Der Sonntag

SC Freiburg

Vor 25 Jahren stieg der SC Freiburg zum ersten Mal auf

Otto Schnekenburger

Als plötzlich ganz anders gekickt wurde: Vor 25 Jahren stieg der SC Freiburg erstmals in die Erste Liga auf. Die Saat des Fußballmärchens trägt noch bis heute ihre Früchte.

Der Moment, als ein Traum Wirklichkeit wurde, war vergleichsweise profan. "Ich habe mir damals in Löffingen ein Weizenbier gegönnt und selbst das habe ich mir noch überlegt", erinnert sich SC-Spieler Martin Braun. Volker Finke köpfte in Hamburg mit seiner Frau eine Flasche Wein, "die auch so aufgemacht worden wäre". Aus dem Fernseher entnahmen die dafür Verantwortlichen den bis dato größten Erfolg der Geschichte des SC Freiburg.


Am 16. Mai 1993, einem Sonntag, stieg der SC Freiburg das erste Mal in die Bundesliga auf. Niederlagen der Verfolger machten perfekt, was in Freiburg zwei Jahre zuvor als ein Ding der Unmöglichkeit abgetan worden wäre. Aber woran zugleich bereits Wochen zuvor niemand mehr gezweifelt hatte. Zu eindeutig waren die Freiburger der Ligakonkurrenz überlegen. Am Schluss hatten sie fünf Punkte Vorsprung vor dem Zweiten Duisburg. Und zehn auf den ersten Nichtaufstiegsplatz.

Duisburg, zwei Jahre zuvor. Das erste Treffen zwischen SC-Verantwortlichen und Finke, das der Trainer heute noch lebhaft vor Augen hat: "Ich schlug, nachdem ich meine Vorstellungen bei einer Verpflichtung geäußert hatte, vor, dass ich spazieren gehe, um sie beraten zu lassen. Noch bevor ich in der Tür war, ist mir SC-Präsident Achim Stocker mit den Worten ,Nein, nein, bleiben Sie gleich hier’, hinterhergelaufen." Die Zusammenarbeit stand. "Fixiert wurde sie recht unkonventionell und ohne Nennung von Geldsummen auf einer Papierserviette."

Anbruch einer neuen Zeit

Es gibt eine Vorgeschichte des Treffens. Einen 1:0-Heimsieg Freiburgs gegen den von Finke trainierten TSV Havelse. Die Gäste spielten den weit besseren Fußball. Stocker verwickelte nach dem Spiel Finke in ein Gespräch. Er bekam von Finke, der "gar nicht wusste, wer der Mann war", gesagt, wie unterirdisch schlecht sein Freiburg gespielt hätte. Stocker hat das gefallen. Sein Interesse am Mann, der den "Dorfverein" Havelse in die Zweite Liga geführt hatte, war geweckt.

Damit endete die Zeit, in der Achim Stocker seine Spieler auf den "Dorfplätzen" der Region castete und den Vereinen abschwätzte. Martin Braun und Ralf Kohl gehörten zu seinen letzten Entdeckungen. In der er für seinen SC betteln ging. Und in der Stocker praktisch jedes Jahr einen Trainer feuerte.

"Das Training hatte eine ungemeine Intensität, Finke achtete sehr auf Details, auch auf die Lebensgestaltung und die Ernährung" Martin Braun
Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon ist einer, der die Zeit "vor Finke" aus eigener Anschauung kennt. Seit 1984, erst als Student und später als Doktorand in Freiburg, stand Salomon bei Heimspielen auf der Gegengerade. Beziehungsweise saß. "Da bei vielen Spielen so wenig los war, wurde die Gegengerade zum Sitzplatzbereich umfunktioniert, es gab auch ,Hinsitzen!’-Rufe. Fünf vor halb vier konnte man sich an der Wurstbude dort verabreden, um das Spiel schauen."

Mit Finke, präziser mit dem ungleichen Duo Finke/Stocker, brach eine neue Zeitrechnung an. Das spürten die Spieler: "Das Training hatte eine ungemeine Intensität, Finke achtete sehr auf Details, auch auf die Lebensgestaltung und die Ernährung", erinnert sich Martin Braun.

