Von Stimmungsschwankungen und Magenbändern

Eva Hartmann

Gute Nachrichten: Gewichtshalbiererin Eva hat ihre Motivationskrise überwunden und mittlerweile ganze elf Kilo abgenommen. In ihrer heutigen Blogfolge erzählt sie von ihrer momentan trotzdem etwas schiefen Gemütslage und dem Unterschied zwischen eigenmotivierten und operationsbegründeten Abnehmerfolgen.

Seit fast einer Woche versuche ich nun, die neue Blogfolge auf die Reihe zu bringen - ich mache Fotos, überlege mir eine Gliederung nach der anderen, denke über den Aufbau nach, tippe Dutzende Textfragmente auf das digitale Papier. Und jedes Mal, wenn ich gerade eben meine, einen guten Ansatz gefunden zu haben, kippt meine Stimmung und ich verwerfe alles wieder.


Irgendwie fühle ich mich seltsam derzeit, und ich werde den Verdacht nicht los, dass das zumindest zum Teil mit meiner Gewichtsreduktion zusammen hängt.

Einerseits habe ich gute Erfolge zu vermelden: Neulich morgens strahlte mir die Waage 96,5 Kilo entgegen - das bedeutet, dass ich mittlerweile 11 Kilo abgenommen habe. Mit der langen Phase der Stagnation habe ich auch meine Motivationskrise überwunden und ich bin zuversichtlich, in den nächsten Wochen weitere Kilos zu verlieren. 
Der Gewichtsverlust macht sich bemerkbar: Wenn ich an mir heruntersehe, kann ich wieder meine Füße sehen. Das war während der letzten anderthalb Jahre nicht, bzw. nur mit lächerlich ausladendem Vornüberbeugen meines Oberkörpers möglich. Jetzt geht das ganz einfach: Runtergucken, Füße sehen.

Noch viel toller: Ich kann meine Beine wieder übereinanderschlagen, ohne die Hände zu Hilfe zu nehmen. Bislang konnte ich diese Sitzposition nur einnehmen, indem ich den einen Oberschenkel mit beiden Händen über den anderen hievte. Wenn das geschafft war, musste ich es, mit der Hand wahlweise am Schienbein oder an der Hose zerrend, in Position halten. Von alleine blieb es da nämlich nicht. Rutschte immer runter.

Das einzige was jetzt noch rutscht, ist meine Hose. Die, die ich gekauft habe, weil alle anderen zu groß geworden waren. Diese Hose schlabbert mir mittlerweile um Hüften und Oberschenkel und zum An- und Ausziehen muss ich sie nicht einmal mehr aufmachen.

Das sind beides tolle neue Features und auch, wenn ich gerade wenig enthusiastisch klinge, freue ich mich über diesen Fortschritt.
Trotzdem bin ich andererseits irgendwie niedergeschlagen, fühle mich angreifbar und bin derartig nachdenklich, dass ich mir damit schon selbst auf die Nerven gehe. Vielleicht ist an der gerne in hobbypsychologischen Stammtischgesprächen genannten Metapher vom Übergewicht als angefressene Schutzmauer ja doch was dran, und  wenn das so ist,  dann hat meine  Gemütslage vielleicht  damit zu tun, dass mit jedem abgenommenen Kilo weniger Distanz habe zu alldem, was so passiert.

Bis das wieder vorbei ist und/oder ich herausgefunden habe, woran es denn nun liegt, werde ich vielleicht einfach so tun, als sei alles wie immer und mich im Folgenden nach dieser etwas ungelenken Überleitung einem weniger privaten Thema ergeben:

Die Götter der selektiven Wahrnehmung wollen es, dass ich in letzter Zeit nur noch dicke Menschen um mich herum sehe. In der Bibliothek, in der Innenstadt, in der Straßenbahn - überall wimmelt es nur so von Dicken. Überall - nur im Fitness-Studio nicht. Außer mir sehe ich dort nur drei oder vier andere Dicke, die regelmäßig trainieren kommen. Alle anderen scheinen sich in den Wartezimmern der Stadt  über die neuesten Tortenrezepte zu unterhalten, oder pfeffern Woche um Woche neue Illustrierte mit den immergleichen Wunderdiäten auf dem Titelblatt in ihre Einkaufswägen. "7 Kilo in 10 Tagen" steht da drauf, oder "Abnehmen im Schlaf".

