Von Yachten, Brüsten und Gerard Depardieu: Eine Freiburgerin beim Filmfestival in Cannes

Christine Duttlinger

Die Yachten legen wieder ab: Seit Sonntag ist das "Internationale Filmfestival in Cannes" beendet. Neben hunderten Stars und Sternchen war auch die Freiburgerin und Filmstudentin Christine Duttlinger dort. Sie hat 6 Szenen mitgebracht, die zeigen, wie absurd dieses Festival ist:



1. Wer dazugehören will, braucht eine Einladung.

„No entrance without Badge“ seufzt der Sicherheitsmann. Er trägt einen schwarzen Anzug, die Sonne scheint auf seine Stirn und obwohl es irgendwas zwischen 20 und 30 Grad heiß ist, ist seine Haut  trocken wie Vincent Vegans Humor. Das Mädchen schaut jetzt noch trauriger von unten nach oben. Sie beugt sich nach vorne, sodass ihr Dekoletee aufklappt. Man hat Angst, dass ihre Brüste gleich herausfallen - doch das Klebetape hält. Platz für BH und Slip scheint das Minikleid nicht zu lassen. 

Das Anbiedern nützt allerding nichts: Das Internationale Filmfestival in Cannes kann man nur mit Invitation betreten. Fotos dürfen nur von außen gemacht werden, sonst fliegt man wieder.
Festivalpässe bekommen alle Stars, deren Gewichts- und Faltenprobleme man aus der Bunten kennt,  sowie diejenigen, die in den neuen guten und neuen schlechten Blockbustern mitspielen.(Filmfail des Festivals: the Sea of Trees mit Matthew McConaughey) Außerdem sind ein paar junge Filmemacher eingeladen, sowie Presse und irgendwelche wichtigen und halbwichtigen Anzugträger der Filmindustrie. Aber ohne Einladung kommt man nicht rein. Da bleibt der Sicherheitsmann hart wie Christoph Waltz als Soldat Hans Landa.

2. Gerard Depardieu - enfant populaire

Gérard Depardieu gleitet wie ein Oktopus über den roten Teppich: dick und machohaft. Das Grazienhafte von Isabelle Huppert an seiner Seite strahlt leider nur ein bisschen zu ihm herüber. Allerdings sieht er gesünder aus als erwartet: trotz seines angeblichen Konsums von 14 Flaschen Wein am Tag, hat seine Haut eine normale Farbe und das Doppelkinn sieht man dank der gen Himmel gestreckten Nase nur manchmal. Die beiden stellen in Cannes ihren neuen Streifen vor: Valley of Love. Der Film ist ganz okay, aber auf dem roten Teppich herrscht ein Blitzlichtgewitter als hätten sie Titanic neu gedreht.

Der Filmpalast in Cannes wird von Meer und der gegenüberliegenden Hausfassade umklammert. Die Fotografen stehen dicht aneinandergedrängt auf Leitern, auf dem Teppich sammeln sich Stars, Sternchen und Journalisten.



Wer einen Badge hat, muss sich für Premierenkarten online bewerben und beten. Manchmal klappt´s nicht. Um doch noch im gleichen Raum wie Depardieu zu sitzen, betteln Männer und Frauen in Abendgarderobe am Straßenrand nach restlichen Tickets. Immer sichtbar umgehängt: der Festivalpass. Hat man sein Ziel erreicht, muss man eine Stunde vor Anfang des Screenings im Saal sitzen. Auf der Kinoleinwand wird live übertragen wie McConaughey und irgendwelche Chanelkostümchen über den Teppich herein stolzieren.

Cannes scheint dem französischsten aller Franzosen verziehen zu haben, dass dieser jetzt offiziell russischer Staatsbürger ist: Das Saalpublikum klatscht und trötet als Depardieu den Vorführraum betritt. Tout va bien.

3. Die Highclass der Filmindustry und der Pöbel

Die Society in Cannes erinnert an die Gesellschaft von Indien: Hast Du kein Bagde, bist Du außerhalb der Gesellschaftspyramide. Dann bist du der, mit dem niemand fotografiert werden will. Die jungen Kurzfilmmacher haben beispielsweise einen Festivalpass. Sie sind zumindest in der untersten Schublade der Pyramide angekommen, aber noch weit von dem roten Teppich entfernt. Der Short Film Corner ist ein kleiner Bereich im Untergeschoss des Festivals und bis zur VIP Dachterrasse muss man ein paar mehr Einladungen ergattern.



