsbau: Free Rainer

Alexander Ochs

Free Rainer heißt der neue Film von Hans Weingartner, bekannt für fette Filme mit Anspruch wie Die fetten Jahre sind vorbei. Im Friedrichsbau stellte er gestern sein jüngstes Werk vor. Alex war für fudder mit dabei.



Der Film startet furios. Total zugekoskt, mit einer Pulle Wodka in der Hand, rammt Rainer, gespielt von Moritz Bleibtreu, beim Ausparken einen Polizeiwagen und gibt Vollgas bei seiner Fahrt durch die Stadt. Zu Hardcore-Mucke missachtet der erfolgreiche Fernsehproduzent jede Verkehrsregel und zielt mit seiner Pistole auf andere Autofahrer – Leben auf der Überholspur.


Er ist Formatentwickler für Shows der übelsten Sorte: „Deutschland sucht das Superbaby“ – wessen Sperma am schnellsten sein Ziel erreicht hat, darf die Kandidatin schwängern. Unterschichten-TV, das – auf der Jagd nach Quote – die Leute nur weiter verdummt und sogar über Leichen geht.Bis Rainer von einer jungen Frau mit voller Absicht angefahren wird. Im Delirium sieht er sich, schwer verletzt und blutüberströmt, im Fernsehstudio liegen, und ein total debiles Publikum soll darüber abstimmen, ob er die lebensrettende OP erhält oder nicht...

Und wie das in modernen Märchen so ist, denkt Rainer um – und setzt nun alles daran, die Quote zu sabotieren, um Qualität im TV zum Siegeszug zu verhelfen. Er lässt alles hinter sich und stellt eine Art Guerillatruppe (siehe Bild unten) zusammen. Klasse dabei: Milan Peschel als Sozialphobiker Philipp.



Ihr Plan geht auf: Auf einmal sacken die Quoten fürs Titten- und Dumpf-TV weg, arte und andere Hochkulturkanäle erleben einen kometenhaften Aufstieg, Dokus und Anspruchsvolles sind auf einmal die heißeste TV-Ware. Man spricht vom „Ende des TV-Terrors“ und von einem neuen „geistigen Frühling“...

Mehr sei hier nicht verraten. Der gute Film mit leichten Längen bekam  bei der Vorpremiere gestern im Friedrichsbau viel Beifall.

Regisseur Hans Weingartner (Bild unten, bei den Dreharbeiten mit Moritz Bleibtreu) kam ganz locker im Kapuzensweater und nahm kein Blatt vor den Mund. Weingartner gab freimütig seine Schwäche für Verschwörungstheorien und Revoluzzertum zu, „als alter Hausbesetzer...“, wie er meinte. Ausdauernd und ausführlich beantwortete er Dutzende von Fragen aus dem Publikum.



Ob er denn glaube, dass die Welt besser und die Leute schlauer würden, wenn das Fernsehprogramm niveauvoller wäre? „Davon bin ich fest überzeugt“, meinte der sympathische Österreicher.

Ihm geht das Denken nach Quoten mächtig auf den Senkel, das spürte man. Zugleich ist er indirekt auch davon abhängig: Gehen kaum Zuschauer in seinen Film, dürfte er es schwer haben, ein neues Filmprojekt in Angriff zu nehmen. Und hätte er mit "Die fetten Jahre sind vorbei" nicht gleich so viele Preise abgeräumt und so viele Zuschauer ins Kino gelockt, so hätte er gar nicht erst die Freiheit gehabt, einen Film unabhängig von Fernsehsendern zu drehen. Ein Sender traute sich trotz der heiklen Problematik mit ins Boot, und zwar der ORF, erläuterte Weingartner.



„Es hat wahnsinnig Spaß gemacht, in ein Studio zu gehen und dort alles [die Show-Parodie „Deutschland sucht das Superbaby“] so zu drehen, dass es möglichst schlecht wird“, meinte der Regisseur genüsslich.

Besonders haarsträubend findet er, dass auch die Öffentlich-Rechtlichen sich dem „Flachniveau“ der Privaten angeglichen haben. So gibt es seit 2001 in der ARD, so Weingartner, eine interne Richtlinie, nichts Sozialkritisches nach 20 Uhr zu senden – „die Leute wollen ja abspannen“. Schnitt.

Einen Abspann nach dem langen Mal-Mono-mal-Dialog mit dem Regisseur gab es nicht. Zumal der arme Kerl noch nach Mitternacht Interviews über sich ergehen lassen musste. Wohlwollende Zuschauerkommentare schienen ihn aber zum glücklichsten Menschen auf Erden zu machen: „Ich sag’s halt immer: Ich liebe Freiburg“, strahlte er glückselig im Caféhaus.

Mehr dazu:

  • Filmstart: 15. November 2007
  • Hans Weingartner: imdb



Trailer: Free Rainer