Vor 900 Jahren: Freiburgs vorbildliches Bleiberecht

David Harnasch

Unter den Pseudonymen "Statler und Waldorf" kommentieren zwei Wirtschaftswissenschaftler auf ihrem populären (über 3.000 Besucher täglich) Blog das Zeitgeschehen und interessante Fundstücke. Die Stadt Freiburg verfügte demnach offenbar schon im Jahr 1120 über ein vorbildliches Einwanderungsrecht:

"Auch darf jeder, der an diesen Ort kommt, hier frei wohnen, wenn er nicht jemandes Knecht ist und den Namen des Herrn zugibt. Dann kann der Herr den Knecht in der Stadt belassen oder nach Wunsch wegführen. Wenn aber der Knecht den Herrn verleugnet, soll der Herr mit sieben Nächstverwandten vor dem Herzog beschwören, daß es sein Knecht ist; dann kann er ihn haben. Wenn einer aber über Jahr und Tag ohne solche Hemmung geblieben ist, soll er sich fortan sicherer Freiheit erfreuen."

Das ist ein Auszug aus dem Stadtrecht aus dem Jahre 1120. Entscheidend ist der letzte Satz.

Im modernen Deutschland schiebt man ja auch gerne mal Menschen ab, die beispielsweise vor Jahrzehnten als Asylanten kamen und bei denen nun, aufgrund einer glücklichen Fügung im Heimatland, der ursprüngliche Asylgrund wegfällt. Also Leute, die zu ihrer Heimat kaum noch eine Verbindung haben, die vielleicht sogar als kleine Kinder mit ihren Eltern herkamen und das Heimatland nur noch aus Erzählungen kennen.

In Freiburg, im Jahre 1120, war das anders: Wer ein Jahr ohne Schwierigkeiten in der Stadt lebte, hatte ein Bleiberecht. Es scheint so, als sei die Regelung aus dem Jahre 1120 nicht nur menschlicher, sondern auch vernünftiger. Jedenfalls wenn wir den gesunden Menschenverstand und nicht bürokratische Perfektion als Maßstab nehmen.

Noch etwas ist bemerkenswert: Das Bleiberecht behielt man in Freiburg auch, wenn man die Autoritäten über seine Herkunft belogen hatte. Wer seinen Status als Knecht verschwieg, kam trotzdem in den Genuß der Freiheit des Stadtlebens, wenn er nur dieses eine Jahr am Anfang durchhielt.

Während Deutschland "ausstirbt" ist Freiburg eine der wenigen Städte, die ein permanentes Bevölkerungswachstum verzeichnet. Vielleicht wäre mehr Konkurrenz der Städte um Immigranten sowohl für deren Bewohner als auch für potenzielle Einwanderer wünschenswert.