Von Hirnwanzen und Fragemassakern

Dirk Philippi

Es soll Frauen geben, die gierig beteuern, dass Verlassenwerden im Gegensatz zum Schlussmachen die Qualität eines Gratis-Beischlaf- Abos in spe besitzt. Da kommt es gelegen, dass sie dies ganz einfach bekommen können. Drei bis vier Mal täglich ein "Was denkst Du gerade?" und weg ist der Kerl. Nichts treibt Männer so zielstrebig ins Singlesein wie das nervige Verstehensgedöns Ihrer Partnerinnen. Dabei sind es doch die Mädchen, die die Jungs erst zur Geheimniskrämerei treiben – meint jedenfalls Dirk.



Wisst Ihr, wer mir manchmal wirklich Angst macht? Psychologie-Studentinnen! Irgendwie verfolgen mich die Freudschen Heideröslein schon mein Leben lang. Sie waren immer da, sind noch immer da und werden wohl auch immer da sein. Sie beobachten mich, schauen mich an, lächeln verständnisvoll und lesen meine Gedanken. Das ist unheimlich und nervt.

"Du bist der klassische Instinkttyp", hat mich Inke (klassischer Psychologie-Studentinnen-Name!) einmal durchleuchtet, "der Prototyp eines Triebmenschen!" – Oh ja, so geht das bei denen. Zwei zentrale Begriffe gezückt, anvisiert und abgefeuert. Aus dieser Ecke musst du erst mal wieder rauskommen. Mein Über-Ich quatscht mit meinem Ich und mein Es verhandelt mit dem Ich ums Über-Ich? Klingt irgendwie nach üblem Drogenrausch, ist aber gar nicht so kompliziert – da muss man einfach nur die Inkes fragen.

Dabei ist es ja eigentlich ganz hübsch, dass es Menschen gibt, die sich mit mir beschäftigen, und denen es nicht egal ist, ob ich nachts von Eulen, Zähnen oder Tina Bordihn träume. Aber müssen die mich denn da unbedingt mit hinein ziehen? Für Hirnwanzen wie Inke, solche manischen Pseudo-Psychos, haben wir Jungs uns doch das ganze bescheuerte Versteckspiel erst ausgedacht!



Kennen gelernt habe ich Inke im Dunstkreis meines 2. Semesters, auf der WG-Party eines Studi-Kollegen. Die Inszenierung ist mit „Vorhof zur Hölle“ so kurz wie treffend umrissen. Dort eine Armada an lebensfeindlicher Flüssignahrung, hier diverse andere Exponate heimischer Giftmischerei. Das Publikum: überwiegend männlich, chauvinistisch und selbstzufrieden. Dazu zwei bis fünf verknallte PH-Studentinnen und Inke, das Psychologie-Erstsemester. Inke, Anfang zwanzig, wollte den guten Menschen schaffen, hauptsächlich aus sich selbst. Sie hatte einen roten Ponyverschnitt und diese allmächtigen, grünen Ich-verstehe-Dich-Augen. Auf ihrem grünen T-Shirt stand brusthoch „I know your codes!“ und irgendwie war sie schon ein steiler Zahn - eine sieben von zehn.

Ich kam damals mit Schmidti zur Party, zückte einen Dannemann-Zigarillo (das war mal unglaublich hip) und fläzte mich auf das verlauste Küchensofa, als Inke um die freie Sitzoption neben mir bat. „Na logo, hinsetzen und mittrinken!“, holte ich den Verbandsligist aus mir heraus, „und Schmidti, zwei Kolben für mich und die Prinzessin neben mir!“ Das war definitiv zu viel für Inke, zu viel der männlichen Geheimsprache.



„Ihr Jungs und Eure scheiß Namen! Ihr meint immer noch cooler zu sein, wenn ihr euch beim Nachnamen nennt oder euch so hässliche Spitznamen ausdenkt.“ - „Hey Rotze, was läuft so?“, fragte ich Müller aus dem Pädagogik-Seminar, den mit der ständig laufenden Nase, und schlug ihm dabei kräftig auf seine gemütliche Bierwampe. „Könnt Ihr nicht einfach mal nett ‚Hallo’ sagen, ohne dass es gleich aussieht wie ´ne Schlägerei? Euer Starksein kotzt mich echt an!“ Das reichte fürs Erste. Ihr Auftritt - mein Abgang. Zwei Sätze hatten gereicht, um Inke als unerträgliche „Was denkst Du gerade?“-Frau zu entlarven.

Wenn ich Martin „Schmidti“ nenne, dann mag das zwar lieblos klingen, hat aber in Bartkreisen seinen ganz eigenen Charme. Wenn sich zwei Jungs mögen, dann, und erst dann, wird es gerne heftig deftig und geradeaus: „Siehst ja heute mal wieder ganz schön fertig aus“, wird bei Männern geradezu ein Kompliment. Das müssen Frauen nicht verstehen, sollen sie auch gar nicht. Natürlich boxen wir uns in die Rippen, hauen uns auf den Rücken und spielen den archaischen Affen, aber während manche Weiblichkeiten uns dafür verurteilen oder gar denken, wir könnten uns nicht leiden, ist das in Wirklichkeit unser Beweis von innigster Zuneigung.

Ich hätte mir damals beim Kindergartenausflug in den Streichelzoo schon am liebsten beide Hände abgehackt, als ich den schmierigen Erwin an der Hand halten sollte. Bei Frauen ist das natürlich ganz anders. Frauen müssen sich immer anfassen und sie küssen sogar Menschen, die sie gar nicht küssen wollen. Vollkommen egal, ob Iris jetzt ´ne stressige Zicke ist oder Verena aussieht wie ne tapezierte blöde Kuh, abgeschmatzt wird jede. Frauen sind einfach kompliziert. Und vielleicht versuchen wir Jungs uns einfach nur dafür zu rächen.



Spät am Abend sehe ich Inke jedenfalls nochmals auf der Party und wie sie mir so versöhnlich zuzwinkert, sieht sie ganz schön sexy aus. Und sie ist definitiv eine dieser Mädchen, die ihr Spiel beherrschen: Als Effi, meine Ex, aus der Küche kommt, spürt man förmlich wie der bebrüstete Boardcomputer hochfährt: Die Züge werden im Voraus berechnet, Rochaden und Finten präpariert und niemals die direkte Eröffnung gewählt. Noch lange vorm „Hallo“ beginnt die Show. Das erste Anlächeln und der Datenabgleich startet: „Hatte sie das Kleid nicht schon letztes Mal an? Und sah es nicht da schon richtig beschissen aus? Und überhaupt, was soll das hässliche Tuch? Ist da etwa ein Knutschfleck drunter?“ Mit Lichtgeschwindigkeit werden die Informationen verarbeitet und gespeichert und dann zu einem stets spontan und ehrlich wirkenden Lächeln transformiert. Männer sind einfach eine komplett andere Baureihe. Bei uns gibt’s nur eins oder null: Freund oder Arschloch. Und danach spielen wir trotzdem mit beiden, Hauptsache wir gewinnen – aber das verstanden Psychologie-Studentinnen ja noch nie, was uns irgendwie stolz macht.

Schließlich landen Inke und ich wieder auf der Küchencouch und endlich hat sie mich dort, wo Psychologinnen einen haben wollen. „Weißt Du“, sagt sie, „ich würde es einfach nur gern verstehen, was Ihr da so veranstaltet. Es macht mich neugierig und irre zugleich.“ Halleluja! Hat sie es etwa doch durchschaut? Sie sollen es doch gar nicht verstehen, sondern irre werden, irre nach uns, den großen Geheimnisvollen. Es ist allein unser Jungens-Ding, unsere Freiheit, Sachen zu tun, für die wir bei ihnen keine Rechenschaft ablegen müssen! Und mal ehrlich, glaubt jemand wirklich, die interessanten unter den Frauen würden sich nach einem umdrehen, wenn sie ihn wirklich verstehen würden? Ein Frauenversteher ist doch eigentlich ein von Frauen Verstandener – und wer bitte will den schon?“



Inke starrt jetzt zuerst an mir vorbei und dann tief in mich hinein. Sie legt Ihren Kopf leicht zur Seite, rückt ein Stück weit näher und der Platz auf der Couch wird eng. Frau Hirndoktor hat angebissen – denke ich. „Was denkst Du jetzt?“, fragt sie.
Und dabei hätte ich Sie doch so gerne noch geküsst.

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