Von Darwin, Aluminium-Deo und Ketchup-Mayo-Pringles: Das Spiel Deutschland-USA aus fudder-Sicht

fudder-Redaktion

Schland-Girls, American Food und Erdbeersekt: Sechs fudder-Autoren haben das Deutschland-Spiel ganz unterschiedlich erlebt. Während Manuel Lorenz sein persönliches Geschmacks-Cordoba erlebt, isst Marius Buhl 4 Burger und 3 Hotdogs. Bernhard Amelung trifft derweil auf todesmutige Schland-Girls, Martin Herceg wütet über Fernsehwerbung, Marius Notter über den Kommentator und Carolin Buchheim bekommt von allem überhaupt nichts mit: Sie macht stattdessen Yoga.



Schland-Girl im Pelzmantel

von Manuel Lorenz

Fußballgucken im Wohnzimmer von Freunden. Sie schwanger, er glücklich. Ersteres hat vielleicht dazu geführt, dass meine Lieblingsgastgeber WM-Chips von Pringles gekauft haben. „Pringoooals“ steht mit Anspielung auf niemals enden wollenden Torjubel auf den Kartoffelscheibendosen. Die Sonderausgaben tragen die Jahreszahlen der deutschen WM-Siege: ’54, ’74, ’90. Klingt wie die Maße eines seltsam proportionierten Schland-Girls. Eine Sorte trägt die Zahl ’14 und eine brasilianische Flagge. Flavour: anscheinend „Chilli Samba“. Tatsächlicher Geschmack: Hering im Pelzmantel.

Eine Dose bleibt die ganze Zeit über verschlossen: die ’74er Edition mit deutscher Nationalflagge und Ketchup-Mayo-Flavour. Nach dem Chilli-Samba-Debakel fürchten wir das nächste Geschmacks-Cordoba.

Ein Freund schreibt mir eine SMS: „Langweiligstes Spiel ever.“ Das Gähnen von Recife. Irgendwas muss passieren – zumindest, hier, bei uns, im Wohnzimmer. Meine Gastgeber schauen auf die Ketchup-Mayo-Pringels, ich schaue auf die Ketchup-Mayo-Pringels, und dann, ungelogen!, es ist die 74-ste Minute, greife ich zur „Pringoooals“-Büchse der Pandora, öffne sie, greife hinein und schiebe mir einen ’74-er Chip in den Mund.

Zuerst: Action! Explosion! Endlich was los, hier! Dann: Ernüchterung. Ekel. Schluck Bier zum Runterspülen. Schaler Nachgeschmack. Und die Erkenntnis, dass nur eine Pringles-Sorte wirklich glücklich macht: „Original.“



Schleichwerbung und Aluminium-Deo

von Martin Herceg

Unglaublich viel Werbung hat das ZDF am Donnerstagabend zu bieten: Autos, Smartphones, Rasierer, Bier, Bau- und Elektronikmarkt. Besonders der Werbeclip eines Kölner Supermarktriesen unmittelbar nach Abpfiff nervt mich gewaltig: Während kleine Jungens Fußballspielen und ihre Väter im Deutschlandtrikot vor dem Fernseher jubeln, stehen die Mütter mit Schürzen geschmückt in der Küche und bereiten riesige Mengen Fleisch zu.

Als sich dann Schweini im nächsten Clip mit nacktem Oberkörper vor dem Spiegel stehend Aluminium-Deo in die Achselhöhlen pumpt, Robert Harting mich windschief von einem Sofa an der Copacabana anschaut, Jürgen Klopp Floskeln über Siegeswille los wird und Pep Guardiola irgendwas von Vorsprung stammelt, da wird es mir zu blöd - Fernseher aus.

Zum Glück ist wird das Achtelfinale am Montag erst um 22 Uhr angepfiffen, dann gibt’s wenigstens nur noch die übliche Schleichwerbung.

Verdauungsschlaf auf Flüssigkäse

von Marius Buhl

Stell dir vor, ein Fußballspiel ist so richtig langweilig. Die Innenverteidiger schieben sich lustlos den Ball zu, die Flügelspieler haben ihre Flügel gleich daheim gelassen und die Stürmer, verzeiht das Wortspiel, sind ziemlich windstill.

Und die gegnerische Mannschaft? Tut dasselbe in schwarzrotgold. Das Gähnen von Recife. Auf was könnte man sich da schon freuen? Naja, die Halbzeitpause natürlich. Aber nicht etwa - um dieses Missverständnis gleich auszuräumen - auf die halbgaren Halbzeitanalysen der öffentlich-rechtlichen Kanäle, nein, es geht natürlich ums Essen.

Die Mutter eines Freundes hatte die Idee, bei jedem Deutschlandspiel die Nationalspeise der Gegner aufzutischen. Vergangenen Samstag genoss ich ghanaisches Hühnchen und Hackfleisch mit Früchten und Ei überbacken, genannt Boboti. Gut, Boboti ist eigentlich südafrikanisch, aber da dürfen wir bestimmt europäisch-hochnäsig drüber weg sehen. Bela Rethy sagt ja auch immer "die Afrikaner", wenn er von der Elfenbeinküste redet.

