Von der Angst, abgeschoben zu werden

Jonas Nonnenmann

Das ist Asad mit seinen drei Kindern. Weil der Kurde in Syrien politisch verfolgt wurde, flüchtete er mit seiner Familie nach Deutschland. Zwar wird er momentan geduldet, doch lebt er in ständiger Angst, abgeschoben zu werden. Ein Besuch im Männercafé in der Bissierstraße.



Asad Yamil* (31) kennt sie gut, die Angst. Schon damals, als die Schergen des Regimes ihn an den Füßen aufhängten und seinen Kopf ins Abwasser tauchten, kam die Angst ihn regelmäßig besuchen. Asad landete im Gefängnis, weil er Flugblätter verteilte. Kurden forderten darin mehr Rechte ein. In Syrien ist das ein Verbrechen.


Nach sechs Monaten hinter Gittern war sein Körper so zerschlagen, dass die Ärzte ihn ins Krankenhaus schickten. Dort erholte sich Asad einen Monat lang, verabschiedete sich und arbeitete weiter an zwei Revolutionen, der kurdischen und einer ganz privaten. Letztere führte er gegen die eigene Familie, die seine große Liebe nicht akzeptieren wollte: Rosette (31), heute seine Frau. Asad und Rosette zögerten nicht lang. Jung und verliebt riefen sie den Imam, ließen sich trauen und zertraten die Mauern einer Tradition, die besagt, dass die Familie den Ehepartner wählt.

Abschiebung einer Vorzeigefamilie?

Heute haben die beiden drei Kinder, eine Duldung und ganz andere Probleme.

Glattrasiert, mit gebügeltem Hemd über der Jeans, sitzt Asad da und erwartet sein Schicksal. Keine Spur mehr von dem offenen Lächeln, das ihn sonst begleitet. Gleich wird er mit Thomas Zeller reden, Flüchtlingsbeauftragter vom Roten Kreuz, in einem Büro mitten im größten Flüchtlingswohnheim Freiburgs in der Bissierstraße: Bis zu 325 Menschen leben hier in zweistöckigen Betonklötzen, an denen der Putz von der Fassade bröckelt.

Vor etwa einem Jahr noch haben die Yamils hier gewohnt, Rosette fand es schrecklich. „Als meine Frau Spritzen auf dem Boden entdeckt hat, dachte ich nur: ‚Wir müssen hier raus‘“, sagt Asad. Nach monatelangem Warten und der Androhung einer Untätigkeitsklage gegen die Ausländerbehörde gelang ihnen, was in Freiburg kaum ein Asylbewerber schafft: Der Einzug in eine eigene private Wohnung. Kein Penthouse, aber ein Palast im Vergleich zu den Zimmerchen, in denen die Menschen in der Bissierstraße eingepfercht sind. Dort leben einige auf viereinhalb Quadratmetern, dem gesetzlich festgelegten Minimum.

Für Asad und Rosette ist das vorbei. Nach über sechs Jahren in Freiburg haben sie deutsche Freunde, sprechen Deutsch mit ihren Kindern und Sohn Adham (8) besucht die zweite Klasse in der Anne-Frank-Schule. „Eine Vorzeigefamilie“, sagt Thomas Zeller: „Adham ist sehr gut in der Schule, die Lehrer schwärmen von ihm.“ Nicht zuletzt das Verdienst der Eltern, findet er.

Was die Frage aufwirft: kann man eine Familie abschieben, die so integriert ist, dass sogar Wolfgang Schäuble anerkennend nicken würde?

Asad beugt sich auf dem Stuhl nach vorn, presst die Hände an die Beine und versucht, sich zu konzentrieren. Es sieht schlecht aus: 2005 wurde sein Asylantrag abgelehnt, der Einspruch in zwei Instanzen abgeschmettert. Rosettes Asylverfahren läuft zwar noch, sagt Thomas Zeller, aber der Anwalt habe gesagt, die Chancen auf Erfolg stünden nicht gut. „Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, ist ein Härtefallantrag“, sagt er.

