Vom Verfehlen elitärer Ansprüche

Philipp Aubreville

Dass in den Hörsälen der Freiburger Elite-Uni auch recht unmotivierte Gestalten sitzen, ist fudder-Mitarbeiter und Erstsemester Philip herzlich egal. Denn abgesehen vom Konkurrenzausschlussprinzip, das in den Geisteswissenschaften eine Rolle spielt, sind seine KommilitonInnen eigentlich ganz nett.



Nach Sara kamen Philipp, Jannis und Robert. Dann Jonas und später noch ein weiterer Jonas. Oder erst Rebekka? Ich weiß es nicht genau. Doch da eine lineare Chronologie spätestens seit Pulp Fiction die Relevanz eines Bielefelder Anschlusstreffers besitzt, ist das auch ziemlich egal. Viel wichtiger als die Reihenfolge in der, ist die Tatsache dass ich sie kennen gelernt habe: Meine Kommilitonen.


„Kommilitonen“. Als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal mit diesem Wort konfrontiert wurde, schaute ich bei Wikipedia nach und stellte fest, dass es soviel wie „Mitstudent“ heißt. Nicht jeder tickt so – manche wissen um derartige Wortbedeutungen schon aufgrund ihrer akademischen Herkunft, andere gehen in die Universitätsbibliothek und wieder andere leben nach dem Motto „was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ – zumindest dann, wenn das Ganze nicht prüfungsrelevant ist.

Eine derartige Heterogenität von Arbeitsattitüden passt manchem nicht in die harvardesken Vorstellungen einer Elite-Uni – mir hingegen ist es herzlich egal, ob neben mir unmotivierte Gestalten in der Vorlesung sitzen oder der künftige Geschichts-Messias, der Guido Knopp endlich vom TV-Thron stößt. Wie ein Dopingfahnder im Team Telekom kann ich jeder Option etwas Positives abgewinnen.



Klar – schlechte Referate können etwas von einer zahnärztlichen Wurzelbehandlung haben und demonstratives Desinteresse führt gelegentlich zu fast sozialpädagogisch anmutendem Verständnis für den Dozenten. Aber mich deswegen aufregen? Spätestens im nächsten Sommerloch werden Focus, Spiegel und Stern mir wieder indirekt auf die Nase binden, dass ich mich als Bachelor-Student der Geisteswissenschaften über jeden Mitstudenten freuen kann, der desinteressiert, unmotiviert und ungenügend elitär ist – und somit keine Konkurrenz beim Kampf der Kommilitonen um rare Jobs darstellt.

Für unglaublich tiefgründige und wissenschaftliche Debatten gibt es noch genug andere, interessierte Kommilitonen – und auch die fragen manchmal nach der Prüfungsrelevanz. Denn, wie es einer meiner Mitstudenten ausdrückte: „Die können nicht erst den Studiengang total verschulen, um dann großartig selbstständig-wissenschaftliches Arbeiten im ersten Semester von uns zu erwarten“. Oder, um es mit einer Kommilitonin zu sagen: „Bei drei bis vier Klausuren in einer Woche muss man halt Prioritäten setzen.“ Diese beiden lesen dennoch auch Bücher, die nicht einmal annährend Seminar- oder Vorlesungskomplexe berühren.



Doch darum geht es gar nicht. Auch wenn Sara, Philipp, Jannis, Robert, die beiden Jonasse und Rebekka nicht allesamt so klausurjenseitig interessiert wären, wie sie es sind – meine ganz private socialising-darwinistische Auslese hätten sie trotzdem überstanden. 

Und auch jenseits der neuen engeren Freunde spielt für das eventuelle Verfehlen von Elite-Ansprüchen keine Rolle: Denn selbst die KommilitonInnen, die man nicht ständig zwischen den Bücherregalen trifft, sind eigentlich ganz nett. Und das ist nicht prüfungsrelevant!