Von Skinny Pigs und Wollknäueln: Zu Besuch in der Meerschweinchen-Notstation in Waldkirch

Jenny Grünewald

Kranke werden geheilt, Gesunde verliehen: Sonja Wernet hat in Waldkirch eine Meerschweinchen-Notstation gegründet. Wie es ist, mit einer Horde possierlicher Nager zusammenzuleben:



Wenn Sonja Wernet Blätter vom Salat rupft, ist im Wohnzimmer das Geschrei groß. Acht kleine Schweinchen recken dann die Nasen in die Luft und warten auf ihr Abendessen. Und das ist nur der kleinere Teil der Meerschweinchenschar: im Garten des Reihenhauses in Batzenhäusle reihen sich Ställe und Ausläufe aneinander und beherbergen meist zwischen 30 und 40 von den kleinen Tierchen. Jede Rasse und Farbe ist vertreten, von haarigen Wollknäulen, bei denen man kaum Vorne und Hinten auseinanderhalten kann, bis zu den fast komplett haarlosen Skinny Pigs.


Seit zehn Jahren betreibt Frau Wernet ihre Meerschweinchennotstation: sie nimmt die Tiere von Tierheimen, Tierschützern und Privatpersonen entgegen, pflegt sie gesund und vermittelt sie dann wieder in gute Hände. Die Liebe zu Kleintieren wurde ihr quasi in die Wiege gelegt, denn schon als Kind hat sie Tiere gerettet und im Keller versteckt bis sie ihr Hobby gegen ihre Eltern durchsetzen konnte.

Meerschweinchen im großen Stil aufzunehmen, das begann zusammen mit ihrer Tochter. Gemeinsam fanden sie bei einem Winterspaziergang in einem Garten einen Käfig mit zwei Meerschweinchen. Die hatte man einfach in die Kälte gestellt und gehofft, dass sie sterben. Sie durften die zwei Tiere mitnehmen und entschieden dann: Wir machen eine Notaufnahme auf.

Es begann mit nur einem Stall, mittlerweile ist jede Ecke der Wohnung und des Gartens belegt.  „Mein Mann hat immer gesagt: Jetzt ist Schluss, jetzt baut ihr nichts mehr! Und dann kam das nächste Projekt“, gibt sie lächelnd zu. Aber mittlerweile hat auch er Spaß daran gefunden und unterstützt sie.

Die älteste Tochter ist heute längst aus dem Haus, bleiben noch der 13-Jährige Sohn und zwei Kleinkinder. Ein ganz schön ausgefüllter Tag also. Aber Frau Wernet sagt entschieden:  „Wenn man irgendwas unbedingt will, dann geht das.“



Starke Nerven muss man aber schon haben, denn man sieht viel Krankheit und Tod. Ich frage Frau Wernet nach dem schlimmsten Erlebnis: Drei Meerschweinchen wurden zur Pflege bei ihr abgegeben mit Beulen am ganzen Körper. Blutergüsse, wie der Tierarzt feststellte, deren Blut einzeln mit Spritzen abgesaugt werden musste. Nur eins überlebte. Abgeholt wurde es natürlich nie wieder.

Sich wieder von den Tieren zu trennen und sie weiterzuvermitteln, tut natürlich manchmal weh. „Das ist schwer. Gerade wenn man viel Herzblut reingesteckt hat in ein Tier und es monatelang gesund gepflegt hat.“ Alte Meerschweinchen und chronisch kranke werden aber nicht mehr abgegeben. So zum Beispiel auch Edgar, der von Kindern fallen gelassen wurde und sich einen Wirbel brach. Er bewegt sich etwas langsamer als die anderen Tiere, legt beim Fressen den hinteren Teil seines Körpers ab. Sonst geht es ihm aber gut, er hat jetzt Gesellschaft, genug Platz.

Weil Meerschweinchen sehr soziale Tiere sind, darf man sie auf keinen Fall alleine halten. Mindestens ein Partner ist Pflicht. Für Menschen, die eigentlich mit der Kleintierhaltung aufhören wollen, bietet Frau Wernet Leihmeerschweinchen an, die nur so lange bleiben, bis das eigene Tier gestorben ist - dann kehren sie in die Notstation zurück.

Meerschweinchen sind unterschätzte Haustiere, erklärt Frau Wernet. Meistens als Kuscheltier und Anfängerhaustier für Kinder angeschafft, sind die kleinen Tierchen eigentlich in der Regel recht scheu und bleiben lieber auf dem Boden als auf dem Arm. Oft bringen ihr enttäuschte Leute ein oder zwei Tiere in einem viel zu kleinen Käfig vorbei und sagen: „Die machen ja nichts.“ Wie aufgeweckt Meerschweinchen sind, sieht man eben erst, wenn man sie in größeren Gruppen mit mehr Platz hält.

Abschließend sagt Frau Wernet ganz entschieden: „Das Meerschweinchen verkörpert für mich das ideale Haustier.“ Unglaublich niedlich und aufgeweckt, ein spannendes Gruppenleben, dem man stundenlang zuschauen kann. Eine Art Ruhepol. Auch ich darf mich mal eine Weile auf einen Baumstumpf im Gehege setzen und zuschauen, wie die Tiere um meine Füße herumwuseln.

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