Von Butterfly-Messern, alten Frauen und Zivilcourage: Auf Fahrscheinkontrolle mit den VAG-Prüfern

Daniel Laufer

Am 1.Mai schlug ein Schwarzfahrer einen VAG-Kontrolleur ins Krankenhaus - der Kontrolleur bleibt auf einem Auge vielleicht sehbeeinträchtigt. fudder-Autor Daniel Laufer hat nun drei Kollegen des Verletzten bei der Fahrscheinkontrolle begleitet. Eine Reportage über das Schwarzfahren und die, die es verhindern wollen:



Zwei junge Männer haben kein Ticket, sie fahren mit der Straßenbahn in Richtung Rieselfeld. Es ist der Morgen des 1. Mai, Fahrausweisprüfer der VAG kontrollieren. Noch in der Bahn entsteht eine Rangelei. An der Krozinger Straße wollen die beiden Schwarzfahrer zunächst fliehen, dann dreht einer doch um und schlägt dem Kontrolleur im Rennen die Faust ins Gesicht. Der 55-Jährige geht sofort zu Boden, zwei Wochen ist das jetzt her.


„Er hat einen Augenhöhlenbruch und Sehschwierigkeiten. Für ein paar Tage war er im Krankenhaus. Jetzt muss man abwarten, was die Ärzte in der Augenklinik sagen – ob er auf dem Auge jemals wieder richtig sehen wird.“ Heiner (56) kennt das Opfer gut, die beiden telefonieren zurzeit fast täglich. Seit über 20 Jahren sind sie Kollegen bei der VAG.

Auch Heiner ist Kontrolleur. So etwas wie am 1. Mai hat er schon lange nicht mehr erlebt. „Wir sind alle bestürzt“, brummt er. Roland (50) sitzt daneben und nickt stumm, Armin (44) fügt hinzu: „Die Gewaltbereitschaft hat in den letzten Jahren ganz klar zugenommen.“ Die Kontrolleure werden geschult, sie können an Deeskalationstrainings teilnehmen. „Aber wie soll man jemandem etwas deeskalierend erklären, wenn er schon wegen 2 Euro 20 gewaltbereit vor einem steht?“ Neun der 30 VAG-Kontrolleure sind mittlerweile Profis, sie kommen Großteils aus dem Sicherheitsgewerbe. Das sind keine Türsteher-Typen, wie man mir versichert: „Die haben früher zum Beispiel mal Geldtransporte begleitet.“



Die Bahn kommt. Wir steigen am VAG-Zentrum ein und fahren eine Station bis zur Endhaltestelle. Ich begleite Heiner, Roland und Armin auf ihrer Tour durch Freiburg. Manchmal fahren die drei auch selbst Bahnen oder Busse, heute aber sind sie als Kontrolleure unterwegs – wenn möglich, immer mit so viel Personal, dass sich jeder auf eine Tür konzentrieren kann.

„Die Fahrausweise bitte.“ Der unbeliebte Satz. Passagiere kramen in ihren Taschen. Es ist kurz vor 12, die ersten Schüler fahren schon wieder nach Hause. Einer zeigt seine Regiokarte und die Stammkarte (für die Schülerermäßigung). „Laut dem Schulstempel ist die Stammkarte von 2011“, sagt Heiner. Der 15-Jährige stottert. „Ich weiß nicht, warum – die ist ganz neu!“ Einen Ausweis hat er nicht. Also vergleichen die Kontrolleure den Namen auf der Stammkarte mit dem auf den Schulbüchern, dann darf der Schüler gehen. 7 Euro muss er trotzdem nachzahlen und die Stammkarte mit neuem Stempel innerhalb einer Woche vorzeigen. „Viele lernen nicht mehr, sich selbst an die Nase zu fassen und Fehler auch mal zuzugeben“, ärgert sich Armin.

Verdächtige Umhängetaschen

Etappe für Etappe fahren wir in Richtung Innenstadt. Jedes Mal, wenn die drei eine Bahn betreten, stürmen Gäste zum Fahrscheinautomaten. Kein Wunder: Wer regelmäßig fährt, erkennt die Kontrolleure sofort – nicht nur an den verdächtigen Umhängetaschen, auch an ihren suchenden Blicken. „Uns ist das recht“, erklärt Heiner. Man wolle ja keine Schwarzfahrer finden, sondern erreichen, dass jeder Fahrgast ein Ticket hat. Eine Provision gibt es sowieso nicht. Viele kennen irgendwann selbst die Gesichter der Kontrolleure.



Armin nervt das manchmal. „Es ist egal, ob ich im Dienst bin oder nur in die Stadt fahre, um eine Wurst zu essen: Wenn ich einsteige, gibt es sofort ein Gedränge am Ticketautomat.“ Ob sie denn gleich erkennen, wer ohne Fahrschein unterwegs ist? Heiner findet, dass man mit der Zeit ein Gespür dafür entwickelt. „Ich beobachte schon, wie sich die Kunden an der Haltestelle verhalten. In der Bahn warte ich, bis jeder einen Platz gefunden hat – dann beginne ich mit der Kontrolle. Wer jetzt plötzlich aufspringt, den spreche ich gleich an.“

Im vergangenen Jahr hat die VAG 460.808 Fahrgäste kontrolliert. Bei 9610 gab es ein Problem mit dem Ticket, etwa die Hälfte davon ist schlichtweg schwarzgefahren. Heute werden Heiner, Roland und Armin fast bei jeder Kontrolle fündig. Am Bertoldsbrunnen machen sie dann einen großen Fang: Fünf Personen haben kein gültiges Ticket. Armin kassiert die Personalausweise ein, dann heißt es: aussteigen. Eine junge Frau ist genervt. „In Mannheim dürfte ich mit diesem Fahrschein noch fahren!“, behauptet sie. In Freiburg nicht, sie muss die 40 Euro Strafe blechen.