Der Schar der Fans, die sich in dieser Zeit vervielfachte, blieb das ebenfalls nicht verborgen: "Dann haben sie auf einmal ganz anders gekickt. Angriffsfußball, 102 Tore in einer Saison, das Kurzpassspiel, die Athletik, es war eine andere Dynamik da, ich war begeistert. Sehr Avantgarde war das", schwärmt Salomon. Schon im ersten Finke-Jahr, der Spielzeit 1991/92, schaffte der SC als Tabellenführer einer für eine Jahr zweigleisigen Zweiten Liga die Qualifikation für eine Meisterrunde, verpasste am Ende als Dritter den Aufstieg.

Zum Ball verschieben

Warum wurde plötzlich so ein heißer Ball gespielt? Ein anderes Spielsystem sorgte dafür, dass an der Dreisam Aristoteles’ "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile" Wirklichkeit wurde. So beschreibt Volker Finke 25 Jahre später seine Spielidee: "In der Verteidigung war es ein Dreierblock, in welchem mir wichtig war, dass ihm ein richtig starker Mann in der Spieleröffnung angehörte, der vor und hinter den beiden Innenverteidigern spielte. Der gelernte Zehner Maximilian Heidenreich erwies sich als Eröffner unseres Kombinationsfußballs dabei als ausgesprochen geeignet. Dann zwei Außenbahnen, die hohe Laufarbeit zu verrichten und von hinten bis vorne ihre Seiten zu beackern hatten, Spieler wie Martin Braun, Ralf Kohl, Paul Caligiuri, René Linderer oder Michael Pfahler standen hierfür.

Drei Mittelfeldspieler, die keine festen Positionen hatten, in der Abwehrarbeit zum Ball hin verschieben mussten und von denen bei eigenem Ballbesitz nach vorne je nach Spielsituation jeweils einer Richtung Grundlinie sollte, einer in den Sechzehner und einer als Anspielpunkt oder Absicherung im Mittelfeld hängen blieb. Und ganz vorne eine zentrale Spitze wie Uwe Spieß und einen ,um ihn herum’ agierenden zweiten Stürmer wie Andree Fincke oder später Altin Rraklli."

Inspiration aus dem Ausland

Voraussetzung für dieses Spielsystem war, viel zu laufen. Dafür stand Assistenztrainer Achim Sarstedt. "Ausdauer wurde sehr viel und wissenschaftlich fundiert trainiert", sagt Braun. "Mit den Laktatwerten, die die Spieler hatten, würden sie noch heute im Spitzenfeld der Liga stehen." Havelse war für Finke Experimentierfeld gewesen. "Hier habe ich über Jahre entwickelt, was ich auf Freiburg übertrug." Wobei Finke Inspirationen aus dem Ausland erhielt und von einem spieltaktischen Hinterherhinken des deutschen Fußballs in den 90er Jahren profitierte. "Die Bundesliga hat von den großen Ligen mit am längsten an einem Libero, an der Manndeckung, an einer Vielzahl von langen Bällen festgehalten", sagt er. Das hat auch Dieter Salomon so erlebt: "Der deutsche Fußball war in den 90er Jahren eine Katastrophe, die logische Folge war das Abschneiden bei der EM 2000."

Vielleicht machten auch Lockerheit und Understatement die Sache einfacher. Als Ausflug wurde das erste Erstligajahr in der Fanszene betrachtet, wo die meisten dachten, dass nach einem Jahr sowieso wieder abgestiegen wird. Manche Begleiterscheinungen des Aufstiegs, wie Sicherheitsvorkehrungen oder das Auftauchen von "Erfolgsfans", wurden in der Anhängerschaft eher kritisch beäugt.

Finke verspürte erst einmal auch keinen Druck: "Mein Ziel blieb es in den ersten Jahren stets, in den Schuldienst zurückzukehren. Nicht auf den Job angewiesen zu sein, gab mir Sicherheit. Trainer arbeiten immer dann gut, wenn sie den Rücken frei haben. Spieler wiederum merken genau, ob ihr Trainer bei den Personalfragen in seinen Entscheidungen frei ist oder ob er Vorständen oder Geldgebern gerecht werden muss."

Finkes Vision und Stockers Bodenständigkeit

Eine Zutat des Erfolgs war das Zusammenspiel der antagonistischen Charaktere Stocker und Finke. "Sie waren beide wichtig", meint Martin Braun. "Die Vision von Finke auf der einen Seite, die bodenständige Art Stockers, der Risiken stets zu minimieren suchte, auf der anderen."

