Vom Nervenkitzel, über den Uni-Innenhof zu gehen

Hengameh Yaghoobifarah

Bohrende Blicke, hämisches Grinsen, gemeines Geflüster: Für fudder-Autorin Heng gleicht jeder Gang über den Uni-Innenhof einem Spießrutenlauf. Einbildung? Paranoia? Vielleicht. Aber es fühlt sich verdammt echt an.



Wenn ich in etwas gut bin, dann darin, mich in Unsicherheiten hineinzusteigern. Bemerke ich irgendwo einen Sprung im Glas, bin ich mir sicher, dass das Ding in den nächsten zehn Minuten explodiert, läuft im Dunkeln jemand hinter mir, bereite ich mich mental auf Selbstverteidigung vor und habe ich mich einen Tag lang ungesund ernährt, fürchte ich am Folgetag eine böse Überraschung auf der Waage.


Dass nicht eines dieser Szenarien eintritt, bestätigt nur ihre Unberechenbarkeit. Die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich vom Zufall in den Bauch gekickt zu werden, ist gering, dessen bin ich mir schon bewusst - und die Konsequenzen sind ja auch nicht immer schwerwiegend.

Eine Sache, die mir aber besonders Sorgen bereitet, ist das Überqueren des Uni-Innenhofs. Mit dem ersten Schritt auf dem grauen Steinboden werde ich in den Abgrund des Selbstzweifels und der Minderwertigkeitskomplexe gesogen. Plötzlich durchlöchern mich bohrende Blicke, und ungezählte Augenpaare betrachten mich abwertend. Mit hämischem Grinsen flüstern die Beobachter sich zu, wie scheußlich mir das Shirt steht, wie dick meine Oberschenkel sind, und sie fragen sich, ob ich mein Gesicht als Verhütungsmethode einsetzen wolle.



Will ich mir das Haar richten oder mein Kleid zurechtrücken, könnte ich als arrogant und selbstverliebt herüberkommen, senke ich mein Kinn, werde ich für einen Emo ohne Selbstwertgefühl gehalten.

Zugegeben: Es handelt sich wieder um reine Einbildung von mir – glaube ich zumindest, so sicher kann man sich ja nie sein, oder?

Die auf ein paar hundert Quadratmetern gestreute Verunsicherung trage nicht nur ich mit mir. Als ich meine Kommilitonen gefragt habe, wie sie sich fühlen, wenn sie alleine über den Platz laufen, gestanden sie mir ein, dass sie am liebsten an ihrem Handy herumspielen, um den musternden Blicken zu entfliehen.

Musternde Blicke? Mag sein, dass wir eine Paranoia mit uns herumtragen. Wenn ich unauffällig zu den Leuten auf den Bänken schiele, unterhalten sie sich meistens, lachen, lesen, fokussieren ihr Sichtfeld für maximal zwei Sekunden auf mich, registrieren mich wahrscheinlich nicht mal.

Warum bilden wir uns aber ein, sie würden sich über uns lustig machen oder uns abwertend betrachten? Sind wir zu ängstlich, zu verunsichert? Nehmen wir uns selbst zu ernst?



Wenn ich mir an die eigene Nase fasse, erwische ich mich schließlich auch mal dabei, andere Leute zu beobachten, und in dem Moment kommt es mir normal vor - es gibt ja keinen bösen Hintergedanken dabei. Trotzdem verharre ich in Oberflächlichkeiten, finde zum Beispiel den Kleidungsstil anderer hässlich, die Deutschlandschminke patriotisch oder das Übereinanderherfallen im Imbiss unangebracht. Macht mich das zu einem schlechten Menschen?

Vermutlich nicht. Wahrscheinlich steigern wir uns nur in unsere eigenen Schwächen hinein, gestehen uns nicht ein, dass wir anderen gefallen wollen, obwohl wir nach Außen hin gleichgültig auf die Meinung anderer reagieren. Oder aber sind im Wissen, wie wertend wir selbst in diesen Situationen sind und haben Angst davor, dass dasselbe mit uns gemacht wird.

Vielleicht bekommt auf dem Walk of Shame jeder das, was er verdient: Sei es Selbstzweifel, ein Egopush - oder eine Portion Taubenscheiße auf den Kopf.

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[Bilder: Julia Nikschick]