Eine andere Frau meint: „Ich wollte gerade umsteigen und dann mein Ticket lösen!“ Sie steckt den Überweisungsträger ein. „Das ist jetzt schon etwas ätzend.“ Immerhin ersparen sich alle fünf die Anzeige. Sie folgt nur, wenn die Polizei eingeschaltet werden muss.



Wenn die Kontrolleure durch die Bahnen gehen, ernten sie einige böse Blicke, meistens kommen sie mit den Kunden aber klar. „Manche haben sogar Verständnis für unsere Arbeit“, sagt Armin. Sollte das nicht eigentlich die Mehrzahl sein? „Die allgemeine Sicht geht da leider in eine andere Richtung. Man kämpft fast gegen Windmühlen.“

Unbeteiligter zückt Butterfly-Messer

Das stinkt ihm. Vor einiger Zeit hat er in Haslach ein Pärchen beim Schwarzfahren erwischt. Mal wieder hat sich ein Unbeteiligter eingemischt. Die Situation ist eskaliert. „Es kam zu körperlichen Auseinandersetzungen. Ich habe ein paar Tritte abgekommen, mein Eingabegerät ist dabei kaputt gegangen. Als ich den anfangs noch Unbeteiligten festheben wollte, hat er dann ein Butterfly-Messer gezogen.“

Die meisten Kontrolleure haben solche Erfahrungen schon gemacht. Armin wurde leicht an der Hand verletzt und war für ein paar Tage krank geschrieben. „So etwas will ich nicht nochmal erleben. Aber das könnte schon in der nächsten Bahn wieder passieren.“ Vor allem an den Wochenenden wächst die Wahrscheinlichkeit, erst recht im Sommer, wenn die Hitze kommt. Spätestens zum Monatsende läuten bei Armin die Alarmglocken. Dann haben viele kein Geld mehr in der Tasche. „Je nachdem, was in der Stadt los ist, und in welcher Besetzung man auf Kontrolle geht, bekommt man schon ein mulmiges Gefühl.“

Wir fahren mit der 2 Richtung Günterstal. Es ist ein friedlicher Tag, den meisten Widerstand leistet eine alte Dame. Heiner kontrolliert sie, aber sie hat keinen Fahrschein. „Wollen Sie mich aufschreiben?“, fragt sie etwas patzig. „Ich habe immer einen Fahrschein. Nur halt nicht heute.“ Sie zeigt auf ihre weiße Lederhandtasche. „Ich habe umgepackt.“ Es bringt nichts – auch Geld hat sie keines dabei. Heiner lässt sie ziehen, sie steigt aus und verspricht, gleich zur Bank zu gehen, damit sie ein Ticket lösen kann. „Wir sehen uns dann auf der Rückfahrt“, verabschiedet er sich.



Ein Problem sind die „Härtefälle“, zum Beispiel bei Großereignissen wie Demos, Veranstaltungen oder Sportclub-Spielen. „Man sollte sich schon mal Gedanken machen, wie das hier mit den Kontrollen weitergeht“, findet Armin, „gerade im Spätverkehr. Freiburg wird immer großstädtischer. Die Dinge, die man früher mal im Fernsehen gesehen hat, über Berlin, München oder Hamburg, mit Raub und was weiß ich was...“ Er beendet den Satz nicht. Dann meint er: „Da brauchen wir bald nicht mehr in den Fernseher zu schauen, sondern nur noch an den Bertoldsbrunnen und haben das dort auch – das ist meine Meinung.“

Roland erzählt, wie er erst vor kurzem einen Einbrecher dingfest gemacht hat – durch puren Zufall. „Da saß einer in der Bahn und hat sich schlafend gestellt. Er hatte keinen Fahrschein und wollte zur Tür springen, aber ich hab ihn noch im Genick erwischt und wieder reingezogen. Er hatte keinen Ausweis dabei, also haben wir ihn der Polizei übergeben. Am nächsten Tag hab ich dann erfahren, dass er denen erst eine Stunde vorher abgehauen war. Die hatten ihn auf frischer Tat bei einem Einbruch ertappt.“ Nur wurde sein Kollege bei diesem Zwischenfall leicht verletzt – und der Einbrecher hatte Hepatitis. „Da sind wir erst mal wieder zum Arzt und haben uns durchchecken lassen.“

Die Belastung hat über die Jahre zugenommen, finden die drei. Zwei Kontrolleure hätten sich in den letzten anderthalb Jahren schon zurück in den normalen Dienst versetzen lassen. Es ging einfach nicht mehr. „Vielleicht wegen Schlafstörungen, psychischer Probleme oder dem Umgang mit dem Kunden“, mutmaßt Armin. „Es wird überhaupt immer schwieriger, Leute zu finden, die diesen Job machen wollen.“

Was nicht heißen soll, dass er seine Arbeit nicht mag. „Die Abwechslung macht Spaß. Man ist mit den Kollegen unterwegs. Jederzeit kann ein Anruf kommen und plötzlich muss man wieder irgendwo einspringen. Dann fährt man auf einmal für ein paar Stunden die Buslinie 10.“ Armin überlegt kurz. Was er sich wünscht? „Mehr Zivilcourage und Mithilfe von der Freiburger Zivilbevölkerung – wenn es dann doch mal eng wird.“

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