Von Muschifurz bis Erektionsverlust: Der YouTube Kanal '61 Minuten Sex' will aufklären und unterhalten

Christina Fortwängler

Selbstbefriedigung, Oralverkehr, Sexspielzeuge: Zu diesen und anderen Themen informieren Gianna Chanel und Jan Winter auf ihrem YouTube-Kanal '61 Minuten Sex' - und das oft in zweifelhafter Sprache. Das Format zählt mittlerweile zu den beliebtesten Aufklärungsformaten im deutschsprachigen YouTube.



Einen Schwamm, ein Messer, ein Kondom und etwas Gleitcreme. Mehr braucht es nicht, um eine Taschenvagina selbst zu bauen. Jan Winter und Gianna Chanel, die Moderatoren von '61 Minuten Sex', dem Aufklärungskanal auf YouTube, zeigen heute, wie es geht.


Es ist Montag, das heißt für das Format: Spielzeugtag. „Statt eines Kondoms könnt ihr auch einen PVC-Handschuh nehmen“, sagt Jan Winter und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Vor ihm liegen die Utensilien ausgebreitet, die Kulisse ist unspektakulär: beige Wand, schwarzer Bartisch, Wohnzimmeratmosphäre. Gianna schneidet mit einem großen Messer eine Öffnung in den Küchenschwamm, rein mit Kondom und Gleitcreme – schön „handlich“ und „schnell zu verstauen“ soll sie sein, die selbstgebastelte Vagina. Die 26-Jährige führt testweise einen Finger ein: „Oh, das fühlt sich gut an“.

Bravos Dr. Sommer gab Generationen von Jugendlichen Tipps zu Petting oder erstem Mal, Oswalt Kolle revolutionierte die Sexualaufklärung in den 60er Jahren. Im Mikrokosmos YouTube möchte „61 Minuten Sex“ in einer ähnlichen Liga spielen: “61 MinutenSex ist der größte deutsche YouTube Kanal mit Aufklärungs-Videos“, heißt es in der Channel-Beschreibung. Sieht man sich die Zahlen an, könnte das sogar stimmen: auf über 70 Millionen Aufrufe und über 179000 Abonnenten hat das Format es seit seiner Gründung 2011 gebracht.

Jan Winter, sein Künstlername erinnert an das promovierte Gegenstück aus der Bravo, wollte damals eigentlich ein Aufklärungsbuch schreiben. Ein gleichnamiger YouTube-Channel sollte das Ganze voranbringen, mit dem Erfolg des Formats rückte das Vorhaben dann in den Hintergrund - der Titel ist geblieben. „Die Zahl 69 wäre zu eindeutig gewesen. Eine Minute mehr in '61 Minuten' soll hingegen Interesse wecken.“, erklärt der heute 33-Jährige Sexualpädagoge. Er betreibt das Format hauptberuflich.

Co-Moderatorin Gianna ist seit 2012 dabei. Sie ist attraktiv, trägt in den Videos figurbetonte Kleidung, ihre braunen Haare meist offen. Seitdem sei der Kanal noch erfolgreicher, sagt Jan. Das verwundert nicht: ihr Künstlername Gianna Chanel lässt an die Pornoindustrie denken, er klingt freizügig, frech und nach einem weiblichen Rollenklischee. „Wir haben uns kein konkretes Rollenkonzept überlegt“, entgegnet Jan. „Chanel wurde in Anlehnung an Giannas Hündin ausgewählt“. Man möchte es ihm nicht so richtig abnehmen, weisen Videotitel wie „Squirting – können Frauen abspritzen?“ oder „Wie tief ist eine ausgeleierte Vagina?“ doch in eine andere, geschäftstüchtigere Richtung.

"Das sind Klischees, die Jugendliche direkt ansprechen.", sagt Patrick Seger, er arbeitet im Bereich Sexualpädagogik und Aufklärungsarbeit bei Pro Familia Freiburg. „Wir waren letzte Woche bei einer Schulveranstaltung. In der Jungengruppe, die ich geleitet habe, kamen die sofort mit dem Format“, erzählt er.



Tatsächlich: Hinter vulgären Titeln wie „Muschifurz“, „Schließmuskel reißt – Notfall!“ und Standbildern von kopulierenden Pärchen, die Perücken tragen, findet sich für jugendliche oder auch ältere User eine umfangreiche Informationsquelle. Tabus werden angesprochen, sexuelle Hemmschwellen soziologisch erörtert – zum Beispiel, welchen Einfluss Erziehung auf die Einstellung zu Masturbation hat.

Detailliert und offen geben Gianna und Jan Tipps zu verschiedensten Themen. YouTube- und Facebook-Nutzer können posten, was sie interessiert, das Format soll interaktiv sein. „Wir möchten Antworten geben, die für viele verschiedene Interessen passend sind.“, sagt Jan Winter. Gefahrenprävention, Sexualtechniken, Körpergrundlagen – darum sollen sich die Videos drehen, von denen dreimal die Woche ein neues erscheint. In einem Video stecken ungefähr acht Stunden Arbeit; Fachliteratur, Internet und Zeitschriften dienen als Quellen.  

Dennoch: „Es kratzt vieles eher an der Oberfläche“, sagt Patrick Seger. Es sei zwar ein leichter, offener Zugang für Nutzer, sich die Informationen zu holen, die sie brauchen, qualitativ sieht er Platz nach oben. Auffallend seien pauschale und allgemeine Formulierungen. Positiv beurteilt er, dass das Format durch einen männlichen und einen weiblichen Part moderiert wird, was wichtig sei für gute Sexualaufklärung: "So haben beide Geschlechter einen Ansprechpartner und eine Art Identifikationsfigur".

„Blasen“, „Fingern“, „Fisten“ - eine unverblümte Sprache ist Mittel zum Zweck bei „61 Minuten Sex". Aber ist das per se etwas Schlechtes, gilt nicht: Haupstache Aufklärung? Patrick Seger ist zwiegespalten. "Sie ziehen genau diese Begriffe raus, die Jugendliche auch im Alltag verwenden. Die stehen einfach auf so was", sagt er. Er würde sich aber eine weniger provokative Aufmachung wünschen und mehr Tiefgang. "Gute Sexualaufklärung funktioniert durch unterschiedliche Methoden. Es gibt auch viele anschauliche Materialien und Methoden, die nicht so so reißerische Titel haben, wo auch das eigene Körpererleben ermöglicht wird".

Sexy Schwamm? Spielzeugtag :)

Quelle: YouTube


Eichel häutet sich - 3 Dinge die Mann wissen sollte

Quelle: YouTube


Mehr dazu: