Vornehme Schweizer Zurückhaltung: Ein Interview mit DJ David Keno

Bernhard Amelung

Gerade war David Keno, bürgerlich Daniel Andersson, noch auf Tour in Australien und Neuseeland. An diesem Samstag legt er zusammen mit Acoma und Oxalis im Drifter's Club auf. Bernhard Amelung hat mit ihm übers Auflegen, Jetlags und Entspannen gesprochen.



David Keno heißt eigentlich Daniel Andersson. Wie ich ist er in der Schweizer Stadt Bern geboren und aufgewachsen. Ein gemeinsamer Anknüpfungspunkt. Vielleicht sind wir uns bei unseren ersten Erfahrungen im Nachtleben sogar begegnet, haben in denselben Kellerlöchern Afterhour gefeiert.


Daniel, du bist in Bern aufgewachsen. Wo hast du zum ersten Mal zu elektronischer Musik gefeiert?

Daniel: In Bern gar nicht. Mit acht Jahren sind wir nach Frankfurt gezogen. Dort haben mich meine Freunde zum ersten Mal in Clubs mitgenommen. Die Szene in Bern kenne ich deshalb nicht wirklich.

Na toll. Bereits so früh hat mich mein Gesprächspartner aus dem Konzept gebracht. Ich hätte mich gerne mit ihm über Orte wie die Reitschule, das Wasserwerk, den Gaskessel, und so weiter unterhalten. Am Dienstag ist Daniel aus Australien zurückgekehrt.

Wie geht's mit dem Jetlag?

Ich bin mittags gelandet. Zum Glück habe ich kräftemäßig bis zum Abend durchgehalten. Wenn ich gleich wieder richtig in den sonst gewohnten Rhythmus reinkomme, verarbeite ich die Zeitumstellung eigentlich gut. Heute bin ich um sechs Uhr aufgestanden. Das ist eigentlich ungewöhnlich für mich. Aber ich merke es nicht so richtig.

War das dein erster Trip nach Australien?

Ich habe fast die gleiche Tour gespielt wie im vergangenen Jahr. Ich war in Perth, Sydney und in Melbourne. Das war nun schon das dritte Mal, dass ich in Australien war.

Ein Jetsetleben wie ein Rockstar.

Ganz so glamourös ist das alles nicht. Auf der einen Seite finde ich es toll, dass ich wegen meiner Musik in andere Länder gebucht werde und sogar auf anderen Kontinenten spielen kann. Auf der anderen Seite finde ich es paradox, wegen ein paar Tracks, die man produziert, zum Auflegen eingeladen zu werden. Die Leute lieben meine Stücke, wissen aber nicht, wie ich im Club auflege. Aber sie freuen sich, die Person, die hinter den Veröffentlichungen steht, kennen zu lernen und auflegen zu hören. Es ist schön, so ein Feedback zu bekommen.

Daniel erzählt das ganz unaufgeregt. Diese vornehme Schweizer Zurückhaltung.

Was war denn das Abgefahrenste, das du auf dieser Tour erlebt hast?

 
Das Abgefahrenste?

Jetzt muss er lachen. Ich stelle mir vor, dass in seinem Kopf gerade hunderte Sequenzen ablaufen mit Dingen, die er in Australien und Neuseeland erlebt hat. Liebevoll-verdrogte Afterhour im Outback, rauschende Rooftop-Partys, irgendsowas.

Also, ich habe am Samstag in Melbourne aufgelegt und hatte am Sonntag frei. Die Locals haben mir die Stadt gezeigt, und das Ganze ist dann ein wenig eskaliert. Wir haben etwas getrunken und sind in den nächsten Club gegangen. Die Jungs meinten, ich solle unbedingt den Resident-DJ kennen lernen und mit ihm spontan die Afterhour spielen. Da war es sieben Uhr morgens. Ich habe zugesagt, wir haben zusammen aufgelegt, der Club ist explodiert. Das war einer der besten Gigs auf meiner Tour.

Planen kann man so etwas nicht. Bist du ein spontaner Mensch?

Ja. Auf jeden Fall. Aber ich plane auch ganz gerne. Ich kann schon relativ seriös sein, wenn es sein muss.

Zum Beispiel als Produzent und Labelbetreiber. Mit deinem ersten Release bist du 2005 an die Öffentlichkeit getreten. 2007 kam dann das Label. Hattest du damals so etwas wie einen Businessplan?