Drei Tage Dunkelheit

In Syrien war Asad Mitglied der Demokratischen Partei Kurdistan-Syrien, eine Freiheitsbewegung der kurdischen Minderheit, die sich für demokratischen Wandel einsetzt. Seine Geschichte erzählt er so: Nachdem er eines Nachts plakatieren war, erfuhr Asad von Parteifreunden, dass einer der Plakatierer festgenommen wurde. Die Freunde sagten, er müsse sich verstecken, weil der Festgenommene vermutlich unter Folter Asads Namen verraten habe.

Ein paar Tage wartete Asad in Medan Abbas an der türkischen Grenze, bis Rosette und die Kinder kamen. Parteifreunde zahlten 5000 Euro an Schlepper, für die Flucht nach Deutschland. Für die Reise kauften die Yamils Proviant ein, versteckten sich in einem Lastwagen und kamen nach drei Tagen Dunkelheit in Düsseldorf an.

Dort stellten Asad und Rosette einen Asylantrag, infolge dessen sie getrennt vernommen wurden. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) lehnte den Antrag ab – unter anderem, weil man daran zweifelte, dass Asads Freund tatsächlich seinen Namen verraten hat. Begründung: in Syrien wurde nicht nach ihm gefahndet. Außerdem sei Asads Vortrag „oberflächlich und standardisiert“ gewesen. Asad sagt, er und Rosette hätten bei der Anhörung nur die wichtigsten Stationen der Verfolgung aufgezählt, um Widersprüche zu vermeiden.

Weil die Strategie nicht aufging, zittern die Yamils. Rosette erzählt, dass sie nächtelang wachliegt – aus Angst, dass die Polizei im Morgengrauen kommt. Dazu kommt das Arbeitsverbot und Sozialleistungen, die unter Hartz IV liegen. Ein Beispiel: Rund 40 Euro müssen Asad reichen, um Anwalt, Straßenbahntickets und jeglichen Luxus zu bezahlen.

„Es ist wie im Gefängnis“, sagt er, „ohne die Kinder würde ich verzweifeln.“



Eines hat Asad jetzt zur Genüge: Zeit. Drei oder vier Tage in der Woche verrichtet er Hausmeisterarbeiten in der Bissierstraße, ansonsten kümmert er sich um die Kinder. „Mir ist oft langweilig“, sagt Asad und Rosette erzählt, er habe in seiner Heimatstadt Aleppo dreizehn Stunden am Tag gearbeitet. Damals, in seinem ersten Leben, war Asad Schneider.

Heute gibt es vielleicht nur einen Ort, an dem man ihn wirklich versteht: Das Männercafé in der Bissierstraße. Einmal in der Woche trifft Asad sich dort mit Flüchtlingen, denen es so geht wie ihm. Kurden, Araber, Muslime, Christen: Dienstags im Café sind alle gleich und auch Männer mit Security-Schultern öffnen plötzlich ihr Herz. Die meisten kommen aus dem Irak, viele haben Angst. In letzter Zeit etwas mehr Angst, weil vor ein paar Monaten Kojo, einer der Cafébesucher, abgeschoben wurde.

„Er war ein guter Mensch“, sagen sie, einer, der Arbeit hatte und sich an die Gesetze hielt. „Kojo hatte eine Duldung“, sagt Nasser Khalil, Leiter des Cafés. Ein legaler Vorgang: unter bestimmten Voraussetzungen könne ein abgelehnter Asylbewerber „auch in dem Zeitraum, für den eine Bescheinigung über die vorübergehende Aussetzung der Abschiebung (Duldung) ausgestellt worden ist, abgeschoben werden“, schreibt der Pressesprecher des baden-württembergischen Innenministeriums. Nasser Khalil bringt die Folgen auf den Punkt: „Duldung heißt, dass du keine Ruhe hast“.

Doch es gibt auch Grund zur Hoffnung. Weil manch abgeschobener Asylbewerber in der Vergangenheit direkt in syrischen Gefängnissen landete, ist man auch in Stuttgart vorsichtiger geworden: 2010 zumindest wurde laut Innenministerium noch kein syrischer Asylbewerber abgeschoben.

„Wie geht es dir?“, fragt ein Freund. „Echt schlecht“, murmelt Asad, zuckt die Schultern und lacht. Lacht, als ob ihm plötzlich die Absurdität des Ganzen bewusst wird. Ich bin noch am Leben, sagt dieses Lachen, und: Irgendwie geht es schon weiter.

*Nachname geändert

[Fotos: Henrik Iber]

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