Von wegen mittelalterlich: Mittelalter- und Renaissance-Studien im Studiengangcheck bei fudder

Lea von Berg & Laura Hagen

Jeder Jurist ist ein Schnösel, jede Psychologie-Studentin hat einen Knacks: Vorurteile über Studierende gibt es viele. fudder erklärt, womit sich Freiburger Studiengänge wirklich beschäftigen und was an den Klischees dran ist. Heute: Mittelalter- und Renaissance-Studien.

Worum geht’s?

Ganz einfach: um alles, was mit Mittelalter und/oder Renaissance zu tun hat! An dem interdisziplinären Master-Studiengang Mittelalter- und Renaissance-Studien (Mars) sind insgesamt neun verschiedene Institute beteiligt. Studierende wählen sich einen fachlichen Schwerpunkt, den man mit Seminaren und Vorlesungen aus anderen Bereichen ergänzt. Einige Veranstaltungen werden vom Freiburger Mittelalterzentrum organisiert und sind von vornherein fächerübergreifend ausgerichtet. Die Zusammenstellung von Mittelalter und Renaissance mag dabei auf den ersten Blick befremdlich erscheinen, weil in der allgemeinen Wahrnehmung zwischen diesen Epochen ein enormer Einschnitt liegt – bei näherer Betrachtung ist diese Grenzziehung allerdings ziemlicher Humbug. Deswegen verbindet alle Studierende, egal welcher Fachrichtung sie angehören, die Lust am Hinterfragen etablierter Denkmuster und der Wille, über den Tellerrand der eigenen Disziplin zu schauen.

Gender-Check

In den Studiengang sind aktuell doppelt so viele weibliche wie männliche Studierende eingeschrieben. Interessant ist, dass praktisch nur Geschichte und Germanistik als Schwerpunktbereiche gewählt werden.

Ein Vorurteil, das völlig erfunden ist

Die Annahme, dass man in der Germanistik nur Literatur liest und interpretiert sowie die Vorstellung, dass es in der Geschichtswissenschaft in erster Linie um das Auswendiglernen von Daten geht, sind falsch. In beiden Fächern dreht sich das Studium darum, unterschiedliche Fragestellungen zu entwickeln, sich notwendige Methoden anzueignen um diese zu bearbeiten und die Methoden sinnvoll anzuwenden. All diese Fähigkeiten dienen vor allem dazu, sich mit alten Texten kritisch auseinanderzusetzen. Hinzu kommt ein sehr praxisbezogener Bereich, nämlich die Edition, also die Aufbereitung eines etwa in Handschriften überlieferten Textes für den Abdruck in einer Buchausgabe.

Ein Vorurteil, an dem was dran ist

Vermutlich kommt man gar nicht auf den Gedanken, sich näher mit einer Zeit zu beschäftigen, bei deren Erforschung es noch viel selber zu entdecken gibt, wenn man nicht eine gewisse Schwäche für altes Papier und abgegriffenes Pergament, nicht mehr gebräuchliche Schriftarten und Themen wie Konzilsgeschichte oder deutsche Mystik hat. Von außen betrachtet erscheint das vielleicht teils etwas kauzig.



Der beliebteste Spruch

Man könnte nun alle existenten Vorurteile über das Mittelalter auflisten, aber dafür fehlt der Platz. Jedenfalls ist wohl jeder von uns schon mehr als einmal fast die Wände hochgegangen, als er zum hunderttausendsten Mal gehört hat, dass man im Mittelalter doch dachte, die Erde sei eine Scheibe oder damals täglich aus Überzeugung oder zur Volksbelustigung zwei bis drei Hexen verbrannt wurde und ohnehin seien alle körperfeindlich und humorlos gewesen. Nein!