Nein. Überhaupt nicht. Alles, was ich machen wollte, war Musik machen. Deshalb hat das bei mir mit den ersten Veröffentlichungen, Remix-Anfragen und Auswärtsgigs auch etwas länger gedauert. Aber ich bin auch ganz froh darum. Andere, die einen kurzen, heftigen Erfolg hatten, sind wieder weg. Ich denke, ich bin auf einem ganz guten Niveau angekommen. Da möchte ich gerne noch ein paar Jährchen weitermachen.

In den letzten Jahren hat sich um Discjockeys regelrecht ein Hype entwickelt. Wie gehst du damit um?

Ach, eigentlich ist das doch alles ganz entspannt. Es ist ja nicht so, dass ich ständig erkannt werde. Trotz allem sind wir ja keine Rockstars. Manchmal kommen die Leute im Club auf mich zu, sprechen mich an und wollen über meine Releases sprechen. Da bin ich aber richtig schlecht drin. Ich werde ab und zu auch ausgelacht, weil ich meine eigenen Stücke nicht mehr erkenne.

Deine Veröffentlichungsliste ist ja auch sehr lang. Kannst du dich noch an dein erstes Release erinnern?

Das erste Release steht überhaupt nicht in meiner Diskographie. Das habe ich noch unter einem anderen Namen veröffentlicht. Damals war ich noch etwas poppiger unterwegs. Ich habe Elektropop produziert und die Vocals selber eingesungen. Dadurch kamen auch Live-Auftritte zustande. Ich will das aber nicht an die große Glocke hängen.

Das Projekt, unter dem Daniel zu Anfang der Nullerjahre Musik gemacht hat, hieß Vernis. Die vielleicht bekannteste Platte trägt den Titel "Bubble Bath". Als Remixer an Bord: Der Däne Anders Trentemøller. Der war schon 2004 eine große Nummer. Da ist wie wieder. Diese vornehme Schweizer Zurückhaltung.

Vernis - Bubble Bath (Trentemöller Remix)

Quelle: YouTube


Warum nicht? Live-Acts liegen doch im Trend, genauso wie elektronisch-poppige Sounds.

Ich schließe nicht völlig aus, dass ich mich musikalisch weiter entwickeln werde. Ich kann mir auch vorstellen, mit einem anderen Projekt etwas Poppiges zu machen. Ich kann ja inzwischen auch viel besser produzieren und Musik machen als noch vor elf, zwölf Jahren. Ursprünglich komme ich auch aus der Pop-Ecke. Ich mag die Musik der Achtziger Jahre, Indierock, Indiepop und Bands. Deshalb sind in meinen Clubtracks auch mal Gesang und Melodien dabei.

Produzent, Discjockey, Labelbetreiber, vielleicht bald Live-Act. Wie bekommt man diese vielen Jobs auf die Reihe?

Das geht eigentlich ganz gut. Solange man sich unter der Woche zusammenreißt und sich um das Geschäftliche und die Studioarbeit kümmert, passt das. Ich lege auch nicht fünf Mal pro Woche auf.

Und wie entspannt ein Daniel Andersson?

Nach einem Wochenende Auflegen nehme ich mir einen Tag frei. Den verbringe ich auf der Couch und mit meiner Familie. Das ist wichtig. Anderenfalls kommt man an einen Punkt, an dem Körper und Geist rebellieren. Man ist so vielen Einflüssen und Reizen ausgesetzt. Wenn man da nicht abschaltet, überdreht man. Ich kenne einige Kollegen, die sich diesen Tag nicht gönnen, die immer weiter machen. Die sind oft nahe an einem Burnout dran. Das möchte ich nicht.

Hast du einen Lieblingsort, an dem du besonders gut runterkommen kannst?

Das sind mein Zuhause und der Treptower Park. Ich wohne da ganz in der Nähe. Da sind Wasser und Wald, da komme ich gut runter. Ich bin schon sehr naturverbunden.

David Keno @ Kater Blau (November 2015)

Quelle: YouTube


Mehr dazu:

Was: P.U.R.E. w/ David Keno, Acoma, Oxalis
Wann: Samstag, 12. Dezember 2015, 23 Uhr
Wo: Drifter's Club

[Foto: David Keno/Promo]