Aber zurück zur Kulinarik: Da standen nun gestern auf den langen Tischen: Leckere Homemade-Burger, garniert mit Flüssigkäse aus der Flasche, daneben Marshmallows, fettige Cupcakes, Hotdogs mit Röstzwiebeln, Süßkram, Chips. Als Müller das 1:0 schießt, kehre ich gerade vom Buffet an die Leinwand zurück. Meine eigene Bilanz: 4 Burger, 3 Hotdogs, 1 Cupcake, zig Marshmallows und Gummikram. Das restliche Spiel? Ein gutgelauntes Verdauungsschläfchen! God bless American Food.



Does anyone know how Germany played?

von Carolin Buchheim

20 Uhr, 40°C, 40% Luftfeuchtigkeit, die Heizlüfter surren. Die acht Yogaschülerinnen und -schüler zupfeln die Handtücher auf ihren Matten zurecht, blinzelnd gegen das grelle Licht der Neonröhren, das ich angeschaltet habe, bevor ich auf das kleine Podest vor der Spiegelfront gestiegen bin.

"Guten Abend, good evening everyone! Welcome to your Bikram's Beginning Yoga Class", sage ich. "It's so nice you all came out tonight despite the world cup!" In diesem Moment fällt mir ein, dass ich in der Pause zwischen den beiden Stunden vergessen habe, den Ticker anzuschauen. "Does anyone know how Germany played?" Steve, Langzeityogabuddy und heute abend mit seiner Matte links vor mir: "It was 0:1 when I was on my way here." Steve ist US-Amerikaner. "For whom?" "Germany!"

Erdbeersekt im Straßenverkehr

von Bernhard Amelung

Sie ist groß, blond und trägt ultraknappe Hotpants. Sie trägt die Deutschlandflagge als Umhang. Ihre Freundinnen haben sich Deutschlandflaggen um die Hüften gewickelt, auf die Oberschenkel und ins Gesicht gemalt. Sie laufen die Eschholzstraße entlang, Richtung Schwarzwaldmilch und Haslacherstraße.

In den Händen halten sie Radler Light- und Erdbeersekt-Flaschen. Sie kommen, um zu feiern. Es sind Schlandmädels. Nur ein vorzeitiger Tod könnte ihrem Feier-Vorhaben ein jähes Ende setzen. Dann wär’s vorbei mit alkoholgetriebenem Knutschen und Fummeln – und sich dabei in die Arme eines Khedira oder Babyface Neuer träumen.

Ihr vorzeitiger Tod ist gar nicht so unwahrscheinlich. Sie hopsen und springen wie junge Rehkitze, auf dem Gehweg, vom Gehweg auf die Straße, auf der Straße. Dass dort aggressiver Fahr – und Stop-and-Go-Verkehr herrscht, blenden sie aus. Genauso auch die Jungs und Mädels zwischen Eiscafé Gioia und Brasil. Skateboardfahrer mit bodenlanger Deutschlandflagge, Radfahrer mit bodenlanger Deutschlandflagge. Bei einem verheddert sich die Flagge in den Speichen seines Rads, er knallt auf den Asphalt. Von hinten fährt ein Bus der Linie 14 an.

Aussichtsreichste Kandidatinnen und Kandidaten für den Darwin-Award 2014 sind für mich die in  SchwarzRotGold gewandeten Jungs und Mädels, für die es keine Verkehrsteilnehmer gibt, außer natürlich sie selbst.

Zuhause, auf’m Land: erholsame Ruhe. Jogger, Rennradfahrer, spielende Kinder, Rentner, die spazieren gehen. Drei, vier ältere Herren schauen das Spiel in der Kneipe. Die Nachbarn, Russen, bereiten Schaschlik vor. Ihr Sohn, vier Jahre jung, schreit: „Nein, nein, ich will kein Kapusta.“  Die Mutter antwortet auf Russisch. Der Junge tobt. Ich schließe das Fenster, Müller trifft zum 1:0.

Techno und Feuerwerk

von Marius Notter

Mein Moment des WM-Spiels? Keiner. Eine umgestoßene Bierflasche hätte den Action-Gehalt des Spiels verdoppelt. Aber nicht mal das geschah. Das Spiel begann spannend und wurde so unglaublich langweilig, dass mein Kopf das ein oder andere Mal auf die Brust sackte. Und das lag nicht an übermäßigem Bierkonsum.

Meine Spiel-Momente waren eher die Kommentare meiner Mitmenschen: "Boa, wie der Schiri da den Ami umgehauen hat, der denkt sich jetzt sicher auch: McFit hat sich gelohnt!". Oder: "Der deutschen Mannschaft fehlt der Techno, da geht ja mal gar nichts!"

Dann haut der Kommentator Oliver Schmidt noch den hier raus: "Die deutsche Mannschaft hat kein Feuerwerk des Hochglanzfußballs abgebrannt." Ich hoffe, dass das nächste Spiel wieder spannender wird.

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[Foto 2 in Collage 1 (Thomas Müller): dpa; Rest: privat]