Warum man Mittelalter- und Renaissance-Studien studieren sollte

Weil es extrem abwechslungsreich ist: Man kann sich mit dem kompletten Spektrum der Geisteswissenschaften befassen, solange man sich dabei innerhalb der Epochengrenzen von Mittelalter und Renaissance bewegt, und lernt damit verschiedenste Perspektiven kennen. Außerdem gibt es im Rahmen des European Campus eine Kooperation mit den entsprechenden Masterstudiengängen in Strasbourg und Basel und ein großes Angebot an Exkursionen, womit auch praktische Studieninhalte nicht zu kurz kommen. Wo sonst hat man schon die Möglichkeit, selber Pergament herzustellen? Die Befürchtung, dass einem dieses Studium auf dem Arbeitsmarkt nichts bringt, ist unberechtigt: Der Studiengang bereitet nicht nur auf eine akademische Laufbahn vor, sondern auch jeder, der später "irgendwas mit Kultur" machen möchte, ist hier gut aufgehoben, da eine Arbeit im Museum, in Bibliotheken oder Archiven denkbar ist. Ein Praktikum im Wahlpflichtbereich macht ein erstes Reinschnuppern bei potentiellen Arbeitgebern möglich.



Das nervt

Um die Prüfungsordnung zu verstehen, wäre ein zusätzlicher Studiengang nötig. Im Prinzip ist alles möglich, man kann teilweise sogar mit den Dozierenden verhandeln, welche Leistung man erbringen und wie viele ECTS-Punkte man dafür erhalten möchte. Aber wehe, man übersieht etwas, vertut sich oder vergisst, eine Prüfung anzumelden. Das alles kann auch vorbildlichen Studierenden passieren, da jedes Institut seine eigenen Spezialitäten hat.

Die Vernetzung zwischen den einzelnen Instituten ist generell noch ausbaufähig. Bei der Zusammenarbeit von Germanistik, Geschichte, Anglistik und Mittellateinischer Philologie tut sich schon einiges, während andere Fachrichtungen etwas untergehen.

Familienfreundlichkeit ist bei diesem Studiengang nur sehr eingeschränkt gegeben. Es bedarf entweder eines guten Netzwerkes an Helfern, die einem in den Stunden außerhalb des Kita-Betreuungszeitraums unterstützen, oder man muss hohe Kinderbetreuungskosten hinnehmen.

Was Mars-Studierende in der Vorlesung machen

Wenn wir mal das Beispiel der Ringvorlesung nehmen, schreiben sie entweder panisch am Laptop mit, da es sich um den vorletzten Vortrag des Semesters handelt und noch zwei Essays eingereicht sein wollen, hören entspannt zu, weil sie bereits alle Studienleistungen erbracht haben, oder sind nach zehn Minuten frustriert, weil sie dachten, das Thema sei spannend und sie seien darauf vorbereitet, sich der Vortragstitel aber gerade als absolut irreführend erwiesen hat. In diesem letzten Fall lässt sich die Zeit wunderbar dazu nutzen, Texte für Seminare vorzubereiten oder einen Essay zur vergangenen Sitzung zu schreiben.

Wo Mars-Studierende anzutreffen sind

Auf jeden Fall in der Ringvorlesung des Mittelalterzentrums mittwochabends, beim wöchentlichen Stammtisch in der Mensa und ansonsten überwiegend in KG III und IV.

Work-Life-Balance

Wie bei fast allen Studiengängen kann man sich mit dem nötigen Minimalaufwand durchs Studium schlängeln. Wie groß dieser Aufwand dann tatsächlich ist, hängt stark davon ab, was für Veranstaltungen man sich aussucht und wie man sich an ihnen beteiligen will. Seminare leben von Diskussionen und wenn diese nicht zustande kommen, weil niemand die zu lesende Literatur vorbereitet hat, ist das im Endeffekt für alle Beteiligten deprimierend. Außerdem sollte die vorlesungsfreie Zeit nicht mit Ferien im klassischen Sinn verwechselt werden, da man üblicherweise einige Hausarbeiten zu schreiben hat.
Lea von Berg und Laura Hagen studieren Mittelalter- und Renaissance-Studien.

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