(Vor-)Lesenacht zwischen Vorher und Nachher

Dirk Philippi

“Vorher wird nachher sein und danach wird das Vorher zum Nachher” mystifizierte Francesco Wilking zu Beginn seines ersten Wortbeitrags auf der 4. ZMF-Lesenacht am vergangenen Montag.Dirk hat keine Ahnung, was der erkältete Kopf damit sagen wollte, setzt nach einem durchwachsenen Abend allerdings auf die Hoffnung, dass er Recht behalten wird! Eine Lesenacht zu veranstalten ist an sich eine wunderschöne Idee, auch wenn sie als Pädagogen-Instrument für phantasieträge Fünftklässler neuerdings einen etwas zwanghaften Ruf genießt. Früher noch waren Lesenächte geprägt von missachteten Zubettgehzeiten, knuddligen Bettdecken, einer Taschenlampe und dem Buch, das einen fesselte und besser war als jeder so verpasste Traum. Taschenlampen brauchte im ausverkauften Saunazelt des ZMF allerdings niemand, zumal eine Mond geschwängerte Nacht für ein reizvoll erleuchtetes Drumherum sorgte und ohnehin als Vorlesenacht gedacht war, was bislang dreimal für zufriedene Gesichter sorgte: Junge, begabte Geschichtenerzähler, die auf die Bett- bzw. Zeltkante gekommen sind, um eine gute Nacht zu verworten und Lieder zu singen, die vom Leben auf dieser Welt handeln. Das alles klappte beim vierten Versuch nicht so recht wie es sollte und das lag nicht an den Hausherren und geistigen Schöpfern des Abends. Moderator Jess Jochimsen (oben), Oliver Genzow (links) und der einzigartige Francesco Wilking, allesamt Väter der vor kurzem abgesetzten SWAMP-Poetry, griffen ? wie es sein sollte und wie es so wunderbar spannend ist ? mitten hinein in ihr Leben und erzählten vom Sommerloch und Identitätern, von Lebensweisheiten beim Friseurbesuch und Socken in Sandalen, von Katzen unter heißen Blechdächern und vom Badewannen-Fön-Schaumball mit einem Fremden im Unterhemd. Authentisch das alles und genauso fesselnd wie gewitzt und unmittelbar. Im Nachhinein hatte sich mancher mehr Texte von den Drei Männern, die sie Vorleser nannten, gewünscht, als die überwiegend karnevaleske Büttenlyrik eines Michael Schönen (rechts) aus Köln oder die überraschend platten Selbstdarstellungen des einen von Drei Männern, die sie Pferd nannten, Thomas C. Breuer aus Heidelberg. Während man bei genauem Hinhören bei Schönen noch manch wirklich präzisen erhardtschen Wortwitz heraushören konnte, enttäuschte Breuer, der vermeintliche Star des Abends mit einem langatmigen und in dieser Art schon viele Male gehörten italienischen Reisebericht sowie einer dieser versteckt jammernden Hilfe-Mein-Verleger-Will-Mich-Manipulieren-Texte. Im Italy-Hemd angetreten und nicht frei von einem selbstverliebten Ausdruck konnte der italophile “Weltmeister” (O-Ton Jochimsen) die hohen Erwartungen an einen großartigen Autor, der Breuer unumstritten ist, wohl auch aufgrund der bescheidenen Textauswahl nicht erfüllen. In einem weitestgehend themenfreien Abend sorgten dagegen die musikalischen Beiträge von Sascha Bendiks, dem Bryan Adams unter den Bernd Begemanns dieses Landes, Jess Jochimsen, dem gewohnt professionellen und dennoch lässigem Anker der Nacht, und Franceso Wilking (rechts), der erkältet noch nöliger klingt und im nächsten Jahr mit TELEdefinitiv Karriere machen wird, für die Highlights im Spiegelzelt. “Vorher wird nachher sein und danach wird das Vorher zum Nachher” ? in diesem Sinne bleibt zu hoffen, dass sich die Freiburger Erzählkünstler die Sache mit der SWAMP-Poetry nochmals überlegen, waren sie es doch, die den Besuchern eine gute Nacht bescherten und Jess´ Überzeugung den Menschen so unmittelbar nahe bringen können: “Lesen und Schreiben ist billiger Sex, Vorlesen und Zuhören aber ist Liebe!”