Während eines ausführlicheren Einkaufs im Supermarkt sah ich neulich eine etwa dreißigjährige Frau mit geschätzter Kleidergröße 58, die sich in der Feinkostabteilung drei Tafeln Schokolade krallte. Auf dem Schild, das über dem Korb mit der Schokolade hing, stand:

Diätschokolade aus Finnland. 100g EUR 6,75.

Für einen kurzen Moment stellte ich mir vor, wie reich ich werden könnte, wenn ich handelsübliche, billige Schokolade mit neuen Etiketten versähe und darauf schriebe: Diätschokolade vom Mars. 100g EUR 499, 98.

Nicht wenige dicken Menschen wären vermutlich tatsächlich desperat genug, diese Schokolade zu kaufen. Als ob man von ihrem Genuss schlank würde, nur weil sie sich mit dem Präfix "Diät-" schmückt. Ich würde gerne verstehen, ab welchem Zeitpunkt des Dickwerdens man die Fähigkeit verliert, gemäß irgendeinen gesunden Menschenverstandes zu denken. Es muss einem doch klar sein, dass "Abnehmen im Schlaf" ein irgendwie unseriöses Diätversprechen ist und Schokolade immer eine Kaloriensünde bleibt, auch wenn zehnmal "Diät-" davorsteht.



Dass das logische Denkvermögen offenbar proportional zur Gewichtszunahme abnimmt, kann, wer kein entsprechendes Anschauungsmaterial im Bekanntenkreis hat, prima anhand drittklassiger Talkshows studieren. Geht es dort ums Dicksein, sind meist folgende drei Typen als Gäste eingeladen:

Typ 1, weiblich, kommt auf hochhackigen Plateaus im Bademantel auf die Bühne geeiert und behauptet steif und fest, dass sie sich in ihrem Körper "pudelwohl" fühle und jedes Pfund an sich liebe. Um diesen Behauptungen ausdrucksstark zu untermauern, wird sie bald danach ihren Bademantel fallen lassen und ihre orangenhautübersääten Speckmassen, nur mit Unterwäsche bedeckt, einige Minuten lang zu "My Humps" in die Kamera schwingen. Den Rest der Sendung wird sie , ebenfalls in Unterwäsche, liegend auf einem mit blauem Samt unterlegten Früchtebuffet verbringen, sich von einem mittelmäßigen Künstler in Öl verewigen lassen und in unregelmäßigen Abständen ins Mirkofon krähen, wie wohl sie sich fühlt und wie sehr doch die Männer alle auf sie abführen.

Typ 2
bringt ebenfalls ein beachtliches Übergewicht auf die Waage, ist damit jedoch zutiefst unzufrieden, bekundet seinen Willen, endlich abnehmen zu wollen und erzählt ausführlich, welche Diäten er alle schon erfolglos ausprobiert habe. Jetzt hat er vor, sich als letzten Ausweg ein Magenbandeinsetzen zu lassen.

Typ 3
ist die ehemals Übergewichtige, die es dank Disziplin und Durchhaltevermögen geschafft hat, eine ganz unglaubliche Zahl (etwa zwischen 50 und 80) an Kilos abzunehmen. Nachdem sie allen erklärt hat, wie sie das gemacht hat, wird sie sich an Typ 2 wenden und ihm vor Augen führen, dass er niemals abnehmen wird, wenn er nicht seine Ernährung dauerhaft umstellt und regelmäßig Sport macht.