Wie sich dieses Zusammenspiel oft gestaltete, daran erinnert eine Anekdote von Dieter Salomon: "Ich war mal bei einer Feier bei Stocker daheim, bei der auch Finke war. Sie haben sich den ganzen Abend nur angebrüllt. Es war großes Kino für alle Anwesenden. Hinterher fragten die beiden, was denn los sei, sie hätten sich doch nur über Fußball unterhalten." Und als der Grüne Salomon, damals Mitglied des Landtages, ob des unerwarteten Erfolges den Antrag stellte, dass der Verein eine Flutlichtanlage brauchte, erhielt er vom mitunter aufbrausenden, aber stets herzlich-unkonventionellen Stocker, mit dem ihn später eine tiefe Freundschaft verband, eine Antwort, die er auch nicht erwartet hätte: "Also von den Grünen halte ich gar nichts, aber diesem Salomon würde ich für den Vorschlag eine Dauerkarte auf Lebenszeit geben."

Mit jedem Bundesligajahr trieb Finke eine Umstrukturierung der Vereinsstruktur voran. Das Prinzip war immer gleich: Finke forderte, der Stocker verweigerte es ihm, Finke forderte weiter, irgendwann hatte Stocker Einsicht in Notwendigkeit.

"Also von den Grünen halte ich gar nichts, aber diesem Salomon würde ich für den Vorschlag eine Dauerkarte auf Lebenszeit geben." Achim Stocker
Dass Stockers Vertrauen wuchs, hängt mit den – positiv formuliert – "familiären Strukturen" des SC anno 1991 zusammen. "Die Geschäftsstelle gleicht einer verlotterten Hinterhoffirma, die plötzlich zu viele Aufträge hat und zu wenig Personal", schrieb der Autor und spätere taz -Chef Arno Luik in einer Reportage für Tempo . Sie ist in Dietrich zur Neddens Sammelband "Das Freiburg-Fieber" zu lesen, der in Kürze wiederaufgelegt und bei einer Gesprächsrunde im Freiburger Vorderhaus (siehe unten) vorgestellt wird. "Was die Kabinen betrifft, da war ich vom Verbandsligisten Donaueschingen Besseres gewohnt", erzählt Braun. Buchautor zur Nedden wurde unter Finke der erste "Pressesprecher" des Vereins. "Eigentlich war ich ein Mädchen für alles", schreibt zur Nedden. "Wie damals alle beim SC ein Mädchen für alles waren."

Es sollten für den SC, der Veranstaltungen zum Jubiläum vor der neuen Saison plant, viele Jahre Jahre Erste und ein paar weniger Jahre Zweite Liga werden. Sowie mehrere Europapokal-Teilnahmen. In dieser Zeit verbesserte sich die gesellschaftliche Bedeutung der Sportart Fußball in Freiburg enorm. Finke, der mehrfach Anfragen großer Vereine ablehnte, blieb 16 Jahre, die Nichtverlängerung seines Vertrages zum Sommer 2007 und ihre Folgeerscheinungen rissen in Freiburg Wunden, deren Narben bis heute zu erkennen sind. Die Ideen Finkes etablierten sich aber im Vereinsgefüge. Dazu zählten die Betonung der Nachwuchsarbeit mit der Errichtung einer Fußballschule, die Durchlässigkeit von Amateuren und Jugendbereich zu den Profis, das Festhalten am Personal, die Investition in "Steine statt Beine". "Prinzipien sind Teil der SC-DNA geworden, die dem Verein heute noch ein Alleinstellungsmerkmal im Profifußball bescheren", sagt Martin Braun.

"Die Art, mit sportlichen Misserfolgen umzugehen, den Spielern auch persönliche Reife zu vermitteln, das habe ich sonst nirgends so vorgefunden." Auch Dieter Salomon sieht diese Philosophie bewahrt: "Der Verein ist auf dem Teppich geblieben, das neue Stadion etwa sehr solide finanziert. Auch unter dem jetzigen Präsidenten Fritz Keller und dem langjährigen Schatzmeister Henry Breit wurde weitergelebt, was damals entstanden ist." Und auch Finke ist insbesondere vom derzeitigen Dreigestirn Christian Streich, Jochen Saier und Klemens Hartenbach angetan. "Bei ihnen findet sich vieles, was damals entstand, wieder. Und ist weiterentwickelt worden."
Infobox

Wie war das damals?, Eine Gesprächsrunde mit Volker Finke, Andreas Bornemann, Martin Spanring und Dietrich zur Nedden zum Aufstieg des SC Freiburg vor 25 Jahren, Mittwoch, 13. Juni, 20 Uhr Vorderhaus Freiburg