Allerdings lohnt sich schon der der Short Film Corner: die Festivalleitung bietet hier jungen Filmemachern die Möglichkeit ihre Werke zu präsentieren und mit anderen ins Gespräch zu kommen.  
Die SFC Teilnehmer dürfen nur alle Bereiche des Festivals betreten, die keine VIP-Areas sind - gefühlt ist die Verteilung von VIP Areas und Nicht-VIP-Areas 60 zu 40.

Hier können 'Not Important Persons' neben den vielen Ständen der Filmproduktionsfirmen, dem Dokumentarfilmbereich auch die Pavillons besuchen. Fast jedes Land (sogar Aserbaidschan) hat einen kleinen Pavillon am Strand. Hier gibt’s Infos über Filmförderung der einzelnen Regierungen und 0,25l Bier für 4 Euro.

4. Wer hat die Größte?

Cannes ist das Festival der Superlative. Das Festivalzentrum liegt an der Strandpromenade, sodass man nur einen nahen Parkplatz kriegt, wenn man mit der Yacht kommt. Und das wird dann auch gemacht. Sogar Arte.tv war mit dreistöckiger Dekadenz dabei.

Wo auch sonst könnte sich der Fernsender mit der deutschen Kulturministerin darüber unterhalten, was Cannes besser kann als Berlin? Aber eigentlich geht die GEZ nur ihrem Auftrag nach, ein breites Angebot zu bedienen. Wen die Flüchtlingsdramatik von Gewinnerfilm Dheepan nicht interessiert, der kann immerhin noch Yachten gucken. Für den kleineren Geldbeutel, gibt es immerhin noch die Möglichkeit sich beim Autovergleichen das Ego aufzuputschen oder das schönste Kleid auf dem Teppich zu tragen.

5. "Männer zeigen Filme, Frauen ihre Brüste"

Das dunkelhäutige Mädchen klammert sich an den erwachsenen Dheepan. Sie hat Angst. Angst davor in die Schule zu gehen. Er redet leise auf sie ein: Es sei wichtig Französisch zu lernen, sonst werden sie zurückgeschickt.

Der diesjährige Gewinnerfilm zeigt drei Flüchtlinge aus Sri Lanka, die versuchen zwischen Vorstadtsproblematik und Drogenkrieg ein neues Zuhause zu finden. Das Festival wollte politischer werden und mit diesem Gewinnerfilm haben sie das auch geschafft. Der 68. Preis geht nicht an große Blockbuster á la Hunger Games Nummer 28, sondern an die Thematik "Flüchtlingspolitik". Und das ist gut.

Die männliche, politisch interessierte Jury hat fünf große Preise an männliche, politisch interessierte Regisseure vergeben. Weniger gut ist, dass in der ganzen Filmfestivalgeschichte erst eine Frau die Palme für den besten Film nach Hause geholt hat. (Jane Campion im Jahre 1992).

Angela Merkel hat die Hosen in Deutschland an, über das Geld des IWF wacht Christine Lagarde und Hillary Clinton gilt als Topkandidatin für das weiße Haus - doch in der Filmindustrie ist Frauenpower nur eine Floskel für große Brüste. Nun ist das Internationale Filmfestival in Cannes nicht der Motor dieser Männerdynastie, aber dafür ein Spiegel der bestehenden Filmbranche: Fast alle erfolgreichen Regisseure sind männlich und inszenieren viel zu dünne Frauen und Frauen, die nicht altern. Allerdings steuert das Festival kaum dagegen an. Wer ausführliche Kritik am Patriarchat des Filmbusiness sehen mag, sollte Isabell Subas Film „Männer zeigen Filme und Frauen ihre Brüste“ schauen.



Auch auf dem Festival tummeln sich viele Frauen - und sie bestätigen das Bild, dass man bereits hat. Es sind Frauen, die sich in sexy Kleidern vor den Eingängen fotografieren lassen. Frauen, die generell vor den Eingängen herumlungern und darauf warten, von Richard Gere entdeckt zu werden. Frauen, die um jeden Preis auf sich aufmerksam machen wollen.

6. Likör am Mittag

Aber Cannes ist auch ohne Filmfestival wie Baden Baden auf Koks: In den kleinen Gassen reihen sich Kaffees an Restaurants, eines teurer als das andere. Zum Glück gibt es die supergünstigen Mittagsmenüs für 30 Euro. Das wirklich Tolle an diesen Menüs: Als Getränk wählt man zwischen Kaffee oder Likör, alkoholfreie Getränke sind keine Option. Diesen Likör gibt's stillvoll in der Teetasse, damit der vorbeischlendernde Tourist den Mittagsalkoholismus nicht bemerkt. Trotz des vielen Geldausgebens haben die immerscheinende Sonne, das Meer und die stilvolle Mentalität der Franzosen Charme. Mit und ohne Filmfestival.

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Fotogalerie: Moritz Schulz

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