Typ 2 wird sich daraufhin entrüsten, wie sich das Typ 3 denn vorstelle, jeden Tag so umständlich und so aufwändig zu kochen! Das sei ja erstens teuer, zweitens lohne sich der Aufwand für eine Person nicht. Außerdem Sport: Wie denn, wo denn? So ein Fitnesstudio sei ja auch teuer und alleine mache das ja eh keinen Spaß, und dann dauere das Abnehmen ja trotzdem, selbst wenn er sich ganz dolle anstrenge, immer noch so lange und so weiter und so fort. Schnell wird klar: Der will zwar schlank werden, aber möglichst wenig dafür tun müssen. Ansonsten würde er einsehen, dass das Geld, das er sonst, ohne mit der Wimper zu zucken, für Süßigkeiten ausgibt, locker für die monatliche Studiogebühr reichen würde und Ernährungs"umstellung" nicht deswegen so heißt, weil damit alles beim Alten bleibt.

Deswegen auch das Magenband, trotz nicht nicht unkomplizierter Operation eine für viele Übergewichtige erstrebenswerte Option, denn außer sich unters Messer zu legen, muss man eigentlich nicht viel tun, um innerhalb kürzester Zeit riesige Mengen an Gewicht abzubauen. In den entsprechenden flickr-groups kann man solche Erfolge zuhauf bestaunen - inklusive der meist unvermeidlichen Folgeerscheinungen wie Fettschürzen und  Bindegewebsrissen um den Preis des Abnehmens ohne Anstrengung. Ob es das wert ist?


Wenn ich ganz ehrlich bin, kann ich dieses Verhalten durchaus nachvollziehen: Der Mechanismus, mit dem man seinen Hintern, anstatt ihn ins Fitnesstudio zu bewegen, auf dem Sofa belässt, um sich dort Schokoriegel um Schokoriegel in den Rachen zu schieben, ist in etwa vergleichbar mit jenem Mechanismus, der Raucher davon abhält, sich von ihrer Sucht zu trennen. Irgendwie weiß man ja ganz genau, dass das, was man da gerade tut, äußerst kontraproduktiv ist, aber die Bequemlichkeit treibt einen dazu, wider besseren Wissens auf jede Moral zu pfeifen, weiterhin der Sucht zu frönen und sich dabei sogar noch wie eine Art kriminalisierter Märtyrer zu fühlen. Wenn sich dann eine Chance böte, das Laster inklusive allen unterschwelligen Schuldbewusstseins ohne große Anstrengung loszuwerden, wäre ja doof, wer da nicht zugriffe...oder?  



Allerdings: Gäbe es dann etwas, auf das man ehrlich Stolz sein könnte? Irgendwie bin ich mir trotz aller - auch emotionaler - Anstrengung sicher, dass die Erfahrung, so etwas selbst und aus eigener Kraft zu schaffen, eine sehr wichtige ist, um die man sich nicht selbst besch*.... sollte.

Darin bestätigt fühle ich mich beispielsweise durch die Schilderungen von Shauna, einer australischen Bloggerin, die während der letzten sechs Jahre aus eigenem Antrieb und ganz ohne Magenband beinahe 80 (!!) Kilo abgenommen hat. Ihr sehr lesenswertes Blog zählt seit Beginn meines Projektes zu meinen Favoriten. Wenn ich mir ansehe, dass sie mittlerweile gemeinsam mit ihrem Mann in eine Hose passt, die sie noch vor einigen Jahren alleine ausfüllte, empfinde ich einen mordmäßigen Respekt vor dieser Leistung - ein Gefühl, dass bei der Betrachtung von magenbandbedingten Erfolgsfotos übrigens ausbleibt.

Außerdem motiviert mich die Hoffnung, irgendwann vielleicht selbst ähnliche Fotos von mir machen zu können und aus eigener Kraft endlich am Ziel angekommen zu sein. Bis es soweit ist, habe ich aber noch immer ein ganzes Stück Arbeit vor mir - in diesem Sinne: Ab ins Fitness-Studio!